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Fluchtalzheimer? Über die vergessene ostdeutsche Flüchtlingskrise

24/08/2015 11:52 CEST | Aktualisiert 24/08/2016 11:12 CEST
Sean Gallup via Getty Images

Ärger vor den Baracken

Eine lange Schlange vor dem Küchensaal, Gedränge, Kinder die schreien. Die Erwachsenen stehen in zum Teil zusammengeborgten Kleidern auf der Treppe vor dem barackenartigen Haus. Immer wieder erfolgt der Hinweis, im Speisesaal keine der Getränke in Kannen abzufüllen und mit nach draußen zu nehmen.

Bei den wartenden Menschen erzeugt das Unmut. Sie wollen wissen, wie lange die Antragsbüros heute geöffnet haben. Es herrscht auch Unklarheit bei vielen darüber, welche Formulare denn nun nach dem Essen ausgefüllt werden müssen.

Lageralltag

Am Abend gibt es auf dem Gelände eine Polizeirazzia. Verdacht auf Drogenschmuggel im Lager. Außerdem haben sich zwei Männer die Nasen während eines Streits eingeschlagen. Lageralltag heute? Junge syrische oder tunesische Männer in Aktion? Der Satzpräsens könnte das nahe legen. Stattdessen sind diese Bilder in meinem Kopf fast dreißig Jahre alt.

Als 12-Jähriger lebte ich ein Jahr mit meinen Eltern in verschiedenen Heimen und Lagern, als DDR-Ankunftsfamilie. Erst in Gießen, dann in einem Heim in der Oberpfalz.

Wir waren zwar legal ausgereist, aber ohne ein einziges Möbelstück, ohne jegliches Geld. Auch auf Kleiderspenden waren wir angewiesen. Im Lager trafen wir auch illegal Geflohene. Und später, in den Übergangslagern, auch Menschen aus Nordafrika.

Wegen denen kam häufig die Polizei. Drogen wurden jedoch auch bei anderen Heiminsassen gefunden.

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Der schlechte Geschmack der Fremdheit

Als Schriftsteller und Kulturwissenschaftler interessieren mich Fragen nach dem, was als fremd empfunden wird. Am Fremden kann man sich abarbeiten, positiv wie negativ.

Wenn man den Geschmack der Fremdheit selbst einmal intensiv gekostet hat, wird man ihn nicht mehr los und entdeckt ihn überall, wo er auftaucht. Und man stellt sich die Frage, warum offensichtlich, gerade in Ostdeutschland, so viele Menschen vergessen haben, dass sie selbst einmal über Prag oder andere Städte geflohen sind, ohne jede Habe, manchmal nur mit den Kleidern auf dem Leib.

Fluchtalzheimer

Und zunächst einmal Fremde in einem anderen Land waren. Und damals ging es um Freiheit, aber nicht um die Gefahr des Lebensverlustes wie heute bei den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen.

Wir Deutschen leiden unter Fluchtalzheimer. Wir haben vergessen, dass die Erfahrungen, die diese Menschen machen, viel mit unserer Geschichte zu tun haben. Darum mag ich auch nicht das Wort Solidarität, das jetzt wieder in Mode kommt. Solidarität, so hat es der amerikanische Philosoph Richard Sennett beschrieben, ist eigentlich ein Terrorbegriff.

Er wird verordnet. Er enthält an sich schon ein Ungleichgewicht. Ich strecke meine Hand aus und zeige mich als Freund. Wirkliche menschliche Begegnung gibt es aber nur auf Augenhöhe. Ich will im Gespräch mit den Neuankömmlingen nicht nur Helfer sein, sondern auch Gesprächspartner. Viele Künstler und Künstlerinnen sind in den letzten Monaten zu uns gekommen.

„Winterreise"

Mit einem von ihnen, dem syrischen Comedian und Schauspieler Ramadan Ali, proben die Sängerin Cornelia Lanz und ich gerade das Stück „Labo Agen/Invisible Words", das im September beim Internationalen Literaturfestival Berlin uraufgeführt wird. Ramadan wird etwa auf der Saz das berühmte Lied aus Franz Schuberts „Winterreise" spielen, in dem es heißt „Fremd bin ich eingezogen/Fremd zieh' ich wieder aus."

Cornelia wird arabische Lieder singen. In meinem Text spiegeln sich eigene Fluchterfahrungen mit denen der Neuankömmlinge. Wir versuchen, uns auszutauschen. Und dabei entsteht eine Atmosphäre des Gleichgewichts.

Die Lieder und Texte aus den zwei Kulturen antworten aneinander, zeigen Nähe und Ähnlichkeiten.

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Flüchtlinge als Theatershow

Viele Theater stellen ja im Moment Flüchtlinge auf die Bühne, die ihre Geschichte erzählen. Folter, Hunger, Fluchtleid als Theaterabend, bei dem sich das deutsche Publikum schön grausen kann. Das ist für mich die Fortsetzung von Fremdheit.

Nur wenn die eigene Geschichte mit hineingeworfen wird, wenn wir verstehen, dass diese Ereignisse tief in unseren eigenen kulturellen Kosmos hineingreifen, werden wir die Möglichkeit haben, Menschen kennen zu lernen und nicht „Flüchtlinge".

Soziales Engagement

So wichtig das soziale Engagement im Moment ist, ohne eine Haltung des Gesprächs auf Augenhöhe, bei dem wir uns selbst einbringen, kann diese Begegnung nur oberflächlich bleiben. Solidarität schließt ja meistens auch Kritik aus. Wir dürfen und sollen auch kritisch sein gegenüber manchen Wertvorstellungen aus den Herkunftsländern der Ankommenden, die wir merkwürdig finden.

Kunst kann hier der Raum sein, in dem es scheppert und knallt. Nur keine Friedensappelle und Gutmenschen-Lyrik. Wirkliche Begegnung ist ohne Auseinandersetzung auch nicht zu denken. Daher brauchen wir künstlerische Gespräche auf Augenhöhe. Die Proben gehen weiter.

Gernot Wolfram, geboren 1975 in Zittau/Sachsen, lebt als Schriftsteller und Kulturwissenschaftler in Berlin. Er verließ 1987 mit seiner Familie die DDR, nachdem der Staat die Familie zwei Jahre lang in einer leeren Wohnung hatte auf die Ausreise warten lassen.

Wolfram gründete mit Studenten den Verein „Board of Participation e.V." (www.boardofparticipation.de), der Flüchtlingen zu einer eigenen Stimme verhelfen will. Im Moment probt er mit der Sängerin Cornelia Lanz und dem Schauspieler Ramadan Ali das Stück „LaboAgen/Invisible Words". Uraufführung am 13.9.2015, 21 Uhr, im Haus der Berliner Festspiele, Seitenbühne. Mehr Infos hier:

http://www.literaturfestival.com/programm/specials/specials/invisible-words-eine-arabisch-deutsche-literaturmusikperformance-urauffuehrung


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