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Ein schräger Pauker, eine blutende Nase und zwei Glückliche

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I OWE THE PARENTS OF THE KID
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• Ein verrücktes Ereignis in einer Schule vor 60 Jahren
• rund um einen schrillen Lehrer,
• das am Ende zwei glücklich machte

Vor 60 Jahren passierte im Osten an einer Oberschule (heute: Gymnasium) in einer 11. Klasse während des Unterrichts etwas Verrücktes, dessen Nachwehen bis heute wirken. Mittelpunkt und Auslöser war der Urtyp von einem Lehrer, die nicht wie eine Fernsehsendung vorbeirauschen, sondern Spuren im Herz, Hirn und Verhalten der Schüler hinterlassen.

Motivationen

Unser Lehrer, Herr Pfau, gab Sport und Russisch. Im Unterricht gab er uns seine Lebensweisheiten mit auf den Weg. So empfahl er uns: „Werdet unbedingt Lehrer! Dann habt ihr immer ein halbes Jahr lang Freizeit und Urlaub!" Das lebte er uns vor und erklärte: „Am Vormittag gebe ich meine 5 Stunden, dann ist Sense und Freizeit!" Die Vor- und Nachbereitung von Unterrichtsstunden, auch das Korrigieren von Klassenarbeiten, erledigte er während des Unterrichts, indem er uns mit Schreib- oder Leserarbeiten beschäftigte. Wenn er in die Klasse kam und nicht wusste, wo er mit dem Unterrichtsstoff fortsetzen sollte, fragte er die Schüler und dort setzte der Unterricht ein. - Mehrere aus der Klasse folgten später seinem verlockenden Angebot und wurden Lehrer.

Unsere Lust am Russischunterricht hielt sich in Grenzen. Doch er motivierte uns und bewies das mit seinem eigenen Lebenslauf. Herr Pfau forderte uns auf: „Lernt fleißig Russisch! Wenn ihr - und man weiß nicht, wie die Zeiten sich entwickeln - in russische Kriegsgefangenschaft kommt, habt ihr bessere Chancen, zu überleben. Ich war in russischer Kriegsgefangenschaft, wäre dort bald verhungert und erfroren, wenn ich nicht 20 Wörter Russisch gekannt hätte. Das machte solchen Eindruck auf die russischen Offiziere, dass sie mich kurzerhand zum Dolmetscher und mich als allerersten nach dem Krieg zurück in die Heimat beförderten. Also: Jungs, klotzt ran, Krieg droht, lernt fleißig Russisch!"

Unsportliches Verhalten

Die Auffassungen von Herrn Pfau über das Verhalten von Schülern in der Schule und auf dem Schulhof waren schrill. „Ein deutscher Schüler versteckt seine Hände nicht in den Hosentaschen". Wer während des Sportunterrichts Hände in die Hosentaschen vergraben hatte, wurde lautstark wegen „unsportlichem Verhalten" gerügt. - Der Lieblingsplatz meiner Hände in der Schulpause auf dem Schulhof waren die Hosentaschen. Als mir später mal ein Blick ins Klassenbuch unter die Zensuren im Fach Sport gelang, staunte ich: da waren einige 5en (heute 6) eingetragen. Herr Pfau erklärte: „Völlig korrekt! Wegen unsportlichem Verhalten in der Schule!"

Auch für den Sport, insbesondere Kampfsport, motivierte er uns: „In unserer Zeit des kommunistischen Klassenkampfes gegen alle Ausbeuter und Faschisten, muss man kämpfen können. Lernt das Boxen schon in der Schule!"

Für uns pubertierende Boys einer Jungenklasse, Jungen und Mädchen wurden damals getrennt unterrichtet, brachte er - zur Abwechslung und unserer Freude - ab und zu ausgewählt hübsche Lehrerpraktikantinnen (heute Lehramtsstudenten) mit. Herr Pfau trieb nur attraktive junge Damen auf. Denen überließ er unseren Unterricht und genoss selbst in dieser Zeit sein freies Lehrerleben.

Ein Sportunfall

Eines Tages war wieder in der Turnhalle Sportunterricht. Herr Pfau war nicht zum Unterricht erschienen, sondern überließ ihn einer hübschen Praktikantin. Diesmal sollte Mann gegen Mann auf der Matte geboxt werden. Gesichtsschutz - wie heute üblich - gab's nicht. Gepolsterte Boxhandschuhe auch nicht. Und so boxte Schüler den Schüler mit bloßen Fäusten immer eine Runde.

Auch ich kam an die Reihe und musste gegen meinen Klassenkameraden Rudi antreten.

Unter den Augen der Praktikantin geschah ein Blitzkampf. Schon nach wenigen Minuten eines heftigen Trommelfeuers von Faustschlägen, beendete die Praktikantin den Kampf. Rudi blutete aus der Nase und Lag am Boden. In meinem Trommelfeuer von Schlägen werde ich wohl Rudis Nase getroffen haben.

Rudi lag hilflos mit dem Rücken auf der Matte und hatte die Arme ausgebreitet. Die hübsche Praktikantin hatte sich über ihn gebeugt, versuchte seine blutende Nase zu stillen und sprach ganz sanft zu ihm. Und sie streichelte sanft und beruhigend seinen Kopf und das Gesicht. Man konnte wirklich neidisch werden! Rudi wurde dann bald von der Hübschen nach Hause gebracht.

Damit war die Sache erledigt und vergessen. Doch mich plagten Gewissensbisse: Verdammt, warum hatte ich mich nicht für Rudis Nase entschuldigt.

Das spätere Studium und der Kampf um Arbeit und Überleben brachten Rudi und mich auseinander und es gab keine Gelegenheit für ein klärendes Gespräch...

Ein Wiedersehen nach 60 Jahren

Als graue Herren trafen wir uns bei einem Klassentreffen 60 Jahre später. Wir sprachen beide davon, wie wir unter den Augen der hübschen Dame gegeneinander geboxt hatten.
Ich packte die Gelegenheit am Schopfe, und holte endlich das nach, worauf ich die ganze Zeit gewartet hatte: Ich entschuldigte mich bei Rudi für diesen versehentlichen Treffer seiner Nase.
Rudi, der alte Kumpel, nahm meine Entschuldigung an, und ich war 60 Jahre nach dem Ereignis befreit von einer Last und von ganzem Herzen glücklich.

Doch Rudi, der beneidete Freund hübscher Damen, berichtete mir etwas Unglaubliches. Als Rudi nach meinem Nasentreffer so liebevoll und tröstend von der Hübschen behandelt wurde, fühlte er sich schmerzfrei, wunderbar umsorgt, geschmeichelt und gestreichelt. Mein Ko-Schlag hatte Rudi in eine Art jugendlichen Glücksrausch versetzt.

Fazit

Ein schräger Lehrer und eine blutende Nase machten 60 Jahre später zwei Klassenkameraden glücklich.

So verrückt ist das Leben. Tatsache!

Und wenn der schräge Pauker noch nicht gestorben ist, lebt er immer noch und ist über 100 Jahre alt.

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