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Wie Frauen geschickt das untergehende Dorf zum Aufblühen bringen

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SUNSHINE BABIES
evgenyatamanenko via Getty Images
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Das abgelegene und vergessene Dorf K. im Norden wurde immer trister und verwahrloste immer mehr
• Doch dann fanden sich einige Frauen, die es mit viel Geschick und immer mehr zum Aufblühen bringen.

Es geschah in dem kleinen Dorf K. im Norden, wo sich die Füchse abends gute Nacht sagen und manchmal auch früh ein Hahn weckt. Das Dorf lag an einem wunderbaren kleinen See, eingefasst von herrlichen alten Bäumen, Erlen und Buchen und Birken und dichtem Gestrüpp, bot am Wasser sogar eine kleine Badestelle, etwas Sandstrand und Liegewiese, mit einer Brücke ins Wasser, die zum Angeln und Erholen einlud. Die wunderbare Gegend am See hatte sogar Leute aus dem Westen angelockt, die sich in neuen Bungalows niederließen und in Ruhe das Leben am See genießen wollten.

K. lag inmitten von Mecklenburg-Vorpommern, in dem Land, von dem man sagt, dass dort die Welt 100 Jahre später untergeht. Doch dank der kurzsichtigen Politik in Bonn, Berlin und Schwerin war der Untergang schon voll im Gange. In dem Dorf K. lebten nur noch etwa 250 Menschen, Wohnungen in Plattenbauten standen leer. Die Arbeitslosigkeit war hoch. Es gab keinen Bäcker mehr für ofenfrische Brötchen, keinen Fleischer mehr für schlachtfrische Wurst, der muntere Kinderlärm aus der Schule war verstummt, die wenigen Kinder aus dem Dorf wurden in entfernte andere Schulen hin- und hergefahren. Es gab keinen Dorfkrug mehr, indem man sich trifft, seinen Kaffee oder ein Bierchen trinkt, über dies und jenes klönt. Das einzige Wartehäuschen für den Bus, der selten vorbeikam, und K. mit größeren Siedlungen und Städten verband, verkam immer mehr zu einer schmutzigen Bruchbude. Der Gemeinde fehlte das Geld, irgendetwas zu bewegen.

Doch aus längst vergangenen Zeiten des „blühenden" Sozialismus" und der rücksichtslosen landwirtschaftlichen Produktion lebte weiter unter den Leuten die Gewohnheit, Dreck, der irgendwo anfiel, einfach in die nächste Ecke zu werfen und dort einfach liegen zu lassen (der Staat wird ihn schon fortschaffen). So gab es nicht nur viele Spuren des Untergangs, sondern auch reichlich Schmutz und Dreck und verwahrloste Ecken.

Doch das war einer zugezogenen Frau zu viel. Sie, die schöne Natur und die Blüte liebte, fasste einen Entschluss. Und bei Kaffee und Kuchen besprach sie es mit anderen Frauen, dass sie etwas unternehmen müssen. Und sie machten nicht viel Federlesens und Tamtam und gaben auch keine Pressekonferenz, sondern packten einfach an. Sie wollten das Dorf zum Blühen bringen und tauften die Arbeitsgruppe „K. blüht auf!"

Als erstes nahmen sich die Frauen das verrottete Eingangstor zur weiten Welt, die Bushaltestelle, vor. Sie wurde gesäubert, repariert und bekam eine leuchtende sonnengelbe Farbe. Das verwahrloste Umfeld wurde von ihnen umgestaltet, Blütensträucher gepflanzt. Alles aus eigener Tasche bezahlt.

Das eingeschlafene regelmäßige Treffen zu Kaffee, Bier, Wein und Tee wurde wieder eingeführt und „Sonntagscafé" getauft. Die Frauen und auch andere spendeten selbst gebackene köstliche Kuchen, besser als von jedem Konditor. Abgerechnet wurde nicht kleinlich nach Cent und Euro, sondern am Ende der Sonntagstreffs im Gemeindesaal wurde ein Sparschwein herumgereicht und nach Lust und Vermögen gefüllt - für die Ausgaben und die nächsten Aufblüh-Projekte. Das Sonntagscafé wurden immer beliebter und bald reicht der Gemeindesaal nicht aus.

Die lange Dorfflanke hinter verwahrlosten Kleingärten bot von der Straße aus einen unschönen Anblick. Einen mehrere 100 m langen Streifen rodeten die Frauen und bepflanzten ihn mit bunten Bäumen und Sträuchern, aber auch immergrüne Fichten und muntere Lärchen. Einige Männer halfen sogar. Alles wurde fachgerecht mit Rindenmulch abgedeckt. Bezahlt wurde aus dem Sparschwein und freiwilligen Spenden anderer Einwohner.

Demnächst ist ein Adventskaffee im Gemeindehaus geplant. Ein Akkordeon- und ein Keyboardspieler aus dem Dorf werden spielen, gemeinsam werden Advent- und Weihnachtslieder gesungen, eine Weihnachtstombola sorgt für Abwechslung, Weihnachtsgebäck und Punsch können kostenlos probiert werden; dafür wird am Schluss wieder in das Sparschwein gespendet für weitere tolle Einsätze der Frauen zum Aufblühen der Gemeinde und zur Freude aller, die Blüten mehr mögen als graue und verwahrloste Schmutzecken.

Und auch bei Bienen, Schmetterlingen und Co. wird sich das Blühen rumsprechen. Sie werden herbeisummen und -flattern und sich niederlassen, nachdem die Pestizide auf den Äckern und Wegen sie vertrieben oder gar vergiftet hatten. Sie werden wichtige Bestäubungsarbeit in den Gärten leisten und für reichere Ernten sorgen.

Wie ich soeben erfahren habe, planen die tüchtigen Frauen für das nächste Frühjahr eine geheime Überraschung sowohl für die Einwohner aber auch für die Gäste: An den verschiedensten, gut ausgewählten Ecken, haben sie schon im Herbst unbemerkt in der Erde eine Fülle von Zwiebeln für Frühblüher versteckt, die an passenden Stellen im nächsten Frühjahr plötzlich und zur Freude der Vorbeigehenden erblühen werden. Zu allererst die Schneeglöckchen, gefolgt von Krokussen, Märzenbechern, Hyazinthen, Narzissen und bunten Tulpen.

Ich bin sicher: Wenn die engagierten Frauen so tüchtig weitermachen, werden sich weiter freundliche Sponsoren finden, die einst sogar einen neuen Arbeitsplatz und für das Dorf K. bezahlen werden: Einen Gärtner, der die vielen aufblühenden Blumensträucher und Bäume pflegen und das Dorf K. mit zu einer neuen blühenden Insel inmitten einer wunderbaren Landschaft der Fünfseen entwickeln wird, die Menschen, Bienen und Schmetterlinge gerne aufsuchen und wo sie mit Freude verweilen.