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Gerlinde Unverzagt Headshot

Vom Sammeln und Jagen

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FUSSBALL STICKER
GettyImages
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Jetzt grassiert wieder die Panini-Pandemie. Gerlinde Unverzagt schreibt, wie sie damit umgeht.

Den Gogo-Rausch, den Diddl-Wahn, das Pokémon-Fieber - wir haben all das leidlich überstanden. Aber jetzt grassiert wieder die Panini-Pandemie. Sie bricht zuverlässig vor Fußballweltmeister- und Europameisterschaften aus und setzt alle zwei Jahre den gesunden Menschenverstand außer Kraft, sprengt finanzielle Grenzen von Taschengeldempfängern und verleitet sie dazu, in seligem Ruin auch noch den allerletzten Euro zum Kiosk zu tragen.

Das Geschäft mit den Sammelbildchen ist noch lange nicht tot: alle zwei Jahre schwillt der Umsatz des Panini-Verlages wie ferngesteuert auf magische Weise an. Die Zeit dazwischen bringen sie wohl irgendwie über die Runden. Gut, das gab´s auch früher schon

Ticks für ein paar Tage, Sammelleidenschaften für einen Sommer ließen uns Zuckertüten, Bierdeckel, Pfennige, Briefmarken, aber auch Muscheln, Steine, Plastikschweine oder Glaselefanten anhäufen. Doch heute türmt geschicktes Merchandizing eine Flut von Dingen auf, die sammelbar sind und dazu vorher gekauft werden müssen.

Heute sind viel mehr Medien beteiligt und umfassendes Marketing am Werk

Heute sind viel mehr Medien beteiligt und umfassende Vermarktungskonzepte am Werk: Zuerst der Film, dann das Buch, dann der Sticker, dann die Bilder, dann das Emblem auf Lebensmitteln, Schulbedarf, Spielzeug... Nur der Versuch, das aktuelle Fußballalbum mit allen Kickerportraits zu füllen, kann Opfer der Sammelwut leicht 700 Euro kosten. Was für ein Wahnsinn!
700 Euro für ein Stickeralbum - Wahnsinn!

Der Versuch, alles von Diddl oder Bob der Baumeister oder Findus zu sammeln, kann leicht im finanziellen Ruin der Eltern enden und verändert schon vorher das familiäre Einkaufsverhalten:

Supergesund, teuer und biologisch einwandfrei ernährte Grundschüler zwingen ihre Eltern zum Einkauf beim Discounter, denn dort verschenken sie Sticker an der Kasse, lockt ein Gewinnspiel mit allerlei Fußballdevotionalien und winkt das Trikot der Bundeself als Hauptgewinn. Das muss ich haben!, fleht das Kind und schon knicken wir ein. Er soll sich doch freuen, der Kleine.

Der Sammeltrieb ist ein Urinstinkt, der alle zivilisatorischen Gehversuche überlebt hat.

Wenn ich etwas milder gestimmt bin, muss ich zugeben, dass die leidige Angelegenheit auch gute Seiten hat. Der Sammeltrieb ist ein Urinstinkt, der alle zivilisatorischen Gehversuche überlebt hat. Er erwacht mit dem Forscherdrang der Vierjährigen, die Gegenstände zerlegen und verstehen wollen und endet - ja, wann eigentlich?

Die Lust am Aneignen, Aufbewahren, Sortieren und genüsslichen Betrachten, Gleiches in immer neuen Spielarten zusammenzutragen, sich an der Vielfalt eigentlich verwandter Dinge zu erfreuen, kühlt sich um den elften Geburtstag herum auch wieder ab, wenn andere Dinge wichtiger werden. Und wenn nicht, macht das auch nichts.

Ist doch völlig okay, wenn große Jungen Briefmarken sammeln, damit sie mal was herzeigen können, wenn´s drauf ankommt. Es hat ja auch sein Gutes, sagen wir uns tapfer, lassen das Kind mit dem Taschengeld arbeiten und spannen notfalls wie die EU über Griechenland den Rettungsschirm auf..

Wir preisen den sozialen Gewinn

Das Fachsimpeln mit Sammlerkollegen stiftet Kontakt, begründet manchmal Freundschaften und der Suchtstoff, ob Ü-Ei oder Fußballerbildchen, taugt immer zum Gesprächsstoff

Das Tauschen der Preziosen gehört dazu, das Fachsimpeln mit Sammlerkollegen stiftet Kontakt, begründet manchmal Freundschaften und der Suchtstoff, ob Ü-Ei oder Fußballerbildchen, taugt immer zum Gesprächsstoff. Und es macht Spaß. Ausserdem erspart einem die erwachende Sammelleidenschaft auch viel Nachdenken über Geschenke für Kinder, die schon alles haben.

Und sie steckt an: Alle zwei Jahre hat mein Bruder mit seinem Sohn Fußballbildchen getauscht, eingeklebt, gesammelt. Zum Geburtstag gab´s immer Fußballtrikots in ansteigenden Größen. Aber jetzt sei der Junge leider aus dem Sammelalter heraus, klagt mein Bruder, trage keine Fußballtrikots mehr und habe sich außerdem einem anderen Sport zugewandt als dem, der in der Familie zum wichtigsten der Welt gekürt wurde.

Ein Drama von epischen Ausmaßen bahnt sich hier an: aus dem gemeinsamen Besuch der Fanmeile wird wohl nichts, Geburtstagsgeschenkideen sind dahin und zwischen Vater und Sohn geht der Gesprächsstoff zur Neige.

"Sammler sind glückliche Menschen"

Sagt Goethe und der muss es wissen, denn er sammelte leidenschaftlich Autographe und bekannte sich zur Lust am Jagen, Besitzen und Entdecken, Ordnen und Archivieren. Auch in Erwachsenen stecken Kinder, die mit glänzenden Augen Schätze sammeln und sich daran begeistern, was sie schon alles haben und was sie noch alles sammeln können.

Ja, wieviel Kunst würden wir niemals zu sehen bekommen, wenn es keine Sammler gäbe?, denke ich mir die Sache schön und schenke nicht nur meinen Kindern, sondern auch meinem kleinen Bruder wie früher fünf Heftchen mit Stickern und ein Panini-Album. Er strahlt mich an - womit bewiesen wäre, dass Goethe wieder einmal recht hatte.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf Schau Hin!

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