Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Dr.-Ing. habil. Gerhard Saeltzer Headshot

Einheitsfeier in Dresden: Darf man „Hau ab!" zu einem Politiker sagen?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Nach der Einheitsfeier der Deutschen in Dresden rauschte ein Tsunami durch die Medien. Berichtet wurde über Störer des Festes, aufgebrachte Demonstranten, wieder Pegida, und betretene Gesichter von Spitzenpolitikern.
http://www.huffingtonpost.de/2016/10/03/claudia-roth-mob-dresden_n_12310362.html
http://www.huffingtonpost.de/2016/10/03/einheitsfeier-dresden-pegida-merkel-gauck_n_12305828.html?utm_hp_ref=germany
Wenn einzelne Schüler in einer Schule sich nicht benehmen können, kann sich dann die ganze Schule nicht benehmen? Wenn einzelne lautstark rülpsen, rülpst dann die ganze Stadt oder gar das ganze Land? Ich war selbst auf der Feier, ich sah und begegnete keinen Pöblern und schon gar keinen Rülpsern. Ich erlebte mit meiner Frau angenehme Stunden vor der Semperoper bei der ZDF-Show am 2.10.16.
http://www.huffingtonpost.de/../../gerhard-saeltzer/aus-dresden--fanpost-an-d_b_12374202.html
Irreführend
Die Berichterstattung in den Medien über die Einheitsfeier war zuweilen irreführend, unfair und falsch. Sie war geprägt von dem Grundsatz: Eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht (für den Umsatz). Die Medien haben den Deutschen und Deutschland einen Bärendienst erwiesen. Sie zeigten aller Welt ein hässliches Deutschland, obwohl es mit all seinen Menschen ein wunderbares Land ist. Eine mickrige Laus wurde zu einem riesigen Elefanten aufgeblasen. - Die Pöbler und Randalierer gehören zu Deutschland, aber sie sind es nicht allein. Eine kleine ärgerliche Minderheit wurde medial hochgepusht. Die Medien machten damit (kostenlos!) massive Werbung für Außenseiter (Die Nutzer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zahlen dafür sogar Rundfunk-Zwangsbeiträge...).
Lieben?
Was ist schon Aufregendes dabei, wenn z.B. der Spitzenpolitikerin Claudia Roth entgegen gerufen wird: „Hau ab!"? Verlangen Spitzenpolitiker vom Volk begrüßt zu werden mit den Rufen: „Wir lieben Dich!", oder „Wir haben uns so an Deine Schönheit gewöhnt. Bleibe noch 100 Jahre!", „Wir wollen dich umarmen und küssen". Ein solcher Umarmungsdruck der Menschenmassen auf den Spitzenpolitiker wäre lebensgefährlich.
Rote Karte?
Wenn Spiele auf einem anderen Spielfeld als der Politik ausgetragen werden, kann der Schiedsrichter mit seiner roten Karte den Übeltäter vom Platz verweisen. Er sagt zum Spieler nicht „Hau ab!", sondern zeigt ihm die rote Karte. Und dann berichten die Medien auch nicht Tage oder Wochen lang über den Übeltäter. Etwas Augenmaß und Fairness in der öffentlichen Berichterstattung müsste schon sein.
Auf dem demokratischen Spielfeld der Politik muss es auch Platzverweise geben. Bei Wahlen, kann es durchaus passieren, dass die Wähler bestimmten Politikern oder Parteien die gelbe oder rote Karte zeigen oder zurufen: „Hau ab! Verschwinde!". Wahlen und Politik sind nicht einfach nur Sahne- und Zuckerschlecken, eine Einladung zu gemeinsamer Umarmung und feuchtem Geschmuse, sondern es werden auch gesunde bittere Pillen verabreicht und mit harten Bandagen gekämpft.
Volksabstimmung
Das gilt für Wahlen. Doch dürfen die Wähler zwischenzeitlich nicht ihren Unmut über gewählte, aber offenbar unfähige Politiker äußern? Die Schweizer machen es demokratisch und fair mit Volksabstimmungen - sie brauchen dazu keine ständigen Pöbler und Störenfriede. Menschen kommen zu Wort mit ihrer Stimme auch zwischen den Wahlen, öffentliche Dauerskandale werden so vermieden. Die Folge in Deutschland: Brennend notwendige Veränderungen im Land werden gar nicht oder zu spät angefasst und umgesetzt. Doch viele deutsche Spitzenpolitiker scheuen demokratische Volksabstimmungen wie der Teufel das Weihwasser und eine ständige Kontrolle durch die Bevölkerung.
Vorbild?
Sehr geehrte Frau Roth,
Ihr Parteifreund Joschka Fischer, machte im Oktober 1984, eine berühmte Bemerkung: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein....". Also wissen Sie auch, dass sich Politiker untereinander nicht nur mit Samthandschuhen anfassen und auch zuweilen saftige Worte an den Kopf werfen. Dagegen ist das „Hau ab!" nur ein weichgespülter Ausruf.
Norm
Die politischen Spielregeln für die Meinungsfreiheit in Deutschland stehen in Gesetzen und im Grundgesetz Art. 5 Abs. 1 und 2:
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern...
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze...
Das Grundgesetz verlangt nicht eine bestimmte Form oder Höflichkeit der Meinungsäußerung. Bis ins 19. Jahrhundert waren bei den Herrschern strenge Hofmeister und Sittenlehrer üblich. Deutsche Gesetze sehen diese Knigge und Sittenwächter nicht vor. Das gilt auch für die Medien.

Ganz entspannt
Sehr geehrte Frau Roth,
wenn Sie fair zu den Wählern und Deutschen im Lande wären, würden sie sich nicht über den fehlenden Anstand mancher Zeitgenossen empören, sondern auch an der eigenen Nase ziehen, über das Versagen der Regierung und Politik und damit auch Ihr eigenes. Ihr Verhalten gegenüber den Pöblern in der Dresdner Öffentlichkeit war nicht souverän. Mit langjährigen politischen Erfahrungen hätte man bei Ihrer Reaktion auch schon etwas mehr Cleverness, dramaturgisch und zur Freude der Zuschauer am besten sogar Witz und Humor (als Retter in unangenehmen Situationen) Besseres erwartet. Tatsache!

Sehr geehrte Frau Roth, denken Sie bitte nicht negativ, sondern auch positiv. Vielleicht wollte jemand, der zu ihnen oder anderen Politikern sagte: „Hau ab!", nur etwas derb und ungeschlacht zum Ausdruck bringen, dass Sie nach vielen Jahren der furchtbar stressigen politischen Arbeit und dem Verschleiß, sich mal eine längere Auszeit gönnen sollten. Die Rosen in Ihrem Garten oder die Katzen (nehme ich an) würden sich freuen.