Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Dr.-Ing. habil. Gerhard Saeltzer Headshot

Wie zwei Durstige von der Polizei aufgelesen und in die Kneipe chauffiert wurden

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Als Junge träumt er davon, in einem Polizeiauto zur Getränkequelle gefahren zu werden
• Freundliche tschechische Polizisten erfüllten ihm jetzt ganz nebenbei den Traum.

Als es noch nicht üblich war, ständig eine Trinkflasche mit Wasser bei sich zu haben, und überall Busse einem das Laufen abnehmen, musste man sich auf Schusters Rappen bemühen, die Straße entlang stapfen, um an einen anderen Ort zu kommen. Das oft stundenlang. Bei einer solchen Strapaze unter glühender Sonne war meine Kinderkehle total ausgetrocknet, ich hechelte, meine Zunge hing mir aus dem Mund heraus. Dehydriert plagten mich Kopfschmerzen. Dann fuhr plötzlich ein Einsatzwagen der Polizei vorbei, ich hoffte, er würde halten und mich verdurstendes Kind menschenfreundlich an die nächste Wasserquelle fahren. Doch das war nur ein unvernünftiger Traum. Dieser seltsame Traum, wie ich Durstender von einem Einsatzwagen von menschenfreundlicher Polizisten aufgegriffen und zur nächsten Getränke-Quelle gefahren werde, hat sich seit meiner Kindheit fest in meine kleinen grauen Zellen eingenistet.
Seltsame Überlegungen
In meinem ausgetrockneten Zustand schossen mir wirre Gedanken durch den Kinderkopf: Wenn die Polizei das Vollzugsorgan des Staates ist, warum soll sie sich nicht um verdurstende Kinder kümmern, die auf der Straße bald umfallen, vielleicht von Panzern überfahren, zermatscht werden und sterben? Gegen wen will denn die Polizei Staatsgewalt ausüben, wenn alle tot sind? Es wäre daher gut, klug und menschenfreundlich und im Sinn des Staates, sich um seine verdurstenden Kinder zu kümmern und vor dem Tod des Austrocknens zu retten. Und durstige kleine Kinder von der Straße einsammeln und zur nächsten Getränkequelle zu fahren - wenn nicht irgendwelche Getränke schon im Einsatzwagen bereitliegen.
Viele Jahre später
Meine Frau und ich wollten eine Ausflugspartie in die schöne Böhmische Schweiz unternehmen. Die Anreise mit Bus und Bahn war beschwerlich. Nun standen wir auf dem tschechischen Bahnhof, der war etwas verwahrlost - und wir begannen, auch durstig - wir hatten unser Wasserflaschen vergessen - unsere Exkursion durch die Straßen in Richtung zu einem entfernten Ausflugslokal. Wir wollt en zur Jagdhütte. Wenn man durch ein fremdes Land schreitet, blickt man nicht auf die Füße, sondern eher wie Hans-guckt-in-die-Luft in die Gegend. So stapften wir, suchten Wegweiser, und stapften weiter.
Plötzlich versank auf dem Fußweg mein rechter Fuß in einem größeren Loch, ich fiel zwar nicht auf die Nase, sondern auf die Knie. Es krachte beim Aufschlagen der Kniescheibe auf eine Betonplatte. Passiert war aber sonst nichts.
Nachdem ich mich geschüttelt, wieder etwas gefasst und beäugt hatte, hielt plötzlich ein Streifenwagen der tschechischen Polizei direkt neben uns. Zwei junge Polizisten fragten: „Problääm?"
Nach kleinen Verschnaufpause antwortete ich: „Nee!"
Auf zur Jagdhütte
Der eine Polizist fragte: „Wohin?"
Ich stammelte "Gut tschechisch Bier trinken. In der Jagdhütte!".
Der Polizist am Lenkrad lächelte und meinte kurz: „Hinfahren wir!"
So stiegen wir in den Streifenwagen der tschechischen Polizei auf die Rücksitze und führen wie Graf Koks in der hochherrschaftlichen Kutsche direkt bis vor die Jagdhütte.
Die Leute dort schauten seltsam: Wer wird jetzt wohl von der Polizei abgeholt? Es wurde niemand abgeholt, sondern zwei durstige Deutsche und Ausländer wurden als Gäste angeliefert.
So fuhren uns die freundlichen tschechischen Polizisten direkt zu der ersehnten Bierkneipe. Bei wunderbarem Gambrinus-Bier sprachen meine Frau und ich von dem seltsamen Erlebnis und wie mein Kindertraum nach vielen Jahren doch noch im Ausland bei den Tschechen in Erfüllung ging.

Wir dankten den Polizisten, die Deutsch kaum verstanden, wortlos, indem ich freundlich anerkennend auf die Schulter in ihrer schwarzen Lederjacke klopfte.