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Vorsicht, Halbgott in Weiß! Das letzte Gespräch mit meinem Scharfrichter

07/03/2016 14:15 CET | Aktualisiert 08/03/2017 11:12 CET
surfi via Getty Images

Unglaublich, aber wahr!

Ärzte, die Halbgötter in Weiß, bezeichnen zuweilen augenzwinkernd ihre Kollegen, die Chirurgen und Radiologen, als Vollstrecker oder gar Scharfrichter. - Das nachfolgende Gespräch habe ich - so gut es ging - aus dem Gedächtnis protokolliert. Es handelt sich um eine Situation, in die Sie auch geraten können: Die Therapie einer Krankheit, die jeden befallen kann, insbesondere Ältere.

Der Gott in Weiß, Dr. Schneider (Name geändert), begrüßte mich in seinem Sprechzimmer: „Schön, dass sie zu uns kommen. Wir sind ein Zertifiziertes Krebstherapiezentrum, wo ihnen alle medizinische Fachkompetenz hilft und wieder gesund macht."

Ich meinte zweifelnd: „Hoffentlich..."

Dann vertiefte sich Dr. Schneider für einen Moment in meine Patientenakte und erklärte: „Das Wichtigste ist: Ihre Lymphknoten sind auch von Krebs befallen. Sie müssen schnell entfernt werden!"

Ich bekam einen Schreck und bemerkte kleinlaut: „Warum wollen sie meine Lymphknoten entfernen? Ich mag sie sehr und brauche sie unbedingt zum Gesundwerden...!"

Dr. Schneider rückte mit seiner Akte in der Hand zu mir: „In diesem ausführlichen Befund ihrer MRT- Aufnahmen steht: „Ein Krebsbefall der Lymphknoten kann nicht sicher ausgeschlossen werden."

Ich schöpfte Hoffnung: „Ist also gar nicht sicher bewiesen!"

„Nein! Als Arzt muss ich stets vom Schlimmsten ausgehen!"

"Orakeln müssen sie aber auch nicht! Hier ist die CD mit den MRT-Aufnahmen. Bitte zeigen sie mir an ihrem Bildschirm meine befallenen Lymphknoten!"

Der Halbgott begann unter den kleinen Bildchen zu suchen. Es dauerte und dauerte...

Ich bot Hilfe und zeigte auf einen verwaschenen Fleck: „Sind das die Lymphknoten?"

Der sonst so selbstbewusste Halbgott sah auf einmal hilflos aus: „Ich kann die MRT-Aufnahmen nicht verstehen. Dafür gibt's Radiologen."

„Ja", hakte ich nach „die schrieben, dass das untersuchte Organ nach Ausstanzen der 12 Gewebeproben schwer verletzt war. Die Aufnahmen sind so blutverwaschen, dass sie nicht beurteilt werden können. Das steht hier, Dr. Schneider, schwarz auf weiß!".

Der Halbgott lehnte sich in seinen Sessel zurück und schwieg.

Ich fasste so zusammen:

„Herr Dr. Schneider! Sie möchten aus meinen Körper Lymphknoten herausschneiden, doch sie wissen nicht genau, wo sie liegen, wie sie aussehen und weshalb. Sie nehmen das Allerschlimmste an - und wissen nicht, warum! Die Radiologen schrieben, dass die Blutung keinen klaren Befund ermöglicht."

Der Halbgott versuchte, das Gespräch wieder unter seine Kontrolle zu bringen: „Vertrauen Sie uns! Wir sind landesweit zertifiziert und bieten geballte therapeutische Kompetenz und Erfahrung. Lassen Sie sich die Lymphknoten entfernen!"

Ich schnappte vor solcher Operierlust nach Luft und quälte hervor: „Und womit machen Sie das?"

Dr. Schneider griff zu einer Art Brieföffner auf dem Schreibtisch: „Wir starten mit einem solchen Skalpell."

„Damit wollen sie tief in meinem Fleisch versteckte Lymphknoten herauspuhlen und dann herausschneiden, obwohl Sie nicht wissen, wo sie genau stecken und ob sie krank sind? Wirklich toll!"

Der Halbgott lehnte sich schweigend in seinen Rollsessel zurück. Ich versuchte den verdatterten Mann aufzumuntern:

„Liege ich richtig, dass die Skalpells und Fallbeile ihres Zentrums wenigstens ordentlich geschärft sind?" Der Arzt lachte kurz zynisch auf und meinte: „Aber sicher!".

Dann herrschte Totenstille.

„Tauschen wir doch unsere Rollen!" schlug ich vor. „Sie sind jetzt der leidende Patient und ich der Arzt. Sie suchen Rat. Ich empfehle: Sofort raus mit ihren Lymphknoten - auch wenn ich gar nicht weiß, welche, wo und warum. Ich schneide nämlich gerne. - Am besten: Sie demonstrieren mir an ihrem eigenen Körper, wie sie Lymphknoten entfernen". Und ich drückte ihm aufmunternd sein Skalpell in die Hand: „Na, zeigen sie's doch mal!".

In diesem Moment streckte Dr. Schneider blitzschnell seinen Arm aus, eine rote Lampe in der Ecke begann grell zu flackern. Ein bulliger Mann mit der Statur eines Boxers und Rauswerfers, ein Wachmann, trat eilig in das Sprechzimmer.

Ich bekam einen kurzen Black-out und ergänze das weitere Geschehen so:

Der Arzt forderte den Mann auf: „Tun sie Ihre Pflicht!"

Der Wachmann sah sich um: „Is' wohl ein Fehlalarm! Herr Doktor, sie sind doch nicht wegen dieses Brieföffners in Lebensgefahr!".

Der Mann kam sich überflüssig vor und zog sich zurück mit den Worten „Isch geh mal eene roochen!"

Aus dem zertifizierten Krebstherapiezentrum wollte ich mich von einem Halbgott oder Wachmann nicht unbegründet rauswerfen lassen. Ich ging zur Tür und sagte: „Hier ist nicht ein zertifiziertes menschenfreundliches Therapiezentrum, sondern eine Art Organ-Entnahmestelle ohne Grund, ein, pardon, medizinischer Schlachthof. Ja, Menschen-Schlachthof! Zu meiner geplanten therapeutischen Verstümmelung werde ich natürlich nie erscheinen. Ich sage auch nicht „Auf Wiedersehen" sondern nur Tschüss, Herr grundloser Lymphknoten-Rausschneider Dr. Schneider!"

Ich verließ das Sprechzimmer und eilte zur Rezeption. Dort sagte ich: "Bitte archivieren Sie meine Patientenakte. Mich sehen sie hier nie wieder zur unbegründeten Entnahme von Körperteilen!" Die Dame an der Rezeption blickte mich entgeistert an, ich verschwand rasch durch die Drehtür.

Draußen atmete ich dreimal kräftig aus und erquickte mich an der frischen Luft, die ich tief in mich einsog.

Damit hatte ich das letzte Gespräch mit diesem Scharfrichter glücklich hinter mich gebracht in diesem zertifizierten Therapiezentrum, wo der Kranke als Mensch nichts, aber das Geld alles zählt.

Es gehört Mut dazu, einem Gott (in Weiß) kritische und vernünftige Fragen zu stellen. Es kann sogar ihr Leben retten!

Unglaublich, aber wahr!

P.S.

Das absurde Ende: Der Halbgott in Weiß lässt als Therapie seinen lästigen mündigen Patienten erschießen, passierte nicht - sonst hätte ich diesen Blog nicht schreiben können.

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