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Gerlinde Unverzagt Headshot

Medialer Körperkult: Dumm, aber sexy?

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Peter Zelei Images via Getty Images
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Neue Rollenbilder küren zweifelhafte Ideale: Mager wollen die Mädchen und Frauen, muskulös die Jungen und Männer sein. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren ist bei uns allen enorm gewachsen und wird von interessierter Seite mächtig geschürt. Das Aussehen wird wichtiger als Fühlen befürchtet unsere Kolumnistin Gerlinde Unverzagt.

„Da! Mama! Da!" Aufgeregt deutet die Anderthalbjährige mit der Zahnbürste auf die Waage im Badezimmer." Mamas Blick folgt der Zahnbürste in der kleinen Faust. „Was ist denn da? Was meinst du denn?", fragt sie freundlich. „Scheiße!", kräht die Kleine vergnügt und nach einer kurzen Schrecksekunde fällt´s der Mutter wie Schuppen von den Augen. Wie kommt wohl ein Kind, das gerade sprechen lernt, auf die Idee, das Wort für Waage sei - Scheiße? Erraten.

Lange bevor Medien und Mode den Körperkult, das Figurdiktat und den Schlankheitswahn in den jungen Köpfen verankern, machen Kinder sich ein Bild aus dem, was sie bei ihren Erwachsenen sehen. Bei allen Themen läuft der Download, aber besonders intensiv bei denen, die seltsamerweise nie unaufgeregt behandelt werden. Schlechte Noten zum Beispiel, unaufgeräumte Zimmer, Schuleschwänzen, Computerzeiten, aber auch Essgewohnheiten.

Neue Rollenbilder küren zweifelhafte Ideale

Eine Mutter, die morgens auf die Waage steigt und gleich flucht, erweckt unweigerlich den Eindruck, dass da etwas nicht so ist, wie es sein müsste. Später konkretisiert sich der erste Eindruck, den das Kind gewonnen hat, vielleicht noch.

Mama jammert, weil die Jeans nicht mehr zugeht, kneift vor´m Spiegel böse in ihren weichen Bauch, nimmt keine Sahne zum Eis, obwohl jeder in der Familie weiß, wie gerne sie doch Schlagsahne isst. Oder sie lässt die Kartoffeln und Nudeln eisern weg, rührt nach 18 Uhr keinen Bissen mehr an, zählt die Kalorien genau und macht eine Diät nach der anderen.

Das Gewicht jedes Einzelnen in der Familie wird immer wieder mal Thema. Auch Väter hadern heute über ihr Aussehen oder über ihr Älterwerden. Gar nicht so selten schlagen Mütter der pubertierenden Tochter eine Diät vor. Oder noch schlimmer: Zelebrieren eine gemeinsame Diät zum Zeichen des Erwachsenwerdens.

Nicht nur Mütter achten akribisch auf ihr Gewicht: Eine ältere Schwester, die Erzieherin im Kindergarten, die nette Lehrerin in der Schule... Sie alle halten es genauso: Bloß nicht dick werden!

Neue Rollenbilder küren zweifelhafte Ideale: Mager wollen die Mädchen und Frauen, muskulös die Jungen und Männer sein.

In das große Mantra stimmen inzwischen auch Männer und Jungen ein. Neue Rollenbilder küren zweifelhafte Ideale: Mager wollen die Mädchen und Frauen, muskulös die Jungen und Männer sein.

Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren ist bei uns allen enorm gewachsen und wird von interessierter Seite mächtig geschürt. Das ist die Schattenseite eines Schönheitsideals, dem die allermeisten Menschen zwar niemals genügen können, aber zunehmend verbissen hinterherhecheln: Körper machen Leute.

Längst ist der Körper zum Statussymbol geworden.

Schlankheit, körperliche Fitness und jugendliches Aussehen werden für alle zum verbindlichen, wenn auch unerreichbaren Ideal. Die genormte Schönheit verstärkt die Verunsicherung, sekundiert von Werbung und Machbarkeitswahn werden uns allen Selbstwert und Anerkennung versprochen, indem die Korrektur des mangelhaften Körpers als Angebot, das man nicht ablehnen darf, verkauft wird.

Das färbt atmosphärisch schon auf die Kleinsten ab. Identifikation mit und Lernen von den Älteren spielt eine große Rolle bei kleinen Kindern, allerdings ohne dass sie schon die gedanklichen Möglichkeiten der Abwägung, Distanzierung und Differenzierung besäßen. Das müssen sie noch lernen, und dazu brauchen sie ihre Erwachsenen.

Dass sich jedes zweite Mädchen zwischen vierzehn und siebzehn Jahren zu dick fühlt, dass jede dritte ein gestörtes Essverhalten zeigt, dass zwei Drittel der Mädchen meint, es sei schwierig, sich schön zu fühlen, wenn man mit den heutigen Schönheitsidealen konfrontiert ist, sind alarmierende Ergebnisse aus verschiedenen Studien.

Wer sich immer noch fragt, wie es kommt, dass rund ein Viertel der Mädchen bereits vor dem zehnten Geburtstag eine oder sogar mehrere Diäten gemacht haben und ganz genau herunterbeten können, was dick macht und was nicht, wie der Bundesfachverband Essstörungen erkundet hat, darf sich über heutige Zeiten wundern. Aber er darf nicht allein den Medien die Schuld daran geben, auch wenn das grassierende Schönheitsideal Selbstzweifel und das Risiko, eine Magersucht zu entwickeln, durchaus verstärken können.

Es beginnt nämlich schon viel früher, und genau deshalb kann man auch früher gegensteuern. Wenn schon Drittklässler Gewicht und Jeansgößen ihrer Mitschülerinnen wissen, um die kleinsten Größen wetteifern, Figur, Aussehen und Klamotten als k.o.-Kriterium über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe entscheiden, oder Zehnjährige einen Klassenkameraden mobben, weil er zu dick ist, läuft etwas schief.

Wenn das Interesse an Kosmetikprodukten heute schon im Kindesalter geweckt und von willfährigen Eltern auch noch bedient wird, hat das einen Grund. Die Hersteller rosaglitzernder Duschserien für Prinzessinnen, die Anbieter von Schokomasken, Duftbädern und speziellen Parfums für die Kleinen sollen Kinder früh zu Kunden der Schönheitsindustrie machen. Die will aber, genauso wie die Modeindustrie nicht das Beste für die Kinder, sondern den besten Gewinn einstreichen, nämlich das Geld der Eltern.

Damit steigern blanke Geschäftsinteressen Kinder früh in einen Narzissmus hinein, der zu einem gestörten Selbst- und Weltbild führen kann und im Falle einer Essstörung gravierende gesundheitliche Belastungen nach sich ziehen kann.

Aussehen wird wichtiger als Fühlen

Das Aussehen wird wichtiger als Fühlen, damit schwindet auch die Wahrnehmung grundlegender körperlicher Bedürfnisse wie Hunger beispielsweise. Der Blick von außen entscheidet darüber, wie wertvoll man sich wahrnimmt, nicht das Gefühl von innen. In einem Alter, in dem die Eltern längst wissen, dass es im Leben nicht nur auf flache Bäuche und definierte Muskeln ankommt, legt der bereits warm gespielte Nachwuchs dann so richtig los:

Das erste ist immer, dass man Wasser rauschen hört. Danach bläst ein Föhn. Dann sirrt das Spray und es wird still. Dann rauscht wieder das Wasser. Föhn. Haarspray. Alles geht wieder von vorne los, während der Rest der Familie vergeblich an die Badezimmertür trommeln. Doch die bleibt verschlossen, denn hier bereitet sich ein elfjähriger Mann sorgfältig auf den neuen Tag vor.

Mädchen, die morgens um sieben mit dem Glätteisen im Bad hantieren und Jungen, die auf einmal täglich ins Fitnessstudio aufbrechen, mögen ihre Eltern beunruhigen. Eine Katastrophe bahnt sich aber noch lange nicht an, wenn der Nachwuchs im eigenen Körper das Stylingobjekt erkennt und von nun an der Bodycheck im Sekundentakt die Szene beherrscht.

Gelassenheit war vielleicht noch nie so wichtig wie jetzt.

Der kritische Blick auf den Körper gehört zum Ende der Kinderjahre wie die Entdeckung von Liebe und Sex, aber heute mehr denn je, weil Plakatwände, Castingshows, Youtube und Instagram den perfekten Körper zum Standard erheben. Nur wer auf den anderen guckt, kann beurteilen, wie der eigene Körper sich entwickelt und sich den Dauerfragen stellen, die den Übergang vom Kind zum Erwachsenen flankieren:

Bin ich normal? Bin ich schön? Und wer bin ich überhaupt? Diese Fragen sind gesund und gehören in dieses Alter. Doch die mediale Allgegenwart von Antworten kann verstören. Gelassenheit war vielleicht noch nie so wichtig wie jetzt. Eltern, die hinter den Werken den Willen und das Bedürfnis erkennen und ernst nehmen, haben den ersten Schritt schon getan, um ihre Kinder zu unterstützen - und gegen den medial befeuerten Körperkult zu stärken.

Kommentare und Bewertungen der anderen zeigen Kindern sofort, wer schön ist.

Denn erst jetzt stürmen Medien das Einfallstor. Um die Pubertät herum, wenn der Körper sich verändert, steht das Einfallstor für Störimpulse weit offen und kann der Blick auf die eigene unretuschierte Wirklichkeit zur Verzweiflung bringen. Sich in diesem empfindlichen Alter ständig mit anderen vergleichen zu müssen, ist auch ohne medialen Beistand manchmal schon riskant gewesen.

Direktes Feedback in Echtzeit

Doch die Möglichkeiten sozialer Netzwerke lassen die Verletzungsgefahr explodieren: Fotos und Videos ermöglichen den direkten, ungefilterten und ungeschützten Vergleich mit Mitschülern, Nachbarskindern und Bekannten. Kommentare und Bewertungen der anderen zeigen Kindern sofort, wer schön ist.

Ist klar, dass der Junge mit Sixpack mehr Likes einheimst als der Spargeltarzan mit Brille. Ist auch klar, dass die schlanke Nixe im Bikini bessere Kommentare bekommt als das Mädchen, das ein anrührendes Gedicht geschrieben hat.

Der Druck der Bilder ist enorm und deshalb ist es auch so wichtig, Kinder schon früh zu wappnen.

Geschönte Werbung, Sexy-Star-Selfies auf Instagram, Magermodels im Fernsehen tun ein Übriges. Der Druck der Bilder ist enorm und deshalb ist es auch so wichtig, Kinder schon früh zu wappnen. Eltern, die sich dem Körperkult hin und wieder entziehen und immer wieder mal für den schönen Gedanken werben, dass das Aussehen nicht alles ist, sind ein guter Anfang.

Da geht so viel: Gespräche, gemeinsame Unternehmungen, vorgelebte Vielfalt in Gedanken und Taten, das alles kann helfen, das Ding mit der Schönheit zurechtzurücken, bevor es sich anschickt, die Alleinherrschaft zu übernehmen und andere Quellen von Selbstwert und Anerkennung zum Versiegen bringt.

Körperkult in den Medien geht so weit, wie man ihn lässt.

Ja, der mediale Druck kann Selbstzweifel und das Risiko von Essstörungen verstärken. Aber - sorry, Leute, nur wenn´s vorher schon angelegt ist. Auf dem Weg dahin gibt es viele Möglichkeiten gegenzusteuern. Man muss ja nicht gleich die Waage aus dem Badezimmer verbannen, wenn der Nachwuchs sprechen lernt.

Achtsam sein, das geht immer - sich bewusst werden darüber, dass man, ob man will oder nicht, ein Vorbild abgibt. Auch wenn man deswegen nicht gleich die Waage aus dem Badezimmer verbannen muss, sobald der Nachwuchs sprechen lernt. Aber im medialen, sozialen, emotionalen Dauerbeschuss muss wenigstens einer die Message rüber bringen, warum also nicht die Eltern? Körperkult in den Medien geht so weit, wie man ihn lässt.

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Der Beitrag erschien ursprünglich auf Schau Hin!

SCHAU HIN!, der Medienratgeber für Familien, veranstaltet ab sofort regelmäßig digitale Elternabende zu Fragen rund um die Medienerziehung Ihrer Kinder. Am 06.06. um 18 Uhr zu "Kinder-Apps".

Kristin Langer, Mediencoach von SCHAU HIN!, und Dr. Sigrid Fahrer, Leiterin des Entwicklungsbereichs "Digitales Lesen" bei der Stiftung Lesen, beantworten Ihre Fragen. Stellen Sie diese schon jetzt als Beitrag zu dieser Veranstaltung oder per Mail (service@schau-hin.info oder sigrid.fahrer@stiftunglesen.de).

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