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Ich habe ein Familienmitglied lange Zeit aus vollem Herzen gehasst - das hat es aus mir gemacht

05/12/2017 17:50 CET | Aktualisiert 05/12/2017 18:29 CET
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Es gibt viele Dinge, die mir nicht gefallen. Manche Politiker kann ich nicht leiden, ich bin kein Freund des Hartz-IV-Systems und ich hatte auch schon den ein oder anderen Chef, für den es mir schwer fallen würde, nette Worte zu finden.

Doch hätte ich nie gesagt, dass ich jemanden hasse - jedenfalls bis vor knapp einem Jahr.

Bevor ich erzähle, was genau passiert ist, möchte ich kurz erklären, was Hass für mich bedeutet: Hass, im Vergleich zu bloßer Abneigung, ist für mich etwas Aktives.

Wenn ich jemandem nicht mag, gehe ich ihm aus dem Weg. Wenn ich jemanden hasse, dann beobachte ich ihn ganz genau, um auch wirklich jeden seiner Fehler zu entdecken und alles was er macht, in ein negatives Bild zu rücken.

Hass, wirklicher Hass ist etwas, was mich wach liegen lässt. Worüber ich mich selbst wenn ich allein bin, so sehr aufregen kann, dass ich allein in meiner Wohnung schreien will.

Es ist ein Gefühl, von dem ich eigentlich nie dachte, dass es das wirklich gibt. Ich dachte immer, wahren Hass gäbe es lediglich in Kinofilmen. Wie falsch ich damit lag.

Etwas, was in unserer Gesellschaft eigentlich nicht existieren sollte

Es geschah vor etwa einem Jahr, vor dem Haus meiner Eltern. Meine Eltern wohnen weit weg, aber es war eine dieser Familienfeiern, bei der alle extra anreisen. Die Feier sollte am Abend stattfinden und bei meinen Eltern waren noch Vorbereitungen zu treffen.

Ein großer Teil der Familie war da, darunter auch sie, die damals noch Verlobte meines Cousins. Nennen wir sie Yvonne.

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Ich habe weder mit ihr noch mit meinem Cousin viel zu tun. Beide treffe ich nur auf Veranstaltungen wie dieser. Also ein- oder zweimal im Jahr für ein paar Stunden.

Alles war besprochen und verpackt und die Leute brachen auf, um vor der Feier noch letzte Besorgungen zu machen.

Plötzlich hörten wir von Draußen einen kleinen Knall, gefolgt von schrillen, lauten Schreien. Meine Mutter und ich stürmten nach draußen und sahen, dass die Nachbarin beim ausparken das Auto von Yvonne gestreift hatte.

"Du verfickte Schlampe, was bildest du dir eigentlich ein?" - war der erste Satz, der meiner Mutter und mir entgegenschlug, als wir das Haus verließen.

In den Augen unserer Nachbarin sah ich deutlich, dass sie mit der Situation nicht klarkam. Ihr war es peinlich und sie war sich bewusst, dass sie einen Fehler begangen hatte, aber mit solch einer Aggression hatte sie sicher nicht gerechnet.

Und dabei wurde Yvonne gerade erst warm.

"Weißt du eigentlich, was mein Auto gekostet hat? Mehr als deine Hartzer-Karre, da kannst du dir sicher sein! Du zahlst das, auch da kannst du dir sicher sein. Egal, wie du das machst."

Während Yvonne komplett ausrastete, saß mein Cousin im Auto und versuchte möglichst unbeteiligt zu wirken. Die Kinder meiner Nachbarin saßen im anderen Auto und weinten, laut und ängstlich.

"Natürlich bezahle ich das. Es tut mir so leid!", erklärte meine Nachbarin. Doch Yvonne ging es schon lange nicht mehr um Gerechtigkeit bei der Sache.

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"Leute wie ihr seid eh nichts wert!", brüllte sie. Wie wild begann sie mit den Fäusten auf das Fahrzeug einzuprügeln. Es schien, als würde sie das Auto irgendwie wegschlagen wollen.

Ich war völlig perplex.

Was Yvonne tat, war keine normale Aufregung. Es war etwas, was in unserer Gesellschaft eigentlich nicht existieren sollte - so unangemessen, so abgrundtief falsch, war ihre Reaktion.

Ich habe zum ersten Mal gehasst

Meine Mutter fing sich weit schneller als ich. Sie ist seit Ewigkeiten Sozialarbeiterin, vielleicht konnte sie deswegen besser mit dieser Situationen umgehen. Bestimmt aber ohne anklagend zu sein, stieg sie in das Gespräch ein und stellte sich zwischen meine Nachbarin und Yvonne.

"Die Sache müssen wir jetzt regeln. Wir haben ja heute noch was vor", sagte sie. Um Yvonne etwas runterzuholen, schickte sie sie erstmal los, um ihre Autopapiere aus dem Auto zu holen. Die hat in dem Moment sicher niemand gebraucht, ich denke aber meine Mutter wollte Yvonne beschäftigen.

Die Situation wurde dann schnell aufgelöst. Meine Mutter sagte, sie würde mit der Nachbarin die Versicherungssachen klären, Yvonne müsse sich doch jetzt um die bevorstehende Feier kümmern.

Wenig später machte sich Yvonne auf den Weg. Das Erste, was meine Mutter tat, war sich bei meiner Nachbarin für die ganze Situation zu entschuldigen. Später umarmten sie sich, während meine Nachbarin noch eine Zeitlang weinte.

Wieder im Haus, begann ich langsam zu realisieren, was ich grade gesehen hatte. In mir stieg eine Wut auf, die ich vorher nicht kannte. Ich habe zum ersten Mal gehasst.

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Die ganze Situation, die weinende Nachbarin, die schreienden Kinder, die menschenverachtende Sprüche - ich hatte das Gefühl, alles was ich ablehne, in einer Person gefunden zu haben.

Ein Jahr lang verurteilte ich jemanden, den ich kaum kannte

Auf der Feier später erzählte ich allen, was Yvonne getan hatte. Sobald ich merkte, dass jemand Abneigungen gegen Yvonne hatte, begann ich abwertende Witze über sie zu machen.

"Schau mal, wieviel Kuchen sie isst. Sie gönnt halt niemandem was."

"Mein Armer Cousin. Die Nachbarn werden häufig die Polizei rufen, weil sie häusliche Gewalt vermuten, wenn Yvonne mal wieder etwas an ihm auszusetzen hat."

Ich fühlte mich gut dabei, diese Witze zu machen. Schließlich machte ich Witze über jemand bösen - also musste ich ja einer von den Guten sein.

Von dem Tag an beobachtete ich die Facebook-Seite von Yvonne. Immer, wenn ich etwas entdeckte, dass ich ihr irgendwie negativ auslegen konnte, schrieb ich einem Familienmitglied, was Yvonne wieder getan hatte.

Immer wenn ich im Familien-WhatsApp-Kanal, in dem sie kein Mitglied ist, etwas über sie hörte, schob ich einen bösen Spruch hinterher.

Irgendwann reagierten die Familienmitglieder nicht mehr auf meine Sticheleien. Also behielt ich die bösen Sprüche für mich - bis jetzt.

Heute erreichte mich die Nachricht, dass Yvonne und mein Cousin ihr erstes Kind bekommen haben. Meine erste Reaktion: "Oh Gott, das arme Kind. Das hat ja gar keine Chance normal zu werden." Ich hatte die Nachricht schon getippt, als es mich plötzlich wie ein Schlag traf.

Ich war selbst zu dem geworden, was ich verachtete. Genau das, was ich ihr vorwarf, das absolut unangemessene Verhalten, ich tat es genauso - vielleicht sogar noch schlimmer.

Seit fast einem Jahr verbreitete ich böse Witze, Geschichten und ja, auch teilweise Lügen über ein Familienmitglied von mir. Wegen einer Situation, in der ich nicht mal selbst geschädigt war. Ein Jahr lang verurteilte ich jemanden, den ich kaum kannte und den ich seitdem nicht mehr getroffen habe.

Ein ganzes Jahr voller glühendem Hass, in dem ich weder der Nachbarin meiner Eltern geholfen hatte, noch mit Yvonne klärte, woher ihre Wut an dem Tag kam. Ich hatte nicht mal meiner Mutter gesagt hätte, wie toll ich ihre Reaktion fand.

Alles was ich tat, war destruktiv.

Jetzt will ich das ändern. Ich muss es sogar. Ich merke wie der Hass an mir genagt hat und mich in etwas verwandelt, was ich nicht sein will - ein böser, verbitterter und einsamer Mensch.

Ich will die Geburt der Tochter meines Cousins feiern und nicht als weiteren Grund nehmen, um neuen Hass zu verbreiten. Mit der Geburt ist etwas Wunderschönes passiert und ich will es nicht beschmutzen.

Bald ist Weihnachten und die nächste Familienfeier ist nur noch wenige Wochen entfernt. Diesmal werde ich anders sein. Ich werde meine angeheiratete Cousine und meinen Cousin zu ihrer Tochter beglückwünschen - und ich werde es ernst meinen.

Die Kleine hat eine Chance auf ein gutes Leben und wenn ich meinen Hass runterschlucke, habe ich es auch.

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