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Armut, Krankheit und Verfolgung: Auf deutschen Straßen sterben Osteuropäer

Veröffentlicht: Aktualisiert:
POOR PEOPLE IN GERMANY
Laszlo Balogh / Reuters
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In Deutschland sind ungefähr 350.000 Menschen wohnungslos. Davon leben 30.000 bis 40.000 permanent auf der Straße. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe prognostiziert sogar, dass bis 2018  die Anzahl der Wohnungslosen auf eine halbe Million steigt.

Die wesentlichen Ursachen liegen in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik und einer unzureichenden Armutsbekämpfung.

Seit 23 Jahren arbeite ich unter anderem als Wohnungslosenarzt. Ich behandle Menschen, die keine Krankenversicherung haben oder sich keine Zuzahlung für eine Behandlung leisten können. Viele leben auf der Straße oder in Obdachlosenheimen.

Wenn sie einen Unfall haben, behandelt sie keiner

Was mir aufgefallen ist: Unter den wohnungslosen Menschen sind mehr und mehr Osteuropäer. Diese Menschen kommen aus Ländern wie Polen, Bulgarien, Rumänien oder Ungarn nach Deutschland, weil sie Arbeit suchen. Oder weil sie, wie in Ungarn, verfolgt und kriminalisiert werden.

Oft finden finden sie dann leider keine Anstellung oder sie werden für Schwarzarbeit benutzt. In beiden Fällen sind sie nicht krankenversichert. Wenn sie dann einen Unfall haben oder krank werden, behandelt sie keiner - beziehungsweise nur in absoluten Notfällen und oft ohne notwendige Nachbehandlung einer akuten Erkrankung.

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So habe ich es schon mehrmals erlebt, dass Menschen sterben, weil sie keine ärztliche Versorgung bekommen. Zum Beispiel ist ein Mann an Lungenkrebs gestorben, weil lange Zeit niemand die Therapiekosten übernehmen wollte.

Bis wir eine Finanzierung aufgetan hatten, nach zahlreichen Gesprächen, Telefonaten, Interventionen, war es zu spät, so dass er verstorben ist. Er hätte gerettet werden können.

Doch unsere fehlenden Versorgungsstrukturen, quasi unser System stand ihm dabei im Weg. Wie kann so etwas passieren? Hier muss es doch eine soziale Regelung geben. Selbst bei einem Notfall werden diese Menschen nur notdürftig behandelt und dann sofort wieder auf die Straße gesetzt. Keiner fühlt sich verantwortlich.

Die Gewaltbereitschaft von rechts nimmt zu

Die EU hat hier versagt. Diese Menschen aus Osteuropa kommen hierher, weil sie arbeiten wollen. Das ist auch ihr gutes Recht. Doch schlussendlich landen sie krank auf der Straße, bekommen keinen Platz im Obdachlosenheim und im schlimmsten Fall sterben sie sogar.

Dazu kommt, dass die Gewaltbereitschaft von rechts gegenüber Obdachlosen zunimmt. Die Wohnungslosen werden als Sozialschmarotzer beschimpft und oft auch verprügelt. Ich hatte schon Patienten in meiner Sprechstunde, die mit Benzin übergossen und angezündet wurden.

Die Täter kamen aus der rechten Szene. Immer häufiger spüren wir diesen Hass der
Rechtspopulisten.

Mehr zum Thema: Die Politik hat die Armen in Deutschland verloren - warum das so gefährlich für unser Land is

Als ich 1994 mit meiner Arbeit auf der Straße angefangen habe, hätte ich nie gedacht, dass mein Engagement so lange notwendig ist, aber leider hat sich die Situation in Deutschland sogar verschlechtert.
 
Mit unserem Verein Armut und Gesundheit in Deutschland arbeiten wir permanent daran, diese Missstände an die Öffentlichkeit zu tragen und diesen Menschen zu helfen.
 
Angefangen hat alles mit einem Arztkoffer und dann mit einem Arztmobil, einer rollenden Ambulanz - quasi ein rollendes Sprechzimmer. Mittlerweile sind viele weitere Projekte und Anlaufstellen dazu gekommen: Eine feste Ambulanz eine Art Poliklinik an der Mainzer Zitadelle, ein Street Jumper-Modell und weitere Projekte zur Förderung der Gesundheitskompetenz bei Kindern und Jugendlichen.

Die Regierung muss endlich anfangen, Armut zu bekämpfen

Über 40 ehrenamtlich und hauptamtlich bei unserem Verein angestellte Mitarbeiter sind derzeit bei uns aktiv, Ärzte aus verschiedenen Fachbereichen, Sozialarbeiterinnen, Hebammen, Krankenschwestern, Arzthelferinnen und viele weitere.
 
Doch es reicht bei Weitem nicht. Unsere Regierung muss endlich anfangen, die Armut in unserem Land mit kompetenten Entscheidungen zu bekämpfen und dafür sorgen, dass jeder Mensch - ob arm oder reich - eine ordentliche Gesundheitsversorgung bekommt.

Wir möchten schließlich keine Armutsmedizin etablieren, sondern staatliche Versorgungs- und Fürsorgestrukturen fordern, die die betroffenen Menschen unterstützen. Wir brauchen mehr soziale Gerechtigkeit in unserem Land.

Mehr zum Thema: Ich bin Arzt und helfe seit 23 Jahren armen Menschen in Deutschland - doch das Leid wird immer größer

Wir haben genügend personelle und finanzielle Ressourcen - sie werden nur falsch eingesetzt.

Die Finanzen in unserem reichen Land müssen von "oben" nach "unten" verteilt werden. Ein Weg ist unter anderem eine höhere Einkommenssteuer, Vermögenssteuer und Erbschaftsteuer. Sowie eine Entlastung von niedrigen Einkünften bezüglich der Sozialversicherungsbeiträge.

Von Gerhard Trabert, Arzt und Sozialarbeiter.

Der Beitrag wurde von Katharina Hoch aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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