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Nee, jetzt: Russenmafia auf Patrouille?

29/01/2016 18:10 CET | Aktualisiert 29/01/2017 11:12 CET
dpa

"Mein Mann geht jetzt nachts mit seinen Freunden auf Patrouille" sagt Olga, 22, Auszubildende im 2. Lehrjahr sichtlich stolz, wenn die Rede auf die Kölner Silvestereignisse kommt. Die junge Frau, Kind russischer Migranten in zweiter Generation, ist schon seit ein paar Jahren verheiratet, es war eine "echt russische Hochzeit", wie sie sagt.

Für die alle, denen an dieser Stelle die nötige interkulturelle Kompetenz fehlt: Das ist eine Hochzeit mit ungefähr 300 Verwandten und Bekannten von Düsseldorf bis weit hinter Moskau, viel Wodka und einigen tausend Euro Schulden hinterher, sofern das Geld nicht aus dunklen Kanälen kommt.

"Die machen Patrouille mit Schlagstöcken", fährt sie fort, "seit letzter Woche darf man das, sagt mein Mann", sagt sie. Ihr Mann: Auch Russe, das tut aber eigentlich nicht viel zur Sache, eigentlich. - Nee, jetzt!

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Die wollen die Frauen schützen, sagt mein Mann

"Die wollen die Frauen schützen, sagt mein Mann", sagt sie und sie und ihr Mann stehen mit dieser Meinung nicht allein. Überall im Land schließen sich die von Pegida, AFD und den rechtsextremen Parteien aufgeschreckten Angstbürgerinnen und -bürger zu so genannten Bürgerwehren zusammen, laufen Streife, drohen mit "Nachtwachen" vor Flüchtlingsunterkünften und hetzen gegen "Brandmörder und Vergewaltiger", so wie dies nach einer Meldung des Tagesspiegels vom 1.1.16 der stellvertretende NPD-Chef von Rheinland-Pfalz stellvertretend für all die anderen geistigen Brandstifter aus der rechtsextremen und pegidaisierten Szene getan hat.

Erst eins, dann zwei, dann drei, dann viele Klingenthals

Was aus Klingenthal im Südosten des sächsischen Vogtlands bekannt wurde, klingt wie aus den Zeiten der NS-Volksgemeinschaft. Das, was dort im Vogtland, in der tiefsten Provinz, passiert, wo auf Kundgebungen der Bürgerinitiative für ein schönes und sicheres Klingenthal schon seit einiger Zeit ein paar hundert Angst- und Wutbüger zusammenkommen, hat längst schon andernorts Schule gemacht, das ist bekannt.

Man demonstriert häufig, stimmt "Wach auf, wenn du ein Vogtländer bist" an und will im ganzen Chor am liebsten mit dem Trallala um die Flüchtlinge aufräumen, zumindest aber den angeblich drohenden Singsang eines Muezin in der so weltoffen deutschen Musikstadt der Harmonikaspieler verhindern.

Angstbürger und Angstbürger 2.0 im Gründerfieber

Jetzt aber, will man mehr: Wenn die Polizei nicht mehr Präsenz zeigt, wollen die Bürgerinitiativler die Dinge selbst in die Hand nehmen. Eine Bürgerwehr soll her zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger vor den paar in der Stadt untergebrachten Flüchtlingen. Das Bürgerwehrgründerfieber hat sich bei Angstbügern und ihren Stichwortgebern in der Bundesrepublik zwischen Esslingen und Düsseldorf, wo sich laut einer Meldung der Deutschen Presseagentur vom 13.01.2016 mehr als 13 000 Menschen der Facebook-Gruppe "Einer für alle, alle für einen...Düsseldorf passt auf" angeschlossen haben, rasant ausgebreitet.

Saubermänner und "Russenmafia" Hand in Hand

So patrouillieren also vielerorts schon selbsternannte Sheriffs und Hilfssheriffs vorwiegend bei Dunkelheit (wann sonst!), am liebsten noch mit einem scharfen Schäferhund, durch die Fußgängerzonen oder ziehen sonstwo um die Häuser. Ob die "Russenmafia" dabei ist? - Keine Ahnung.

Trotzdem: Olga und ihren Mann wird's freuen. "Wissen Sie, wir Russen haben zwei (?) Kriege gewonnen, wir sind so", sagt Olga. "Und wenn mein Mann einen Schwulen trifft, dann haut er ihm eine in die Fresse, kann ich nichts machen, so ist mein Mann." - Nee, jetzt! -

"Ja, so sind wir in Russland", sagt sie weiter und über ihren Mann: "Mein Mann würde da unten nie einfach abhauen, sondern mich und meine Familie beschützen, sagt mein Mann", sagt Olga und strahlt. - Wie jetzt, wenn ihr aber in Madaja verhungert? "Trotzdem" würde der Mann von Olga sagen, sagt sie.

Wir kennen das: "Saisonbeginn"

In Klingenthal gibt es wahrscheinlich genauso viele Angstbürger wie anderswo und hier können und sollen wirklich nicht alle über einen Kamm geschoren werden. Klingenthal könnte heute überall in Deutschland sein. Die knapp 9.000 Einwohner leben vom Tourismus, die Kleinstadt ist den Wintersportfreunden wegen ihrer Großschanze bekannt, auf der im Jahr 2012 auch Deutschlands Superspringer Severin Freund mal triumphierte.

Aber irgendwie ist eben in die Schlagzeilen gekommen, dass viele Klingenthaler so gar nicht Freund dessen sind, was mit den Flüchtlingen derzeit in Deutschland passiert. Auch das qualifiziert nicht jeden zum Rechtsextremisten und Rassisten, wohlgemerkt!

Wieder Saisonbeginn?

Was aber zu denken gibt, ist das, was Elisabeth Langgässer vor langer Zeit in ihrer mahnenden Kurzgeschichte Saisonbeginn so treffend gestaltet hat: In einem kleinen Kurort in den Bergen bereiten sich zur Zeit des Nationalsozialismus Bürger und Bürgerinnen auf die neue Saison vor und lassen ein Schild errichten, an dessen Inschrift keiner dort droben, wo "die Wiesen wieder in Saft und Kraft" stehen, Anstoß nimmt.

Dort oben, weit weg von den Zentren, sind "auch die Häuser und Gasthöfe (...) wie neu: ihre Fensterläden frisch angestrichen, die Schindeldächer gut ausgebessert, die Scherenzäune ergänzt". - Ja und? - Das Schild, Klingenthaler Bürgerinitiativler für Schönheit und Sicherheit hört her: Das Schild, das am Ortsrand des Kurorts in den Bergen neben einem Christuskreuz aufgestellt wird, trägt die Inschrift: "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht."

Olga, wie jetzt?

Olga, wie jetzt, lies deinem Mann mal die Geschichte vor und erkläre ihm, was sie noch heute bedeutet, auch wenn für ihn, die Bürgerwehrler und die Angst- und Wutjäger die Jagdsaison mit der rassistischen Hatz auf Flüchtlinge und Homosexuelle längst begonnen hat.

Viel Hoffnung fürs Lesen besteht indessen nicht, denn die Zeit ist für Olga und ihren Mann knapp. "Wir wollen unbedingt nach Russland zurück. Wissen Sie, Putin ist eben unser Mann." - Reisende soll man nicht aufhalten, schon gar nicht, wenn es in den kalten russischen Winter geht.

Besuch vor Ort: Auf einen Kaffee bei einem Wutbürger

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