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Gerlinde Unverzagt Headshot

Big mother is watching you

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MUM SMARTPHONE
Thanasis Zovoilis via Getty Images
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Immer mehr besorgte Eltern √ľberwachen ihre Kinder auf Schritt und Tritt - digital. Was den Eltern vermeintlich Sicherheit vermittelt, kann Kinder √§ngstigen, weil ihre Erwachsenen ihnen nichts zutrauen. Auch suggeriert die st√§ndige √úberwachung, dass √ľberall Gefahren lauern. Das geht auf Kosten von Vertrauen und Selbstbewusstsein, meint unsere Kolumnistin Gerlinde Unverzagt.

"Hast Du denn keine Angst, dass er entf√ľhrt wird?", fragte mich die Mutter eines anderen Sechsj√§hrigen, nachdem sie bemerkt hatte, dass der meinige neuerdings alleine in die Schule geht. "Also wir haben Max zum Schulanfang ein Smartphone geschenkt, damit wir immer wissen, wo er sich gerade aufh√§lt!", rief sie und fl√ľsterte mir dann ins Ohr, "√ľber eine App kann ich sein Handy orten! Das wei√ü er nat√ľrlich nicht!"

Schockschwerenot! Daran habe ich ja noch gar nicht gedacht! Bitte, mein Junge wollte nach zwei Monaten Begleit-Service unbedingt alleine gehen und weil es ja nicht reicht, ihnen immer nur vom Leben da draußen zu erzählen, habe ich ihn ziehen lassen.

Wir haben die Ampeln ge√ľbt, das Abbiegen memoriert, "dumme Mama" gespielt, die mit geschlossenen Augen an seiner Hand den Schulweg abgeht. Und jetzt geht er alleine, und zwar ohne Smartphone. Uff. Hoffentlich passiert nichts.

Die Verbindung wird gehalten...

Es reichen oft schon wenige Minuten, um Eltern in den Wahnsinn zu treiben: Wo bleibt das Kind nur? Es m√ľsste l√§ngst zuhause sein!

Wer diese bangen Minuten einmal erlebt hat, in denen man wieder und wieder aus dem Fenster schaut, auf die Uhr starrt und krampfhaft versucht, sich die schrecklichen Dinge, die dem Kind zugesto√üen sein k√∂nnten, nicht auszumalen, ist anf√§llig f√ľr die sch√∂nen neuen Angebote des Angstmarktes, die einen enormen Zugewinn an Sicherheit f√ľr Eltern versprechen.

Es ist ja so einfach, dem Kind wenigstens immer digital nahe zu sein

Es ist ja so einfach, dem Kind wenigstens immer digital nahe zu sein! Nur um sicher sein zu k√∂nnen, dass alles in bester Ordnung ist: Auf dem eigenen Smartphone, auf dem Tablet, dem Notebook oder direkt √ľber den Browser im Internet l√§sst sich jederzeit der momentane Aufenthaltsort des Kindes feststellen.

Spezielle Kindertelefone mit eingebautem GPS-Empfänger, der nicht ausgeschaltet werden kann und eine Alarm-SMS an die Eltern schickt, sobald das Kind eine vorher festgelegte Region verlässt, sind noch lange nicht der Gipfel.

Die Durchsetzung solcher Technologien braucht nur einen einzigen Treibsatz: Angst

Als Reaktion auf Kindsmorde und Entf√ľhrungen haben Eltern in der Vergangenheit ihre Kinder schon ernsthaft erwogen, ihren Kindern einen Chip von der Gr√∂√üe eines Reiskorns zu implantieren.

Die Durchsetzung solcher Technologien braucht nur einen einzigen Treibsatz: Angst. Und die beschert bekanntlich dicke Gesch√§fte, weswegen sie von interessierter Seite m√§chtig gesch√ľrt wird. Wenn dabei die Grenze zwischen Sicherheitsbed√ľrfnis und Kontrollzwang verwischt wird, kann man viel Geld verdienen: mit Rundum-Sorglos-Paketen aller Art.

Die Momente mehren sich, in denen Sie Ihr Kind aus den Augen lassen m√ľssen

Eltern erkennen mit den Jahren und unter Schmerzen ihre begrenzten M√∂glichkeiten, ihr Kind zu besch√ľtzen: Im Schulbus gibt es keine Sicherheitsgurte, die Klassenkameradinnen Ihrer Tochter l√§stern auf Facebook √ľber Ihr liebes kleines M√§dchen.

Die Momente mehren sich, in denen Sie Ihr Kind aus den Augen lassen m√ľssen und tats√§chlich nicht immer genau wissen, wo es gerade ist und wohin es geht. Sie m√ľssen vertrauen, und das ist keine leichte √úbung.

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser, Zutrauen am besten

Die Gratwanderung zwischen freundlicher Ermutigung zur selbstbewussten Durchsetzungsfähigkeit und den nötigen Schutz, den ein Kind braucht, ist schwierig.

Meistens sind wir √ľbervorsichtig und √ľber√§ngstlich, und dabei besteht die Gefahr, die ganze Welt au√üerhalb des Familienumfeldes als ein einziges Nest von Perversen und Kindsm√∂rdern zu sehen.

Brauchen Kinder wirklich eine elektronische Fußfessel?

Dabei suggerieren wir den Kindern, dass √ľberall und st√§ndig Gefahren lauern, weswegen nur eine elektronische Fu√üfessel in Gestalt einer Ortungs-App die notwendige Sicherheit verb√ľrgt.

Wo immer einem Kind etwas Furchtbares widerfahren ist, suchen wir in der Zeitung nach Hinweisen, das Opfer sei an einem Ort gewesen, wo sich unsere Kinder niemals und schon gar nicht alleine aufhalten w√ľrden, zu einer Zeit, wo sie immer zuhause sind oder unter Umst√§nden, die wir niemals zulassen w√ľrden. Wenn wir nichts dergleichen finden, versch√§rfen wir die Familienregeln.

Wollen wir wirklich alles wissen?

Aber wollen wir wirklich darauf bestehen, unsere Kinder auf Schritt und Tritt zu √ľberwachen? App-Entwickler haben die Angst der Eltern in ein Angebot umgem√ľnzt, mit dem wir die Technologie gegen unsere Kinder einsetzen k√∂nnen.

Da geht viel: Die genutzten Handyfunktionen lassen sich genauso kontrollieren wie die Aktivitäten auf Facebook sich nachvollziehen lassen. Auch das Mitlesen von WhatsApp-Nachrichten, Mails oder Textbotschaften - kein Problem.

In japanischen Kindergärten kommt jetzt ein Roboter zum Einsatz, der die Kinder permanent fotografiert, die Eltern können die Fotos in Echtzeit auf ihrem Computer hochladen und jederzeit checken, was der Nachwuchs im Kindergarten so treibt...

Kinder m√ľssen auch Mist bauen k√∂nnen, der unbemerkt bleibt

Vertrauen kann nicht entstehen, wenn Eltern ihre Kinder ständig kontrollieren und am Display verfolgen, ob auch nicht getrödelt, geschwänzt oder vom vorgeschriebenen Schulweg abgewichen wird.

Wie sollen Kinder das n√∂tige Selbstbewusstsein entwickeln, heikle Situationen ohne Hilfe ihrer Eltern meistern zu k√∂nnen? Was hei√üt es f√ľr Kinder, wenn sie Verantwortungsbewusstsein und Selbstst√§ndigkeit immer gegen die f√ľrsorgliche Belagerung durch √úberwachung entwickeln m√ľssen?

Wenn sie keine Heimlichkeiten aushecken können, wenn keine Abweichung vom vorgeschriebenen Weg unbemerkt bleibt, kein gebauter Mist ungestört bereinigt werden kann und keine unvorhergesehene Situation gemeistert werden muss, ohne dass gleich Rettung naht?

Kinder brauchen Freiräume - und mit jedem Geburtstag ein bisschen mehr davon

Es kann sehr schwierig sein, eine statistische Wahrscheinlichkeit gegen √ľberw√§ltigende Liebe abzuw√§gen. Doch Kinder brauchen Freir√§ume - und mit jedem Geburtstag ein bisschen mehr davon.

Bei kleineren Kindern steht die elterliche Pflicht zur F√ľrsorge und das Schutzrecht im Vordergrund, doch sp√§testens bei Heranwachsenden kann das Ausspionieren als Eingriff in die Privatsph√§re gelten.

Datenschutz gilt zwar f√ľr alle, aber die Handy-Ortung ist ausnahmsweise erlaubt: die Polizei und Eltern minderj√§hriger Kinder d√ľrfen das. Doch heimliches Ausspionieren hat in einer vertrauensvollen, liebevollen Beziehung nichts zu suchen!

Gegen die Eltern-Paranoia

Eltern wollen ihre Kinder immer ein bisschen zu sehr besch√ľtzen. Der ausgleichende Faktor ist der Widerstand der Kinder. Sie wollen Neues kennenlernen, ihre F√§higkeiten erproben, Fehlschl√§ge riskieren und Leute kennenlernen, die nicht die Meinung der Familie vertreten.

Versagt man ihnen das, hat man es bald mit einem ängstlichen, misstrauischen Kind zu tun, das sich selbst - und dem Leben nichts zutraut.

So drastisch und wahr wie der polnische Pädagoge Janusz Korczak hat das keiner formuliert: "Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben," schrieb er vor fast hundert Jahren, "um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben."

Den Tod eines Kindes durch einen Unfall, eine Dummheit, Leichtsinn oder ein Verbrechen kann auch die schlau ausget√ľftelte √úberwachungssoftware von heute nicht verhindern. Aber sie kann sein Leben, seine Freiheit und seine Erfahrungswelt schwer beeintr√§chtigen.

Ein bisschen Vertrauen braucht man dringender als Gerätschaften zur Überwachung. Das entbindet nicht von Verantwortung, aber im Hinterkopf muss man die Idee wach halten, dass nicht alles so furchtbar tragisch und es vorstellbar ist, dass die Kinder gesund und munter sind, auch wenn sie mal zu spät nach Hause kommen.

Gerlinde Unverzagt hat auch das Buch "Selber fliegen! Warum Kinder keine Helikopter-Eltern brauchen" verfasst, denn ihrer Meinung nach tun Helikopter-Eltern des Guten zu viel: Sie packen ihre Kinder in Watte, r√§umen f√ľr sie alle Hindernisse aus dem Weg und wollen ihnen jeglichen Frust ersparen. Doch das tut Kindern nicht gut. Auch wenn es manchmal schwerf√§llt, besser ist es, die Selbstst√§ndigkeit zu f√∂rdern, Risiken zuzulassen und sich in Gelassenheit zu √ľben.

Der Beitrag erschien urspr√ľnglich auf Schau Hin!

SCHAU HIN!, der Medienratgeber f√ľr Familien, veranstaltet ab sofort regelm√§√üig digitale Elternabende zu Fragen rund um die Medienerziehung Ihrer Kinder. Am 06.06. um 18 Uhr zu "Kinder-Apps".

Kristin Langer, Mediencoach von SCHAU HIN!, und Dr. Sigrid Fahrer, Leiterin des Entwicklungsbereichs "Digitales Lesen" bei der Stiftung Lesen, beantworten Ihre Fragen. Stellen Sie diese schon jetzt als Beitrag zu dieser Veranstaltung oder per Mail (service@schau-hin.info oder sigrid.fahrer@stiftunglesen.de).

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Digitale Kindheit: In welchem Alter sollten Kinder Smartphones haben? Wie wichtig ist es, fr√ľh zu lernen, wie Computer funktionieren? Und: Sind Computerspiele nun sch√§dlich - oder gar n√ľtzlich? Diese Fragen machen viele Eltern hilflos.

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