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Medienkritik am Beispiel: Der Fehlerteufel und journalistischer Pfusch in der Sächsischen Zeitung?

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War der Zeitungsbericht korrekt oder der Fehlerteufel am Werk?

Nehmen wir z.B. die Sächsische Zeitung (SZ), eine Tageszeitung in Sachsen mit (angeblich) knapp 300.000 Abonnenten. Sie preist sich als verlässlicher und seriöser Informationsanbieter und verspricht professionelle nutzwertorientierte Datenaufbereitung (nach http://www.sz-online.de/anzeigen/mediadaten ). Kritischer Versuch macht klug. Greifen wir uns irgendein Exemplar von „Dresdens meistgelesener Tageszeitung. Gegründet 1946", z.B. die Ausgabe vom 8. Juni 2016 und legen das Titelblatt auf unseren kritischen Prüfstand. Der erste Artikel verkündet „Menschen ab 40 sind zufriedener als früher" mit dem Untertitel: "Mehr Sport, mehr Zuversicht, aber auch mehr Arbeit: Das Älterwerden hat sich in den letzten 20 Jahren sehr gewandelt".

Die Quelle steht am Ende: "Bundesministerium für Familie". Nanu! Bitte korrekt! Dieses Ministerium gibt es in Deutschland nicht. Das Bundesministerium heißt richtig: "Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend" (BMFSFJ). Warum, liebe Zeitung, berichten Sie nicht korrekt, sondern necken den Leser? Sind Sie ein kleiner Zeitungs-Scherzkeks?

Wenden wir uns nun dem Bericht über den „Deutschen Alterssurvey 2014" und seine Präsentation zu mit dem Titel: „Menschen ab 40 sind zufriedener als früher". - Das ist eine gewagte Botschaft über den Zustand der Welt und die Menschen: Die „Zweibeiner" (auf der Welt) ab 40 sind zufriedener als früher!? Doch es gibt immer mehr Flüchtlinge, auch Ältere, auch bei uns. Sagt der Titel, dass diese zufriedener sind als bisher? Was wollen sie dann bei uns? Indirekt eine verwirrende und gefährliche Botschaft. Und sie ist als Blickfang des Berichts ungenau und falsch.

Sicher hat der Redakteur die Pressemitteilung des Bundesministeriums vom 7.6.2016. „Aktiver, zufriedener und zuversichtlicher" verarbeitet. Die Aussagen über den Alterssurvey beziehen sich auf Menschen zwischen 40 und 85 Jahren im Jahre 2014 in Deutschland und nicht der ganzen Welt. Es ist das Analyse-Ergebnis einer Stichprobe von etwa 20.000 älteren Deutschen, nicht von vielen Millionen. Pauschalierend auf alle heutigen Menschen ohne klare Beweise zu schließen, ist vermessen und falsch. Der Denk-Fehlerteufel lässt grüßen. Die Titelaussage ist irreführend und falsch. (Ein korrekter Titel wäre z.B. „Ältere Deutsche waren 2014 zufriedener als früher"). - Der ärgerliche Denk- und Schreib-Fehler wird gleich im Untertitel noch einmal wiederholt. Der Fehlerteufel schlägt wieder zu...

Der zweite Satz des Berichts beginnt so: „Das hat der Deutsche Alterssurvey 2014 ergeben, eine Umfrage,...". Scheibenkleister! Hat wieder der ungenaue Fehlerteufel zugeschlagen? Berichtet wird nicht über eine Umfrage, sondern über eine anspruchsvolle Langzeitstudie mit vielen Umfragen und Analysen.

Der letzte Satz des ersten Absatzes „Zwei Drittel der Bürger..." steht im Widerspruch zum letzten Satz unter „Weitere Ergebnisse": „Fast 69 Prozent der Älteren fühlen sich körperlich kaum eingeschränkt". Das ist unklar und verwirrt den Leser. Regt sich da schon wieder der Scherzkeks oder der kleine Fehlerteufel der SZ?

Verkürzen wir jetzt das üble Wühlen im Pressemurks (Sie oder interessierte Schüler können natürlich die Analyse nach Lust und Laune fortsetzen). Eine wichtige Botschaft der Studie fehlt in dem SZ- Beitrag: Die älteren Deutschen engagieren sich häufiger ehrenamtlich. Der vergessliche Fehlerteufel hat uns ein wichtiges Detail (wie gemein!) unterschlagen... Und wer (auch als Journalist) im Alltag den Kopf nicht in den Sand steckt, bemerkt, dass immer mehr Alte sich um pflegebedürftige Alte kümmern ... Berichtenswert! Doch wieder Fehlanzeige! Zuckt hier wieder der oberflächliche Fehlerteufel?

Der restliche Inhalt des Beitrags ist in vielen Stellen eine mehr oder weniger korrekte Abschrift der Pressemitteilung des BMFSFJ. Hilfreicher für den Leser und überzeugender wäre eine klare Quellenangabe gewesen, z.B. ein Link auf diese Pressemitteilung unter www.bmfsfj.de .

Ein Fazit: Mit diesem Text macht sich die SZ zu einem verlängerten, aber schlechten Sprachrohr der Regierung. Ist das unabhängiger oder kritischer Journalismus? Fehlanzeige. Mit etwas Sachkenntnis über Befragungen hätte ein guter Journalist z.B. die Frage gestellt: Sind die Ergebnisse und ihre Schlussfolgerungen der Studie repräsentativ und gültig, welche Beweise liegen vor? Oder handelt es sich um eine der vielen, letztlich unbrauchbaren ad-hoc-Befragungs-Studien?

Was ergibt der Check auf dem Prüfstand? Hat die SZ ihr Leistungsversprechen eingehalten?
War dieser Beitrag in der SZ
1. seriös und zuverlässig? Nein,
2. bot er nutzwertorientierte Datenaufbereitung für den Leser? Nein (Der Leser wurde an wichtigen Stellen an der Nase herum geführt, naheliegende Hinweise und Hilfen für weitergehende Informationen übers Internet wurden ihm vorenthalten).

Unser Check des SZ-Berichts über den „Deutschen Alterssurvey 2014" ergibt: Der Bericht hatte Informationen der Pressemitteilung korrekt wiedergegeben, einige weggelassen - vielleicht aus Platzgründen. Er hatte auch Verwirrendes hinzugefügt, freundliche weitere Hinweise für den Leser nicht geboten. Insgesamt: Ein unfreundliches trübes Bild! Nennen wir es Pfusch.

Eine trübe Schwalbe, macht noch keinen trüben Sommer. Ein mieser Artikel, macht noch keine miese Zeitung. Doch ein unabhängiger und kritischer Versuch macht klug und klärt auf.

Abbestellen möchte ich die SZ deswegen noch nicht. Wiederholt sich jedoch der Ärger, werde ich wohl lieber die Kosten (340,80 € für ein SZ-Jahresabonnement) der Deutschen Lebens-Rettung-Gesellschaft e.V. spenden und damit ein fröhliches und gutes Werk tun. Und ich erspare mir außerdem den häufigen unfröhlichen Weg zum Müllcontainer mit der papierreichen SZ unterm Arm.

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