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Vom Munitionsentschärfen, einem Vulkanausbruch in Deutschland und einem Horror-Gesicht

04/01/2016 09:45 CET | Aktualisiert 04/01/2017 11:12 CET
sodapix sodapix via Getty Images

Ja, plaudern wir gleich im neuen Jahr aus dem Nähkästchen!

Ein wenig verrückt sind schon die Deutschen. Gerade rund um Silvester zeigt's sich. Sie lieben die Ruhe und machen mit Knallfröschen und Böllern fürchterlichen Lärm, sie fürchten das Feuer, doch nichts versetzt sie so in Stimmung wie ein großes Feuerwerk.

Vor den Berichten über Andere sollte man bei sich selbst anfangen:

Kurz nach dem 2. Weltkrieg, als alles Lebenswichtige ruiniert war, entdeckten wir Kinder ein wunderbares und geheimes Vergnügen. Wir hatten eine schöne große neue Holzkiste entdeckt, ungeheuer schwer. Wir vermuteten Goldstücke, einen Schatz. Als wir die Kiste schließlich geöffnet hatten, war sie nicht voller Goldstücke, sondern voller glänzender kleiner runder Metallteile. Wir wussten damals nicht, es war eine Kiste voll nagelneuer Patronen für Pistolen.

Tolle Schätze soll man nicht nur bewundern, sondern sie sofort nutzen. Wir suchten und probierten. Ein Junge aus unserer Truppe hatte in Häuserruinen alte Stühle entdeckt mit einer Sitzfläche aus Sperrholz, durchlöchert mit einem Muster von Lüftungslöchern. Sie wurden zum wichtigsten Hilfsmittel, um die Patronen aus der Kiste zu entschärfen. Mit einem Trick: Wenn man eine Patrone aus der Kiste nahm, mit dem Projektil in ein Lüftungsloch der Sperrholzsitzplatte steckte, dann seitwärts kräftig drückte, blieb das Projektil im Holz stecken.

In der Hand hielt man die Patronenhülse mit dem gefährlichen Schwarzpulver. Dieses sammelten wir auf einem kleinen Häufchen. Wenn es genügend hoch war, rannten wir weg, der Älteste von uns zündete es mit einer Lunte aus Zeitungspapier an. Dann gab es plötzlich ein Geräusch wie „Wuff" und eine mannshohe tolle Stichflamme schoss gen Himmel.

Das schöne Schießpulver war weg, die geleerten Patronen entschärft. Wir hatten einen höllischen Spaß daran. So entschärften wir nach und nach diesen Schatz voller Patronen. Erwachsene interessierten sich nicht, sie waren mit ihrem Überlebenskampf im Nachkriegsdeutschland beschäftigt.

Als ich etwas älter war, erwachten um Silvester und Fasching wieder mein Interesse und meine Lust am Knallen und am Feuerwerk. Zu kaufen gab's sie nicht. Silvester und Fasching ohne Glücksbringer ging einfach nicht! Wo soll denn im nächsten Jahr das Glück herkommen? Also bastelte ich mir selbst welche, aus Dingen, die es so im Haushalt gab.

Alte Zeitungen, getränkt mit einem gelben Salz, erwiesen sich als guter Ersatz für Schießpulver. Fest eingewickelt in ein Papier und verschnürt mit Strick, ergab das wunderbare Knallfrösche. Angezündet sprangen sie lustig umher, versprühten Funken, Knall und Spaß. Ich brauchte immer viel von diesem Teufelszeug. Überall in meinem Zimmer hatte ich das präparierte Zeitungspapier zum Trocknen ausgebreitet.

Eines Tages entdeckte meine Mutter bei ihrem Kontrollgang in meinem Zimmer den Zeitungsabfall, ausgelegt im ganzen Zimmer. Ein Chlorgeruch war verdächtig. Ordnungsliebend, wie meine Mutter war, sammelte sie die hässlichen Zeitungen ein, steckte sie, wo sie hingehörten, in unsere Mülltonne. Und vergaß ihre Tat. Auf diese brisante Ladung kamen dann weitere Küchenabfälle, Kartoffelschalen, kleine Knöchelchen vom kleinen Weihnachtsbraten. Und immer oben drauf immer mehr frische Asche von unserer Kohleheizung.

Das konnte nichts Gutes verheißen... Als meine Mutter wieder neue Asche in den Kübel geschüttet und sich entfernt hatte, startete der gesamte Inhalt des Mülleimer mit viel Asche wie eine Rakete mit einem dumpfen "Wuff" von unserem Balkon aus gen Himmel. Meine Mutter hatte nichts bemerkt, sie

wunderte sich nur, dass sich der Mülleimer von alleine geleert hatte, ohne dass sie mich dazu auffordern musste. Noch nie in meinem Leben war der Mülleimer so blitzschnell, gründlich und mühelos geleert worden...

Nachbarn wunderten sich über den plötzlichen Regen von Asche und Knöchelchen. Die Aufregung über das unerklärliche Phänomen stieg. Ganz Ängstliche und Gläubige vermuteten sogar einen Vulkanausbruch in Deutschland mit dem nachfolgenden Asche-Regen - als Gottesstrafe für deutsche Untaten im letzten Weltkrieg.

Das wahre Geheimnis dahinter habe ich jetzt aus dem Nähkästchen geplaudert und das kennen Sie jetzt!

Mit diesem „Vulkanausbruch" auf unserem Balkon war auch das gesamte „Schwarzpulver" aufgebraucht und dieses aufregende Thema für mich erledigt.

Einige Jahre später fuhr ich Anfang Januar auf einer Dienstreise mit der Bahn nach Berlin. Da stieg in mein Abteil plötzlich ein junger Mann, sein Gesicht kaum versteckt unter einer Pudelmütze. Und er trug - trotz der Januar-Dunkelheit - eine große dunkle Brille.

Ich staunte den Mann an. Dann nahm er seine Brille ab, eine breite schwarze Augenbinde kam zum Vorschein. Wir kamen ins Gespräch über sein Silvestererlebnis und die Folgen. Als Beweis nahm er noch seine Augenbinde ab. Und, oh Gott, welch grausiger Anblick - wo sonst ein freundliches menschliches Auge blinkte, war ein tiefes schwarzes Loch. Mir stockte der Atem. Dicht vor mir ein Horrorgesicht!

Der Mann berichtete: Er habe nur das Silvesterfeuerwerk beobachten wollen, hatte sich aus seinem Fenster gelehnt und dabei sei ihm in sein rechtes Auge eine brennende Rakete geflogen. Und habe im Auge, o Gott, weiter gebrannt. Ob der Raketenstab sich sogar weiter bis in sein Gehirn gebohrt hatte, wagte ich nicht zu fragen.

Wenn ich zufällig junge Leute treffe, die sich mit Knallern, Böllern und Raketen auf ihre Silvester-Party vorbereiten, erzähle ich ihnen das. - Immer wieder bekomme ich die Antwort: Die neuen deutschen Feuerwerkskörper sind gute Wertarbeit und total sicher - nicht so gefährlich wie meine damals selbst gebastelten Knallfrösche.

Jetzt, am Tag nach Silvester, ist meine Frau damit beschäftigt, die Brandwunden der jungen Leute zu verarzten. Damals, bei meinen Knallfröschen hatte sich niemand verletzt...

Ja, verrückt wird es, wenn wir aus dem Nähkästchen plaudern!

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