BLOG

Wie die AfD ihren Anhängern sogar Bargeld als Falle verkauft

24/03/2016 16:58 CET | Aktualisiert 25/03/2017 10:12 CET
Getty Images

Wo immer es geht, sucht die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) Anschluss an politisch-gesellschaftliche Diskurse und Auseinandersetzungen, bei denen sie sich als entschiedene Sachwalter der "kleinen Leute" verkaufen kann.

So wundert es auch nicht, dass sie ihre europafeindlichen Positionen auch bei der Auseinandersetzung um die Abschaffung des Bargelds weiter unter die Leute bringen will und eine "Kampagne gegen die Abschaffung des Bargelds gestartet hat.

Mit einer eigenen Webseite für ihre Kampagne gegen das Bargeldverbot wollen sich die "Rechtspopulisten im Umfeld von seriösen Medien der bürgerlichen Öffentlichkeit wie z. B. der Süddeutschen Zeitung, der faz, dem Tagesspiegel, der Welt, n-tv oder wallstreet-online präsentieren, die zum Teil kritische Beiträge zu den Plänen für die Abschaffung des 500-Euro-Scheins und der Zukunft des Bargelds veröffentlicht haben.

Mit Links auf solche Beiträge und einem Layout, das diese Beiträge von denen der AfD nur wenig abhebt, soll der Eindruck erweckt werden, dass die Positionen der AfD in dieser Frage im Grunde genommen der auch von anderen erhobenen Kritik an einer bargeldlosen Zukunft entsprechen.

Zugleich wird so getan, als seien die politischen Forderungen und Konzepte, welche die AfD in dieser Frage verfolgt, die konsequente Umsetzung der "gemeinsamen" Kritik in politisches Handeln.

Was andernorts als "Lügenpresse" verdammt wird, avanciert in diesem Kontext als anerkannter Stichwortgeber für die AfD.

Ein Container zur Rekrutierung von Unzufriedenen: Die Kampagnen-Webseite "Bargeld lacht"

Die Webseite soll aber auch neue Anhänger rekrutieren.

Diesem Zweck dienen nicht nur die Aufforderungen, die wenigen Statements, die auf der Seite zu finden sind, per Klick zu sharen, sondern auch die E-Mail-Adresse zu hinterlassen, um in den regelmäßigen Genuss des angebotenen Bargeld-Newsletter-Service zu gelangen.

Die Teilnahme an einer Abstimmung, die drei Standpunkte mit suggestiven Argumenten anbietet, soll darüber hinaus eine erste Bindung an die Kampagne und die Partei schaffen.

So wundert es natürlich auch nicht, dass weit über zwanzig mal so viele mit "Nein zur Abschaffung des Bargelds - denn ich habe es mir mit allen seinen Freiheiten verdient!" votieren als "Ja zur Abschaffung des Bargelds - ich habe nichts zu verbergen und zu verlieren!" sagen.

Mit gerade mal knapp 3.500 Abstimmungen über einen Monat nach Start der Kampagne dürfte die Resonanz wohl auch die AfD enttäuschen.

Das Thema hat es, wohl anders als von den Parteistrategen erwartet, derzeit offenbar nicht recht in den Fokus jener geschafft, welche die Rechtspopulisten erreichen wollen.

Strategisch hat man aber mit dem Reservieren der Domain schon einmal einen weiteren Container in der AfD-Containersiedlung für Unzufriedene aufgestellt, der sich im Augenblick noch im Umfeld kritischer Stimmen aus den unterschiedlichen politischen Lagern präsentiert.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Bei einer weiteren Zuspitzung der Problematik, welche die Rechtspopulisten aber aus eigener Kraft nicht wie bei der Flüchtlingsproblematik vorantreiben können, können darin europafeindliche Stimmungen unter dem Banner des Kampfes um das Kleingeld der kleinen Leute aufgefangen und auf die rechtspopulistischen Mühlen gelenkt werden.

Vom Sparschwein zum verlorengegangenen rechten Paradies

Dem soll wohl auch das Titelbild auf der von der AfD herausgegebenen Broschüre dienen, das einen kleinen Jungen zeigt, der eine Münze - wohl bedacht keine Euro-Münze - in sein silbernes Sparschwein wirft.

Dabei ist das emotional besetzte Konstrukt und Konzept von der guten alten Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war, ein gedankliches Schema, das die AfD besonders gern nutzt und auf alle erdenkliche Art und Weise ins Spiel bringt.

"Sehnsucht nach gestern" (taz 15.03.16) ist dabei ein von der Partei besonders gepflegtes Schema, weil es - man könnte fast an den alten Mythos vom Goldenen Zeitalter denken - der Sehnsucht nach dem verlorengegangenen Paradies einer "Republik ohne Windräder und Moscheen, ohne Euro und Homo-Ehe, mit Wehrpflicht und Atomkraftwerken" (ebd.) Ausdruck verleiht.

Emotionalisierung als Weg zur Radikalisierung der Gefolgschaft

Und im Umfeld dieser Emotionalisierung verfangen dann " alte, als untauglich erwiesene Konzepte: Regressives, das angebliche Sicherheiten verspricht; Nationales, das stets vorrangig Förderung des Eigenen verspricht; das Abschottende, das inneren Frieden verspricht.

Da werden Stimmungen aufgegriffen, erzeugt und verstärkt, bis sie sich in Stimmen verwandeln, bis Parolen in trügerische politische Konzepte gegossen werden.

Suggestive Propagandisten werden nach oben gespült, weil das Autoritäre durchaus eine Gefolgschaft mit Lustmomenten hervorruft." (Friedrich Schorlemmer, Was in Deutschland auf dem Spiel steht, Zeit online, 21.03.2016)

Kurz: Wer das Bargeld abschaffen will - wer träumt nicht von einem echten Geldspeicher a la Dagobert Duck, in dem man ein Bad nehmen kann, oder dem Koffer voller Scheine, wenn er/sie morgens um fünf das Fabriktor hinter sich schließt? -, der zerstört damit auch alle Illusionen vom sozialen Aufstieg durch Fleiß und Sparen und auf Teilhabe in der Konsumgesellschaft.

Angst schüren 1: Das angebliche Bargeldverbot und seine willigen Vollstrecker

Die AfD spricht im Zusammenhang mit der Entwicklung bargeldlosen Zahlens in der Zukunft von einem vom Staat - und vor allem der EU - verhängten Bargeldverbot, mit dem anscheinend in absehbarer Zeit gerechnet werden müsse.

Gesellschaftliche Entwicklungen, die aus anderen Gründen in eine bargeldlose Zukunft weisen (Stichwort Mobile Payment), werden bewusst totgeschwiegen.

Die eigentlichen Drahtzieher, die dem Sparschwein des kleinen Jungen (s.o.) und "kleinen Mannes" den endgültigen Garaus machen wollen, sind für die AfD die "Europäische Union (EU), die "Europäische Zentralbank (EZB) und irgendwie dubiose "internationale Institutionen", darunter der »Internationale Währungsfond (IWF).

Schon diese wenigen Gesichtspunkte können skizzieren, wie die rechtspopulistische Agitation funktioniert: Es werden bewusst Ängste erzeugt (vor einem angeblich bevorstehenden Bargeldverbot) und ohne Umschweife, unter Ausblendung aller differenzierenden Aspekte, Schuldige benannt.

Das Problem selbst wird radikal vereinfacht, dass auch mit einfachen Lösungen angepackt werden kann, die ein jeder mit seinem gesunden Menschenverstand nachvollziehen kann.

Sind die Schuldigen erst einmal benannt, dann können auch ohne weiteres alle Kräfte im eigenen Land als "willige Vollstrecker" des Bösen gebrandmarkt werden.

Zugleich wird das Thema emotionalisiert, um es unter den eigenen Anhängern zu verankern und den Politikstil der Radikalisierung weiter zu verbreiten. (vgl. Jens Bisky, SZ v. 2.2.2016)

Agitation: Totaler Brainwash

Die angekündigte Abschaffung der 500-Euro-Note durch die Europäische Zentralbank und die Einführung einer Obergrenze für Bargeldgeschäfte werden für sie als erster Schritt dahin gesehen, die Sparguthaben der kleinen "Sparer und Altersvorsorger" einer verfehlten Geldpolitik zu opfern.

Und damit zugleich die "totale Kontrolle" über die Bürgerinnen und Bürger in einem totalitären "EU-Supra-Staat" zu erlangen.

Wer anderes behauptet, "lügt" - so einfach ist die nur vorgetäuschte inhaltliche Auseinandersetzung mit denen, die anders denken.

Der Schulterschluss mit Pegida: Lügenpresse

Und so schnell ist der emotionale Schulterschluss mit allen geschlossen, die im Umfeld von Pegida seit Monaten gegen die angeblich drohende Islamisierung des Abendlandes und die sogenannte Lügenpresse mobilisieren.

Für die AfD sind jedenfalls der Kampf gegen Steuerhinterziehung und Schwarzgeldgeschäfte nur vorgeschobene Argumente der Befürworter von Bargeldobergrenzen, die in Kauf nähmen, alle rechtschaffenen Bürger unter Generalverdacht "mafiöser Schwarzgeldgeschäfte, krimineller Rotlicht- oder gar Terrorabsichten" zu stellen.

Angst schüren 2: Vernichtung von Sparguthaben und totale Kontrolle der Bürger

Das Zukunftsszenario das sich aus den "folgenschwersten Projekte(n) zur totalen Kontrolle der Bürger" ergibt, ist für die AfD die drohende schrittweise Entwertung von Geld und Vermögen in Deutschland.

Die Karten, die dazu ausgespielt werden, wurzeln tief im kollektiven Bewusstsein der Deutschen: Es ist die Angst vor Inflation, die mit den Bildern von körbeweise transportierten wertlosen Geldscheinen der galoppierenden »Inflation vor knapp hundert Jahren (1923) noch immer den Geschichtsunterricht an unseren Schulen bereichert.

Da viele heutzutage aber angesichts einer außerordentlich hohen Preisstabilität in Deutschland auch diesem Aufruf zu kollektiven Angstzuständen offenbar nicht genügend Beachtung schenken, wird das Szenario um "gefährliche Logistik- und Versorgungsengpässe" bei Stromausfall erweitert, was auch immer - von Hungersnöten bis zum Ausfall des Fernsehprogramms - sich der solcherart in Angst versetzte Sparer auch darunter vorzustellen vermag.

Je diffuser, um so besser für die AfD, die sich bei allem als Bollwerk für das "ehrlich erworbene Geld, Schein für Schein, Münze für Münze" gegen den Staat darstellen will.

Selbst Ulbrichts Mauerlüge muss herhalten

Und um dies zu unterstreichen, werden auch weitere Anleihen aus der Geschichte genommen, dekontextualisiert und dann für die eigenen Zwecke nutzbar gemacht.

So wird z. B. auf der Startseite der Afd-Kampagne gegen die Abschaffung des Bargelds einer "Allianz aus Bundesregierung, EZB und IWF" als wörtliches Zitat in den Mund gelegt: "Niemand hat die Absicht, das Bargeld abzuschaffen.

Es geht nur um die 500 Euro-Scheine. Es geht nur um die Bekämpfung von organisierter Kriminalität, Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung.

Wer nichts zu verbergen hat, muss die völlige Offenlegung seiner Geldgeschäfte nicht fürchten.

Gehen Sie weiter. Hier gibt es nichts nachzudenken." Ganz bewusst wird hier, zumindest vielen in der ehemaligen DDR werden dabei die Ohren klingen, die so genannte Mauer-Lüge zitiert ("Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!"), mit der der DDR-Staats- und SED-Parteichef Walter Ulbricht (1893-1973) am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz zwei Monate vor Errichtung der Berliner Mauer, die den Ostteil vom Westteil der Stadt bis 1989 abriegelte, entsprechende Pläne verneinte.

So kann das Thema weiter emotionalisiert werden. Wer das Bargeld abschaffen will, "lügt", so die Headline der AfD-Kampagnenseite, die damit ihre Befürworter ganz bewusst zu Anhängern eines drohenden bargeldlosen totalitären Regimes stempelt.

Angst schüren 3: Strafzinsen für die kleinen Sparer und Rentenvorsorger

Und dieses hat es vor allem darauf abgesehen, einen "Negativzins als Strafsteuer für Sparer unmittelbar auf seinem Konto" und ggf. "sogar" "Vermögensabgaben per Zwangsabbuchung" durchzusetzen, um damit z. B. durch die Abschaffung des Bankgeheimnisses ein "totales Offenlegungsgebot" zu erzwingen und letztlich die "totale Kontrolle über die Bürgerzu errichten.

Angst schüren 4: Elektronische Bezahlsysteme, gefährliche Versorgungsstörungen und hochgefährliche Cyberangriffe

Und wen das noch nicht für die selbsternannten rechtspopulistischen Verteidiger der Freiheitsrechte von Bürgern einnimmt, auf dessen Angstkonto werden noch weitere Ängste "gut"geschrieben: Die Angst davor, Geldgeschäfte nur noch elektronisch abwickeln zu können, Angst vor "gefährlichen Logistik- und Versorgungsstörungen", vor "hochgefährlichen Cyberangriffen" und Angst einer "Vollüberwachung bis hinein in private Lebensbereiche wie in totalitären Staaten" ausgesetzt zu werden.

Angst schüren und manipulieren

Damit sich die AfD erfolgreich als Hüter von Freiheitsrechten in einem "liberalen, freiheitlichen Rechtsstaat" und als Bollwerk gegen den "Finanzsektor" darstellen kann, muss sie alle Register der Manipulation ziehen, die den von ihr gesetzten Deutungsrahmen aufrechterhalten und befördern.

Eine schwierige Auseinandersetzung mit einem Chamäleon

Wer sich daher mit den Positionen der Rechtspopulisten auseinandersetzen will, muss sich dessen bewusst sein, dass es im Kern stets um das Menschen- und Weltbild geht, das sie vertreten, und um die Werte einer weltoffenen, pluralistischen Gesellschaft.

Statt sich in die Defensive bringen zu lassen, indem man zu einzelnen Forderungen der Rechtspopulisten Stellung nimmt, die scheinbar im Einklang mit anderen kritischen Stimmen wie z. B. im Zusammenhang mit der Zukunft des Bargelds, stehen, gilt es, den Kontext immer wieder beharrlich zu rekonstruieren, der solche Forderungen für das diffuse rechtspopulistische Weltbild instrumentalisieren will.

Im Kern geht es dabei immer um das gleiche Strickmuster: Die je nach Situation unterschiedlich umgrenzte Gemeinschaft der Guten (Deutsche, Nicht-Muslime, Sparer, i. e. S. Anhänger der Rechtspopulisten) soll sich bedroht fühlen von allem Bösen, das solche Gefühle erzeugen kann: vom "System" angefangen, über Muslime und Homosexuelle, den Finanzsektor und Windkraftanlagen bis hin zum politischen Establishment als Ganzes und alle, die sich in einer Verschwörung gegen das Volk und seine wahren Vertreter in der AfD zusammengetan haben.

Aufklärung gegen emotionalisierte Radikalisierung

Wer sich mit den Positionen der Rechtspopulisten auseinandersetzen will, muss sich mit ihrer Ideologie auseinandersetzen, auch wenn sie noch so verschwommen daherzukommen scheint.

Dabei ist diese Auseinandersetzung nicht eben einfach, weil die Rechtspopulisten sich ja nicht einfach verschanzen, sondern mit ihrem Politikstil der Radikalisierung offensiv vorgehen.

So besteht die Schwierigkeit in der Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten auch nicht daran, dass es nicht zu allen ihren Positionen überzeugende Gegenargumente gäbe.

Nur ist, um es salopp zu sagen, der Hund oft eben an anderer Stelle begraben, und die in griffige Parolen gegossenen Konzepte der Rechtspopulisten können auch nicht so einfach per Aufklärung aus den Köpfen ihrer Anhänger verbannt werden.

Zudem wird es wohl immer einen größeren Prozentsatz von Menschen geben, die sich auch dagegen immun zeigen.

"Wo ein Land sich politisch auflädt, von innen her spaltet und wo die Systemfrage aus genereller Enttäuschung gestellt wird, da verfangen alte, als untauglich erwiesene Konzepte", sagt Friedrich Schorlemmer (geb. 1944), der ehemalige Bürgerrechtler der friedlichen Revolution in der DDR, und fährt fort: "Suggestive Propagandisten werden nach oben gespült, weil das Autoritäre durchaus eine Gefolgschaft mit Lustmomenten hervorruft. [...] So gern der Mensch ein freies Wesen sein will, so sehr sehnt er sich auch nach Führung." (Friedrich Schorlemmer, Was in Deutschland auf dem Spiel steht, Zeit online, 21.03.2016)

Die Containerlandschaft für Unzufriedene gibt vielen trügerischen Halt

Wenn Menschen die Orientierung verlieren, in der Postmoderne weder eine soziale noch eine politische Heimat finden, dann finden sie in den von den Rechtspopulisten aufgestellten Containern der Unzufriedenheit einen Raum, der gerade weil er so eng umgrenzt ist, trügerischen Halt verspricht.

Aber auch das macht die Sache nicht leichter. Denn, wer sich, so betont Johan Schloemann in der SZ vom 18.3.2016, die Programmatik der AfD zu verschiedenen Politikfeldern vornimmt, "kann sie dann leicht als wirr, gestrig, europauntauglich und so weiter entlarven.

Nur bringt das überhaupt nichts. Denn all das ideologische oder auch nur idiotische Drumherum darf nicht über den zentralen Punkt hinwegtäuschen: Die AfD hat nur ein einziges Thema, das ihr Zuspruch verschafft und das rechtspopulistische Parteien in Europa am Leben hält: Ihre Wähler wollen, dass nicht mehr Einwanderer ins Land kommen, besonders keine muslimischen.

Und die Millionen Einwanderer, die schon im Land sind, sollen entweder wieder weg oder durch sprachliche und kulturelle Angleichung so deutsch werden, dass sie von den Einheimischen kaum zu unterscheiden sind."

Mag sein, dass der Journalist derzeit recht hat, aber ob er recht behält, ist nicht ausgemacht, der Unmutscontainer "Bargeld lacht" steht zumindest schon bereit.

Die politische Bildung ist gefordert

Auf die politische Bildung an unseren Schulen kommen jedenfalls große Aufgaben zu, wenn sie junge Menschen befähigen will, das gedankliche Schema der Rechtspopulisten zu durchschauen.

Immer wichtiger wird es werden, sie dafür zu gewinnen, dass sie sich offen und selbstbewusst für eine weltoffene, freiheitliche und demokratische Gesellschaft aussprechen und sich auf unterschiedlichste Art und Weise für sie engagieren.

Wenn unter den Jugendlichen auch unter den derzeitigen Bedingungen der Flüchtlingsmigration nach Deutschland der noch 2015 konstatierte, zunehmende Trend zur "Zufriedenheit mit der Demokratie" und das "Vertrauen in die wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen "trotz der vorhandenen Politikverdrossenheit" (vgl. U. Schneekloth, Jugend und Politik, in: 17. Shell-Jugendstudie (2015), S.182) anhalten soll, müssen die Parteien und ihre führenden Vertreter sich anstrengen, um die ihnen gerade von Jugendlichen vorgehaltene einseitige Orientierung an Partei-Egoismen und mangelnde Verlässlichkeit mit überzeugenden Gegenbeispielen zu widerlegen.

Solange aber fast Dreiviertel (ca. 70 %) der jungen Leute in den letzten 10 Jahren erklären, dass "Politiker sich nicht darum kümmern, was Leute wie ich denken" (vgl. ebd., S.179) steht der Trend eben doch auf wackeligen Füßen.

Und niemand arbeitet intensiver an einer Trendumkehr als die AfD, die bei den jüngsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt im März 2016 26 Prozent der 18- bis 24-Jährigen als Wähler gewinnen konnte (vgl. Die Zeit, 17.03.2016).

Betrachtet man zu den Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren, die sich lt. Shell-Studie 2015 selbst "eher rechts" (14 %) und "rechts" (3 %) verortet haben, noch den Anteil derjenigen, die keine solche Positionierung vorgenommen haben (20 %), wird schnell klar, wie notwendig es ist, gerade die solcherart Unentschiedenen für die freiheitliche Demokratie zu gewinnen.

Und insbesondere auf sie sollte sich das Augenmerk politischer Bildung im Zeichen rechtspopulistischer Formierung richten.

Dabei muss sie nicht in übertriebener Weise den programmatisch diffusen Äußerungen der AfD hinterherlaufen, sondern an Beispielen wie der Bargeldkampagne der AfD jene Kompetenzen schulen, die es ermöglichen politische Statements der Rechtspopulisten nach Inhalt und Intention zu erkennen, einzuordnen und dem diffus daherkommenden Weltbild der AfD, "in das völkisch-nationale und fundamentalistisch-konservative Elemente ebenso eingehen wie mal etatistische, mal wirtschaftsliberale, mal verschwörungstheoretische, mal pragmatische Elemente", (Johan Schloemann in der SZ vom 18.3.2016) etwas entgegensetzen zu können.

Emotionen gegen Argumente: Konzepte und Strategien müssen folgen

Politische Bildung, da darf man sich keine Illusionen machen, tut sich schwer, wenn vollkommen unterschiedliche, ja oft sogar entgegengesetzte Menschen- und Weltbilder aufeinanderprallen und zahlreiche Jugendliche lassen in solchen Auseinandersetzungen in der Schule rassistischen, sexistischen und demokratiefeindlichen Äußerungen oft freien Lauf.

In solchen Situationen ist eine vernunftorientierte argumentative Auseinandersetzung oft kaum zu führen.

Das liegt allerdings weder daran, dass sich die Jugendlichen besonders uneinsichtig zeigen, noch daran, dass es keine überzeugenden Gegenargumente gäbe.

Wo aber Emotionen gegen Argumente stehen, haben es Argumente eben besonders schwer und auch die beste Lehrkraft tut in einem solchen Fall nicht gut daran, einen "Stellvertreterkrieg" mit denen zu führen, die auf der Bühne des Klassenverbandes meistens die besseren Karten haben, auch wenn sie sich der inhaltlichen Zustimmung ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler keineswegs sicher sind.

Manchmal verläuft die Trennlinie zu den Rechtspopulisten eben nicht vordergründig. So können auch Argumente, welche die AfD im Zusammenhang mit der Bargeldproblematik vorbringt, für sich genommen, genauso stichhaltig sein, wie wenn sie von anderen Kritikern vorgebracht werden.

Sie stehen aber nicht für sich, sondern fügen sich in das mit ihnen transportierte rechtspopulistische Weltbild. Ein Umstand, den sich die Rechtspopulisten als "Wölfe im Schafspelz" nicht nur in dieser Frage skrupellos zunutze machen.

Ihnen lässt sich mit partnerschaftlichem Argumentieren nach dem Kompromiss- bzw. Konsens-Modell in der Regel nicht beikommen.

Gut also vorher zu wissen: Wo Emotionalität und Rationalität aufeinander prallen, hat es die Gegenargumentation einfach besonders schwer, da sie stets komplexer angelegt und in differenzierter Form geführt werden muss (Eindimensionalität vs. Komplexität). (vgl. Gegen Stammtischparolen argumentieren).

Ob es mit Techniken wie dem von Hubert Schleichert (1997) entwickelten subversiven Argumentieren wirklich gelingen kann, "psychische Verspannungen und Fixierungen" ausgesprochener AfD-Anhänger zu lockern, sei dahingestellt, in jedem Fall trägt zum Aufbau erforderlicher Kompetenzen bei, wenn die jungen Leute in der Schule "die Probleme, Seltsamkeiten, Abstrusitäten" (ebd.) des zeitgenössischen Rechtspopulismus kennen, sie benennen und alternative Denkmöglichkeiten aufzeigen können.

So bleibt denn hier vorläufig nur die Aufforderung im Sinne eines demokratischen Pluralismus, der sich an den Menschen- und Bürgerrechten orientiert, "positiv offensiv zu werden".

Und nicht nur im Klassenzimmer gilt:" Nicht gegen jemanden anzutreten, sondern darzulegen, was man selber will und zu fragen, was die anderen dagegen einzuwenden hätten." (Friedrich Schorlemmer, ebd.)

*Originalzitate der AfD sind zur besseren Verdeutlichung kursiv dargestellt, einzelne Begriffe im Fettdruck vom Verfasser hervorgehoben

Auch auf HuffPost:

So geschmacklos instrumentalisiert die AfD die Anschläge in Brüssel

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert:

Gesponsert von Knappschaft