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Vorsicht! Gefährliche Internetattacken und automatische Gesichtserkennung! - Offener Brief an Bundesinnenminister de Maizière

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CYBERSECURITY
Rawpixel Ltd via Getty Images
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Sehr geehrter Herr Bundesinnenminister de Maizière!

Wir leben in stressigen Zeiten. Und Sie haben einen furchtbar anstrengenden stressigen Job. Sie müssen jetzt viel in Sachen Sicherheit nacharbeiten, was über viele Jahre in Deutschland versäumt worden ist. Sicherheit für die Bürger, ihre Kultur und Eigentum, das ganze Land ist die wichtigste Aufgabe des Staates.

Sie möchten Terrorverdächtige an Schwerpunkt mit Bahnhöfen und Flughäfen mit Hilfe neuer Technologie, mit Computern und einer Software zur Gesichtserkennung aufspüren. Klingt gut und nach der Werbung einer Hochglanzbroschüre von Computerfirmen. Doch das Ganze hat einen mächtigen Haken und kann leicht zu einem für die Bürger teuren Flop und auch Fehlschlag für Sie werden.

Biometrische Gesichtserkennung

basiert auf einem Mustervergleich. Die Fotos von Gesichtern werden blitzschnell nach einem Muster vermessen und dann weiterverarbeitet. Verglichen wird das Datenmuster eines unbekannten Gesichts mit den gespeicherten Datenmustern in einer entsprechenden Musterdatenbank. Dabei kann Folgendes passieren:

1. Das neue Gesicht ist unbekannt und wird nicht erkannt, weil es in der Musterdatenbank nicht enthalten ist (z.B. der Herr Minister wird nicht erkannt)
2. Das gesuchte Gesicht wird korrekt erkannt, weil es in der Musterdatenbank gefunden wird (z.B. der Herr Minister wird erkannt („Treffer"))

Erkennungsfehler

Zwei unterschiedliche Erkennungsfehler („Falschtreffer") können auftreten:
1. Art: Die richtige Person wird falsch erkannt (z.B. der Herr Minister wird automatisch nicht erkannt, sondern mit einem Übeltäter verwechselt und entsprechend behandelt...)
2. Art: Die falsche Person wird als richtig erkannt (z.B. der Übeltäter wird als der Minister erkannt und so behandelt).

Die Gesichtserkennung irrt

Mit einfachsten Mitteln kann die automatische Gesichtserkennung hinters Licht geführt werden und dann zu falschen Ergebnissen führen. Zum Beispiel: Jemand, dessen Muster ohne Sonnenbrille in der Gesichtsdatenbank gespeichert ist, trägt eine Sonnenbrille. Ein Mann rasiert sich seinen Bart, eine Frau lässt ihren Bart stehen. Eine Person hat wegen Zahnschmerzen ein verquollenes Gesicht, das nicht in der Musterdatenbank gefunden wird.

Verhältnismäßig?

Automatische Gesichtserkennung hat keinen Beweiswert. Nach Stand der Technologie liefert sie manchmal richtige und manchmal falsch erkannte Personen. Sie ist demzufolge zur sicheren Identifizierung von Personen ungeeignet (von unterhaltsamen Spielerchen mit Internet und Handy wollen wir schweigen). Ein ungeeignetes Mittel ist nach einschlägigen Urteilen des Bundesverfassungsgerichts unverhältnismäßig und seine Anwendung durch den Rechtsstaat rechts- und verfassungswidrig. Und zur Erhöhung der Sicherheit nach dem gegenwärtigen Stand der Technologie nicht geeignet. Entsprechende Regelungen und Gesetze werden wohl kaum vor dem Bundesverfassungsgericht und dem europäischen Gerichtshof in Luxemburg Bestand haben.

Sehr geehrter Herr Bundesminister, Sie haben genug Arbeit, Ärger und Stress. Tun Sie sich nicht noch zusätzlich das aussichtslose Konzept der automatischen Gesichtserkennung an.

Immer mehr Gefährliche Cyber-Attacken

Ein für alle Lebensbereiche (Privatleben, Gesundheitswesen, Handel, Wasser-und Energieversorgung, Banken, Industrie Forschung, Behörden) wichtiges digitales Sicherheitskonzept, das gegen die zunehmenden und weltweiten und immer gefährlicheren Cyber-Attacken schützt, fehlt. Kleine Reparaturen und Schutzarbeiten greifen zu kurz. Der Schaden für die Gesellschaft durch das übermächtige und allgegenwärtige Internet übersteigt heute zunehmend seinen Nutzen (!). Wenn wir in Sachen Internet auf Gedeih und Verderb von der ganzen Welt und insbesondere von der Internet-Supermacht USA abhängen, so ist das ein enormes Risiko und riesige Gefahr sowohl für die nationale Sicherheit, als auch für alle Deutschen, für ihre Arbeit, ihren Lebensstandard und das Zusammenleben. Durchgreifende und nachhaltige digitale Sicherheit erfordert Mut und Entschlossenheit.
Näheres zum gegenwärtigen Sicherheitsstand des Internets und seinen Gefahren finden Sie in meinem Beitrag in der Fachzeitschrift Datenschutz und Datensicherheit (DuD) unter dem Titel: „Vorsicht! „Krimineller Datenschutz" und gefährliche „Datensicherheit", DuD 5(2014) S.331-339.

Der Ausweg aus der digitalen Sicherheitsmisere

Einen konstruktiven nachhaltigen Ausweg aus der gegenwärtigen Internet-Misere finden Sie in der gleichen Fachzeitschrift unter dem Titel: „Schaffen wir das vertrauenswürdigste, menschenfreundlichste, sicherste und beste Internet der Welt!" 2(2015), S. 103-107.
Grundsätzliches zur Videoüberwachung (und Gesichtserkennung) können Sie auch in meinen früheren Beiträgen nachlesen z.B. „Die 13 Irrtümer über Videoüberwachung" DuD 24 (2000) 4, S.194-201. Schon vor 20 Jahren erschien der Beitrag: „Vorsicht, Videoüberwachung!" DuD, 21(1997) 8, S. 462-468.

Unser Umgang mit neuen Technologien
Das Ende dieses alten Zeitschriften-Beitrags ist immer noch aktuell:
„So bringt der Umgang mit neuen Technologien unsere moralischen Stärken und Schwächen ans Tageslicht. Aber sicher ist: Für einen sachgerechten Umgang mit neuen Technologien ist mehr Mut, Information, Aufklärung (auch über Irrtümer), Bildung und Ausbildung oft mehr sachkundige Beratung im Einzelfall nötig."

Es ist bedauerlich und für Sie auch nicht hilfreich, wenn wohl von Ihren Mitarbeitern und Beratern brandaktuelle (oder auch ältere Zeitschriften-Beiträge) zu Datenschutz und Datensicherheit, aber auch Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, ignoriert werden.
Das macht Ihren anstrengenden stressigen Job nur noch anstrengender und stressiger und gefährdet den Erfolg Ihrer vielen Bemühungen.

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