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Kinder immer im Mittelpunkt?

15/09/2015 18:46 CEST | Aktualisiert 15/09/2016 11:12 CEST
Volanthevist via Getty Images

„Kinder stehen immer im Mittelpunkt," behauptete weitgehend unwidersprochen die ehemalige Familienministerin Ursula von der Leyen, „und die Welt dreht sich um sie."

Wenn man einen Kollegen wegen einer beruflichen Angelegenheit im Home-Office anruft und der Dreijährige als erster an den Apparat geht und dem Anrufer etwas von großen Wau-Waus und Töff-Töffs ins Ohr kräht, um dann minutenlang mit unzusammenhängenden Bemerkungen über Enten unterhalten, mag das ja noch ganz witzig sein.

Aber das? Jeder kennt das: Sie sind bei Freunden zum Abendessen eingeladen oder sitzen in einem Restaurant, und ein Kleinkind, Schulkind oder Teenager beherrscht die Szene. Schon Babys sind nicht einfach nur dabei, sondern ziehen wie ein Magnet die Eisenspäne unweigerlich alle Aufmerksamkeit auf sich.

Alle Augen ruhen auf ihrer niedlichen Gestalt. Alle Stimmen wechseln automatisch in höhere Lagen. Jede seiner Regungen führt zu hingerissenen Reaktionen der Erwachsenen, ein Gespräch jenseits von Hutzidutzi führen zu wollen, wird zum aussichtslosen Unterfangen.

Kinderalarm

So geht das munter weiter: Das Kleinkind stört vielleicht; es schreit, es quengelt, es langweilt sich lautstark oder rennt umher. Vielleicht sind die Eltern verlegen, peinlich berührt oder lassen es gewähren, aber sie machen keine Anstalten, das Kind aus dem Mittelpunkt zu verbannen.

Mehr noch: in vorauseilender Aggression sehen die Eltern in jedem Augenrollen, jeder missbilligend angehobenen Augenbraue, jedem genervten Stöhnen der anderen Gäste an den Tischen ein untrügliches Zeichen angeblich grassierender Kinderfeindlichkeit.

Das Schulkind wird vielleicht von den Erwachsenen gebeten, seine Ansichten kund zu tun, die sein Wissen oder Können demonstrieren sollen. Einige Kinder beteiligen sich ungebeten einfach an jedem Gespräch in der festen Überzeugung, dass ihre Kommentare willkommen sind.

Sie unterbrechen ihre Eltern im Gespräch, wann immer ihnen danach ist. Ein Teenager wird die Zusammenkunft wahrscheinlich eher dadurch dominieren, dass er nörgelt, motzt oder sich entzieht, wenn er gefragt wird, was er essen oder als nächstes tun möchte.

In Augenblicken, in denen Kinder dominieren, fühlen sich Erwachsene gewöhnlich unbehaglich, scheuen aber davor zurück, ihre Verstimmung zu kund zu tun, weil sie fürchten, für herzlos oder grob, gar kinderfeindlich gehalten zu werden. Es sind doch schließlich Kinder. Sollte sich die Welt nicht um sie drehen?

Nein. Bei Kindern kann die Annahme oder Erwartung, und erst recht die Erfahrung, immer im Mittelpunkt zu stehen, zu verzerrten Selbsteinschätzungen führen, die später ihre Fähigkeiten untergraben, das Geben und Nehmen in einer Gemeinschaft zu erkennen und zu begreifen, dass sie Schwierigkeiten und Prozesse durchmachen müssen, um in der Welt der Erwachsenen etwas zu erreichen.

Ein realistisches Bild vom Stand der eigenen Fähigkeiten kann nicht entstehen, wenn man von Anfang an dazu verdonnert ist, immer im Mittelpunkt zu stehen und erwarten darf, schon dafür gefeiert zu werden, dass man atmet.

Loben, was das Zeug hält ...

Ganz groß feiern, wenn der kleine Liebling den ersten Milchzahn verliert? Ein Loblied anstimmen, sobald die kleine Tochter geruht, freiwillig ihr Spielzeug mit dem Nachbarskind zu teilen? Frenetischer Applaus, wenn der Nachwuchs die ersten drei Noten von Hänschen klein auf dem Klavier intoniert, ein Tor schießt, ein Bild gemalt hat oder gerade die ersten Buchstaben zu Papier gebracht hat?

Wer als Kind ständig zu hören kriegt, wie hochgradig toll und begabt er ist, kann in Schwierigkeiten geraten. Wenn Eltern heute dazu neigen, der bloßen Existenz ihrer Kinder viel zu viel Anerkennung und enorme Begeisterung entgegenzubringen, stören sie die im Aufbau begriffene Fähigkeit des Kindes, seine eigenen Taten realistisch einschätzen zu können und untergraben sie seine Fähigkeit, sich in ein Netzwerk von Menschen einzufügen.

Das beginnt mit dem Schock, im Kindergarten nicht der einzige Weltmeister zu sein und hört mit der Erkenntnis der Erwartung, in der Fußballmannschaft als Solo-Star gemeint zu sein, noch lange nicht auf.

Was gut gemeint ist, ist eben noch lange nicht automatisch gut. Wenn sich die Chancen eines engagierten Elternhauses als beinharte Forderungen offenbaren, immer erfolgreich sein zu müssen, wird jedes Scheitern zum Versagen und Herausforderungen machten Angst.

Alles so nett, so süß, wie in Watte gepackt

Ob sie schreien, quengeln, das Gespräch der Erwachsenen unterbrechen, Sonderwünsche geltend machen oder materielle Dinge fordern - von kleinauf haben viele Kinder offensichtlich den Vorteil der Kontrolle und der Dominanz in gesellschaftlichen Zusammenkünften und geraten damit in die ungünstigen Position verfrühter sozialer Macht, allein begründet mit der Unbedingtheit ihrer Bedürfnisse.

Der Mittelpunkt kann ein einsamer, ungeborgener Ort sein. Vor fünfzig Jahren noch wäre eine gesellschaftliche Zusammenkunft, die von einem Kind dominiert wird, undenkbar gewesen.

Aber da gab es ja auch noch Katzentische, an denen Kinder unbehelligt von erzieherischen Ambitionen ihrer Eltern fröhlich futtern und herumalbern und Eltern ungestört von den Einwürfen der Kinder tafeln und reden konnten.

Auch wenn Kinder einfach dabei waren und sich vielleicht auch daneben benahmen, nahmen sie sich niemals heraus, sich in der sozialen Rangordnung mit den Erwachsenen auf die gleiche Stufe zu stellen. Das ist die Falle bei der hochgelobten Erziehung auf Augenhöhe: Dazu muss sich ein Erwachsener nämlich auf die Knie begeben oder das Kind auf´s Podest stellen.

Was darf es sein, was soll ich machen?

Eltern bedienen, sind immer für die Kinder da. Kinder bekommen alles, was sie sich wünschen. Ihre wahren Bedürfnisse bleiben unerfüllt: Führung und Anleitung durch ihre Erwachsenen.

Die meisten Menschen reagieren verärgert auf diese großen Kinderplaneten, die von ihren kleinen Elternmonden umkreist werden. In einer seltsamen Verkehrung der Rollen haben wir als Leitwölfe abgedankt, und jetzt sind die Welpen an der Macht: Familienoberhaupt ist heute das Kind - eine Rolle, die es nicht ausfüllen kann.

Denn Kinder suchen Orientierung und lernen über Modelle. Kinder lernen durch Beobachtung, durch Imitation. Sie brauchen und wollen Vorbilder und kriegen es viel zu oft mit Erwachsenen zu tun, die sich klein machen oder in ängstlicher Anspannung ihre Kinder fürsorglich umflattern.

Alles, aber auch wirklich alles für die Kinder tun zu wollen und zu müssen, vertreibt auch noch die letzte Prise der so notwendigen Gelassenheit, Zuversicht und des Vertrauens in das Leben.

Zum Nachteil der Kinder, da darf man sich nichts vormachen. So wachsen in der Familie Riesen heran, denen die bittere und heilsame Erfahrung unweigerlich bevorsteht, dass sie außerhalb ihrer Familie nur Zwerge sind.


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