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Gerlinde Unverzagt Headshot

Keine Kinderfotos auf Facebook!

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Take A Pix Media via Getty Images
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Egal wo wir sind, Facebook ist immer dabei. Doch wollen wir das eigentlich? Wem mĂŒssen wir damit was beweisen und ist es das wert, gerade wenn es mit Risiken fĂŒr unsere Kinder verbunden ist, fragt sich unsere Kolumnistin Gerlinde Unverzagt.

Ich weiß jetzt, wie niedlich der sandig panierte RĂŒcken der dreijĂ€hrigen Tochter eines Freundes am dĂ€nischen Ufer der Ostsee aussieht, auch ohne ausdrĂŒcklich um diesen Anblick gebeten zu haben.

Und ich weiß noch viel mehr: Namenloses Entsetzen im Gesicht des SechsjĂ€hrigen, der auf der Alm in einen Kuhfladen gefallen ist, das verzerrte Gesicht des VierjĂ€hrigen, der auf seine große Schwester losgeht, die Langeweile in den ZĂŒgen des ZehnjĂ€hrigen beim Museumsbesuch, das friedlich schlummernde Baby im Stau und das scheinerwachsene Posing seiner großen Schwester daneben.

Das alles und noch viel mehr habe ich gesehen, weil die Eltern all dieser Kinder diese Fotos auf Facebook gepostet haben.

Ich weiß nicht, was Kinder spĂ€ter davon halten, dass ihre Bilder jedermann zugĂ€nglich sind.

Viele sind witzig, manche rĂŒhrend, andere einfach nur sĂŒĂŸ. Aber ich weiß nicht genau, ob ich das sehen muss oder will und erst recht weiß ich nicht, was diese Kinder, wenn sie spĂ€ter mal Sparkassenfilialleiter, Astrophysiker oder Krankenschwester geworden sind, eigentlich davon halten, dass ihre Kinderbilder jedermann zugĂ€nglich sind. Von den Fotos, die sie selbst posten werden, wenn sie erst einmal anfangen, Outfits und Posen zur Schau zu stellen, einmal abgesehen.

Kinderfotos ins Familienalbum statt auf Facebook

VergnĂŒgte Kinder mit ihren Eltern in den Ferien sind allemal ein schöner Anblick. Aber sie gehören ins Familienalbum, nicht in soziale Netzwerke. Denn: Wie viele der aktuellen Eltern haben sich als Kinder bodenlos geschĂ€mt, wenn die eigenen Eltern beim Familientreffen die Kinderfotos hervorgeholt haben?

Einmal im Internet können, wir dabei aber nicht mal mehr auswĂ€hlen, wer die Bilder zu Gesicht bekommt. Selbst bei sorgfĂ€ltigen PrivatsphĂ€re-Einstellungen dĂŒrfte der mögliche Zugriff den der Familie bei weitem ĂŒbertreffen. Haben wir alle schon vergessen, dass das Netz nichts vergisst? Alles, was einmal im Netz ist, bleibt auch da. Es kann weiter kursieren und dabei leicht in falsche HĂ€nde geraten.

Digitale Inszenierung als glĂŒckliche Familie

Klar, das Internet bietet auch eine große Möglichkeit ĂŒber gelungene SchnappschĂŒsse die eigene Familie so zu inszenieren, wie man sie immer haben wollte und um die andere einen insgeheim beneiden sollen.

FlĂ€chendeckend zu verbreiten, wie schön manÂŽs doch hat, wie gut man sich versteht, wie toll dieser Urlaub fĂŒr alle ist - ich geb's ja zu, das finde ich auch verlockend und kann der Versuchung gerade noch widerstehen, die Welt ĂŒber Facebook wissen zu lassen, wie lĂ€ssig wir am Strand von Malibu herumgelegen haben, den großen Camper im Hintergrund, spielende Delfine im Meer vor uns.

Nicht nur Erwachsene, sondern auch DreijÀhrige haben das Recht am eigenen Bild.

Und erst das Foto auf dem man sieht, wie die Kinder auf dem Highway One zusammen in die BĂŒsche pinkeln. Unglaublich komisch!

Muss man einfach gesehen haben! Oder doch nicht? "Mama, wenn du das postest, kannst du was erleben!", droht der Große in dunkler Vorahnung. "Keine Sorge", beruhige ich ihn. "Das bleibt unter uns. Ist nur fĂŒrs Familienalbum. DarĂŒber werden deine Kinder eines Tages noch lachen!"

Ist Facebook der moderne Dia-Abend?

"Wir zeigen Euch jetzt mal unsere Bilder aus dem letzten Urlaub!" war mal ein bewĂ€hrter Rausschmeißer in der Steinzeit, vor Facebook. GĂ€ste, die spĂ€t nachts partout nicht gehen wollten, fanden blitzschnell in ihre MĂ€ntel, sobald der Gastgeber sich anschickte, den Dia-Projektor in Position zu bringen.

Im Treppenhaus hörte man dann, wie sie manchmal leise schimpften: Die Superkinder und ihre Supereltern am Strand, auf den Bergen, beim Zelten, beim Paddeln, jedes Jahr dasselbe. Das kann, pardon, das konnte man doch echt vergessen.

Ob Elternstolz oder Gedankenlosigkeit dahinterstecken, wenn bei sommerlichen Temperaturen mit der Kleidung auch die Hemmungen schwinden: Nicht nur Erwachsene, sondern auch DreijĂ€hrige haben das Recht am eigenen Bild. Bis die sĂŒĂŸen Kleinen volljĂ€hrig sind, nehmen das aber die Eltern fĂŒr sie wahr. Hoffentlich!

Der Beitrag erschien ursprĂŒnglich auf Schau Hin!

SCHAU HIN!, der Medienratgeber fĂŒr Familien, veranstaltet ab sofort regelmĂ€ĂŸig digitale Elternabende zu Fragen rund um die Medienerziehung Ihrer Kinder. Am 06.06. um 18 Uhr zu "Kinder-Apps".

Kristin Langer, Mediencoach von SCHAU HIN!, und Dr. Sigrid Fahrer, Leiterin des Entwicklungsbereichs "Digitales Lesen" bei der Stiftung Lesen, beantworten Ihre Fragen. Stellen Sie diese schon jetzt als Beitrag zu dieser Veranstaltung oder per Mail (service@schau-hin.info oder sigrid.fahrer@stiftunglesen.de).

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