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Big mother is watching you

20/05/2016 10:57 CEST | Aktualisiert 21/05/2017 11:12 CEST
Thanasis Zovoilis via Getty Images

Immer mehr besorgte Eltern überwachen ihre Kinder auf Schritt und Tritt - digital. Was den Eltern vermeintlich Sicherheit vermittelt, kann Kinder ängstigen, weil ihre Erwachsenen ihnen nichts zutrauen. Auch suggeriert die ständige Überwachung, dass überall Gefahren lauern. Das geht auf Kosten von Vertrauen und Selbstbewusstsein, meint unsere Kolumnistin Gerlinde Unverzagt.

"Hast Du denn keine Angst, dass er entführt wird?", fragte mich die Mutter eines anderen Sechsjährigen, nachdem sie bemerkt hatte, dass der meinige neuerdings alleine in die Schule geht. "Also wir haben Max zum Schulanfang ein Smartphone geschenkt, damit wir immer wissen, wo er sich gerade aufhält!", rief sie und flüsterte mir dann ins Ohr, "über eine App kann ich sein Handy orten! Das weiß er natürlich nicht!"

Schockschwerenot! Daran habe ich ja noch gar nicht gedacht! Bitte, mein Junge wollte nach zwei Monaten Begleit-Service unbedingt alleine gehen und weil es ja nicht reicht, ihnen immer nur vom Leben da draußen zu erzählen, habe ich ihn ziehen lassen.

Wir haben die Ampeln geübt, das Abbiegen memoriert, "dumme Mama" gespielt, die mit geschlossenen Augen an seiner Hand den Schulweg abgeht. Und jetzt geht er alleine, und zwar ohne Smartphone. Uff. Hoffentlich passiert nichts.

Die Verbindung wird gehalten...

Es reichen oft schon wenige Minuten, um Eltern in den Wahnsinn zu treiben: Wo bleibt das Kind nur? Es müsste längst zuhause sein!

Wer diese bangen Minuten einmal erlebt hat, in denen man wieder und wieder aus dem Fenster schaut, auf die Uhr starrt und krampfhaft versucht, sich die schrecklichen Dinge, die dem Kind zugestoßen sein könnten, nicht auszumalen, ist anfällig für die schönen neuen Angebote des Angstmarktes, die einen enormen Zugewinn an Sicherheit für Eltern versprechen.

Es ist ja so einfach, dem Kind wenigstens immer digital nahe zu sein

Es ist ja so einfach, dem Kind wenigstens immer digital nahe zu sein! Nur um sicher sein zu können, dass alles in bester Ordnung ist: Auf dem eigenen Smartphone, auf dem Tablet, dem Notebook oder direkt über den Browser im Internet lässt sich jederzeit der momentane Aufenthaltsort des Kindes feststellen.

Spezielle Kindertelefone mit eingebautem GPS-Empfänger, der nicht ausgeschaltet werden kann und eine Alarm-SMS an die Eltern schickt, sobald das Kind eine vorher festgelegte Region verlässt, sind noch lange nicht der Gipfel.

Die Durchsetzung solcher Technologien braucht nur einen einzigen Treibsatz: Angst

Als Reaktion auf Kindsmorde und Entführungen haben Eltern in der Vergangenheit ihre Kinder schon ernsthaft erwogen, ihren Kindern einen Chip von der Größe eines Reiskorns zu implantieren.

Die Durchsetzung solcher Technologien braucht nur einen einzigen Treibsatz: Angst. Und die beschert bekanntlich dicke Geschäfte, weswegen sie von interessierter Seite mächtig geschürt wird. Wenn dabei die Grenze zwischen Sicherheitsbedürfnis und Kontrollzwang verwischt wird, kann man viel Geld verdienen: mit Rundum-Sorglos-Paketen aller Art.

Die Momente mehren sich, in denen Sie Ihr Kind aus den Augen lassen müssen

Eltern erkennen mit den Jahren und unter Schmerzen ihre begrenzten Möglichkeiten, ihr Kind zu beschützen: Im Schulbus gibt es keine Sicherheitsgurte, die Klassenkameradinnen Ihrer Tochter lästern auf Facebook über Ihr liebes kleines Mädchen.

Die Momente mehren sich, in denen Sie Ihr Kind aus den Augen lassen müssen und tatsächlich nicht immer genau wissen, wo es gerade ist und wohin es geht. Sie müssen vertrauen, und das ist keine leichte Übung.

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser, Zutrauen am besten

Die Gratwanderung zwischen freundlicher Ermutigung zur selbstbewussten Durchsetzungsfähigkeit und den nötigen Schutz, den ein Kind braucht, ist schwierig.

Meistens sind wir übervorsichtig und überängstlich, und dabei besteht die Gefahr, die ganze Welt außerhalb des Familienumfeldes als ein einziges Nest von Perversen und Kindsmördern zu sehen.

Brauchen Kinder wirklich eine elektronische Fußfessel?

Dabei suggerieren wir den Kindern, dass überall und ständig Gefahren lauern, weswegen nur eine elektronische Fußfessel in Gestalt einer Ortungs-App die notwendige Sicherheit verbürgt.

Wo immer einem Kind etwas Furchtbares widerfahren ist, suchen wir in der Zeitung nach Hinweisen, das Opfer sei an einem Ort gewesen, wo sich unsere Kinder niemals und schon gar nicht alleine aufhalten würden, zu einer Zeit, wo sie immer zuhause sind oder unter Umständen, die wir niemals zulassen würden. Wenn wir nichts dergleichen finden, verschärfen wir die Familienregeln.

Wollen wir wirklich alles wissen?

Aber wollen wir wirklich darauf bestehen, unsere Kinder auf Schritt und Tritt zu überwachen? App-Entwickler haben die Angst der Eltern in ein Angebot umgemünzt, mit dem wir die Technologie gegen unsere Kinder einsetzen können.

Da geht viel: Die genutzten Handyfunktionen lassen sich genauso kontrollieren wie die Aktivitäten auf Facebook sich nachvollziehen lassen. Auch das Mitlesen von WhatsApp-Nachrichten, Mails oder Textbotschaften - kein Problem.

In japanischen Kindergärten kommt jetzt ein Roboter zum Einsatz, der die Kinder permanent fotografiert, die Eltern können die Fotos in Echtzeit auf ihrem Computer hochladen und jederzeit checken, was der Nachwuchs im Kindergarten so treibt...

Kinder müssen auch Mist bauen können, der unbemerkt bleibt

Vertrauen kann nicht entstehen, wenn Eltern ihre Kinder ständig kontrollieren und am Display verfolgen, ob auch nicht getrödelt, geschwänzt oder vom vorgeschriebenen Schulweg abgewichen wird.

Wie sollen Kinder das nötige Selbstbewusstsein entwickeln, heikle Situationen ohne Hilfe ihrer Eltern meistern zu können? Was heißt es für Kinder, wenn sie Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit immer gegen die fürsorgliche Belagerung durch Überwachung entwickeln müssen?

Wenn sie keine Heimlichkeiten aushecken können, wenn keine Abweichung vom vorgeschriebenen Weg unbemerkt bleibt, kein gebauter Mist ungestört bereinigt werden kann und keine unvorhergesehene Situation gemeistert werden muss, ohne dass gleich Rettung naht?

Kinder brauchen Freiräume - und mit jedem Geburtstag ein bisschen mehr davon

Es kann sehr schwierig sein, eine statistische Wahrscheinlichkeit gegen überwältigende Liebe abzuwägen. Doch Kinder brauchen Freiräume - und mit jedem Geburtstag ein bisschen mehr davon.

Bei kleineren Kindern steht die elterliche Pflicht zur Fürsorge und das Schutzrecht im Vordergrund, doch spätestens bei Heranwachsenden kann das Ausspionieren als Eingriff in die Privatsphäre gelten.

Datenschutz gilt zwar für alle, aber die Handy-Ortung ist ausnahmsweise erlaubt: die Polizei und Eltern minderjähriger Kinder dürfen das. Doch heimliches Ausspionieren hat in einer vertrauensvollen, liebevollen Beziehung nichts zu suchen!

Gegen die Eltern-Paranoia

Eltern wollen ihre Kinder immer ein bisschen zu sehr beschützen. Der ausgleichende Faktor ist der Widerstand der Kinder. Sie wollen Neues kennenlernen, ihre Fähigkeiten erproben, Fehlschläge riskieren und Leute kennenlernen, die nicht die Meinung der Familie vertreten.

Versagt man ihnen das, hat man es bald mit einem ängstlichen, misstrauischen Kind zu tun, das sich selbst - und dem Leben nichts zutraut.

So drastisch und wahr wie der polnische Pädagoge Janusz Korczak hat das keiner formuliert: "Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben," schrieb er vor fast hundert Jahren, "um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben."

Den Tod eines Kindes durch einen Unfall, eine Dummheit, Leichtsinn oder ein Verbrechen kann auch die schlau ausgetüftelte Überwachungssoftware von heute nicht verhindern. Aber sie kann sein Leben, seine Freiheit und seine Erfahrungswelt schwer beeinträchtigen.

Ein bisschen Vertrauen braucht man dringender als Gerätschaften zur Überwachung. Das entbindet nicht von Verantwortung, aber im Hinterkopf muss man die Idee wach halten, dass nicht alles so furchtbar tragisch und es vorstellbar ist, dass die Kinder gesund und munter sind, auch wenn sie mal zu spät nach Hause kommen.

Gerlinde Unverzagt hat auch das Buch "Selber fliegen! Warum Kinder keine Helikopter-Eltern brauchen" verfasst, denn ihrer Meinung nach tun Helikopter-Eltern des Guten zu viel: Sie packen ihre Kinder in Watte, räumen für sie alle Hindernisse aus dem Weg und wollen ihnen jeglichen Frust ersparen. Doch das tut Kindern nicht gut. Auch wenn es manchmal schwerfällt, besser ist es, die Selbstständigkeit zu fördern, Risiken zuzulassen und sich in Gelassenheit zu üben.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf Schau Hin!

SCHAU HIN!, der Medienratgeber für Familien, veranstaltet ab sofort regelmäßig digitale Elternabende zu Fragen rund um die Medienerziehung Ihrer Kinder. Am 06.06. um 18 Uhr zu "Kinder-Apps".

Kristin Langer, Mediencoach von SCHAU HIN!, und Dr. Sigrid Fahrer, Leiterin des Entwicklungsbereichs "Digitales Lesen" bei der Stiftung Lesen, beantworten Ihre Fragen. Stellen Sie diese schon jetzt als Beitrag zu dieser Veranstaltung oder per Mail (service@schau-hin.info oder sigrid.fahrer@stiftunglesen.de).

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