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Ich bin Arzt und helfe seit 23 Jahren armen Menschen in Deutschland - doch das Leid wird immer größer

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GERHARD TRABERT
Andreas Reeg
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Wenn Menschen an Krebs erkranken, haben sie mehr Angst vor finanziellem Abstieg als vor dem Krebsleiden oder Tod. Und ihre Angst ist nicht unberechtigt. Denn Krankheit ist einer der häufigsten Gründe für Verschuldung in Deutschland.

Jede Krankheit geht mit finanziellen Einbußen einher. Zum einen verdient man weniger, zum anderen müssen viele Leistungen heute selbst gezahlt werden. Bestimmte Medikamente, Brillen, Hörgeräte, Krankenhauszuschläge - Kranksein wird schnell teuer. Und das können sich viele Menschen nicht leisten.

Wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung auskommen muss, ist von Armut bedroht. Das heißt: Liegt der Verdienst unter 11.530 Euro pro Jahr, gilt man als armutsgefährdet. 2015 waren 20 Prozent der Bevölkerung betroffen.

Ich bin Arzt und Sozialarbeiter und behandle seit 23 Jahren sozial benachteiligte Menschen in unserer Gesellschaft. Menschen, die keine Krankenversicherung haben, sich keine Zuzahlung für eine Behandlung leisten können oder die auch keinen Zugang zu einem Krankenversicherungsschutz haben.

Erst war ich mit Arztkoffer unterwegs, dann mit dem Arztmobil

Einige leben auf der Straße oder in Obdachlosenheimen. Ich gehe direkt dorthin, wo die Menschen leben - auf die Straße, in die Tiefgarage, auf den Domplatz - und versuche, ihre Leiden etwas zu lindern, ihre Lebenssituation etwas zu verbessern.

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Angefangen hat alles mit einem Arztkoffer, dann kam ein Arztmobil, eine rollende Ambulanz, mit der ich die Menschen an den bekannten Verweilplätzen in Form von „medical streetwork" aufsuche, dazu. Damals war ich einer der ersten Wohnungslosenärzt*innen in der Bundesrepublik.

Ich hätte nie gedacht, dass meine Arbeit so lange notwendig ist, aber leider hat sich die Situation in Deutschland sogar verschlechtert. Deshalb ist dieses praktische, aber auch ein politisch kritisches Handeln weiterhin notwendig.

Mehr zum Thema: Anwalt warnt: "Hartz IV kann jeden treffen, auch Millionäre"

Ich sehe mich als Menschenrechtsaktivist und versuche auch die strukturellen gesellschaftlichen Ursachen für Armut und soziale Benachteiligung zu benennen und zu skandalisieren. Mit der Hoffnung auf eine grundlegende Versorgungsverbesserung der betroffenen Menschen. Die soziale Ungerechtigkeit in Deutschland ist einfach nicht zu akzeptieren.

Ich treffe zum Beispiel auf Kinder, die in Einkommensarmut aufwachsen. Ihre Eltern erhalten vom Staat sogenannte soziale Transferleistungen - also Arbeitslosengeld 2. Diese Kinder sind häufiger krank, denn sie müssen, aufgrund der finanziellen Lebenssituation in Stadtteilen mit niedrigen Wohnmieten leben und mit der Gefahr einer hohen Verkehrslärm- und Feinstaubbelastung.

Mit knapp drei Euro am Tag kann ich mein Kind nicht gesund ernähren

Außerdem können sie sich aufgrund des viel zu geringen Budgets für Lebensmittel innerhalb des Arbeitslosengeldbetrages, so gut wie nicht gesund ernähren.

Wissen Sie, was eine alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Jungen täglich für Frühstück, Mittag- und Abendessen zur Verfügung hat? Es sind 2,98 Euro. Von diesem Budget kann sich niemand gesund ernähren.

Diesen Familien wird oft vorgeworfen: Ihr seid selbst schuld. Denn auch mit wenig Geld, kann man sich gesund ernähren, wenn man sich ein bisschen schlau macht.

Aber auch wenn ich noch so viel über Ernährung weiß, Bio-Lebensmittel kann ich mir mit 2,98 Euro pro Tag trotzdem nicht kaufen.

Mehr zum Thema: "Wir fühlen uns schuldig für unsere Armut" - was es bedeutet, in einer armen Familie zu leben

Schuld an so einer Lebenssituation sind meist nicht die Familien, sondern unser Arbeits- und Sozialsystem. Die Einführung der Agenda 2010 war ein fataler Fehler. Sie hat dazu geführt, dass die Verarmung zugenommen hat.

Das soziale Netz, das sich Deutschland ohne weiteres weiterhin leisten kann und muss, wird immer mehr abgeschafft. Und dann kommt es noch zu einer Individualisierung von Armut, der Einzelne wird für seine Situation ausschließlich selbst verantwortlich gemacht um von gesellschaftsstrukturellen Verursachungsmechanismen abzulenken.

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Das Arbeitslosengeld muss erhöht werden

Die Agenda 2010 lief parallel zur Gesundheitsreform. Viele Gesundheitsversorgungsangebote wurden im Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen und Zuzahlungen sowie viele finanzielle Eigenbeteiligungen eingeführt. Das alles hat zur Verarmung und somit zu weiterer Gesundheitsgefährdung beigetragen.

Arme Männer sterben elf Jahre früher, Frauen acht Jahre. Das entspricht einer Lebenserwartung wie in Nordafrika. Und diese Entwicklung wurde durch die Reduktion der Gesundheitsleistungen gefördert.

Deswegen fordere ich: Das Arbeitslosengeld 2 bzw. das Sozialgeld muss erhöht werden. Menschen müssen von Zuzahlungen und Eigenbeteiligungen befreit werden. Das muss alles wegfallen.

Wir brauchen eine höhere Einkommensteuer, eine Erbschaftssteuer, eine Vermögenssteuer und eine solidarische Krankenbürgerversicherung. Es kann nicht sein, dass in Deutschland Menschen kränker sind und früher sterben, weil sie sich keinen Arzt leisten können. Das darf nicht sein - nicht im viertreichsten Land der Welt.

Leider bin ich nicht besonders optimistisch. Bei den etablierten Parteien sehe ich eine große Distanz zu den Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben.

Viele politische Entscheidungsträger wissen nicht, was es bedeutet, so arm zu sein. Die Politiker sind so weit entfernt von der Lebensrealität und damit auch von einer Entscheidungskompetenz, im Hinblick auf eine humane Sozial- und Gesundheitspolitik. Deswegen wird sich die Situation auch nicht verbessern, ganz im Gegenteil.

Wenn es unsere Regierung nicht schafft, sich für diese Menschen einzusetzen, müssen wir es eben weiterhin selbst machen. In Solidarität und gemeinsam mit den vielen von sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen.

Von Prof. Dr. Gerhard Trabert, Arzt und Sozialarbeiter

Der Beitrag wurde zusammen mit Katharina Hoch verfasst.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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