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Dresden: Wohin nur mit dem Dieb, den Sie gefasst haben?

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• Diebe und Kriminelle plagen die Deutschen immer mehr
• Doch was machen Sie mit einem Dieb, den Sie geschnappt haben und den keiner haben will?
• Mit Dankschreiben vom Präsidenten, drei Ministern und einem neuen Ritter-Orden
• Eine irre, anregende Geschichte aus Dresden.

Wir sollten den Kopf nicht im Sand verstecken: Immer mehr Diebe und Kriminelle plagen und stressen uns im schönen Deutschland der Ordnung und Sicherheit. Die Elstern und Langfinger scheinen bei uns unter Naturschutz zu stehen, denn sie vermehren sich nach der polizeilichen Kriminalstatistik von Jahr zu Jahr. Und falls Sie bisher noch nicht mit ihnen zu tun hatten: Es kann auch Sie treffen, dass eine diebische Elster auf Sie einhackt.

Der Ort
Die irre Geschichte passierte am Dresdner Hauptbahnhof, einem wunderbaren Bau mit hohen, lichtdurchfluteten Eingangshallen. Der Stararchitekt Norman Foster hatte ihn neu gestaltet und ihm die feierliche Pracht geschenkt. Im Bahnhof haben sich immer mehr große und kleine Geschäfte angesiedelt, er wird immer mehr zu einem Einkaufstempel - aber auch Kriminalitäts-Schwerpunkt.
In der lichten Eingangshalle hatten sich für ein paar Tage Verkaufsstände aus Italien niedergelassen und boten dort reichlich italienischen Augen- und Gaumenschmaus.

Der Dieb
Als Freund von Obst bewunderte ich die Streifen von getrockneten und gezuckerten Obst. Da gab's Melonen, Ingwer, Erdbeeren, Blaubeeren, Mango, Kiwi, Kokosnuss, Mandarinen. Mir begann der Zahn heftig zu tropfen. Daneben lagen auch Wildschweinschinken, Knoblauchsalami, Trüffelsalami, Eselswurst. Ein köstliches Angebot und - nach italienischer Art - ziemlich teuer.
Plötzlich wurde ich abgelenkt von zwei Senioren, die neben dem Schinken standen. Sie hatten den jungen Verkäufer, ich nenne ihn Pepe, darauf aufmerksam gemacht, dass ein älterer Mann einen dieser appetitlichen Schinken geschnappt hatte und eilig verschwand. Er fand wohl in der Eile sein Portmonee nicht mehr...

Der Held
Der sportliche junge Pepe sprang hinter seinem Ladentisch hervor und jagte dem Dieb hinterher. Es dauerte nicht lange, da hatte er ihn von hinten an seiner Jacke festgehalten und den gestohlenen Schinken entwendet. Pepe schob ihn vor sich her, an den anderen Geschäftsleuten und neugierigen Zuschauern vorbei und verschwand mit Ihm um die Ecke. Nach einer Weile kehrte er entspannt zurück, in der Hand seinen Wildschweinschinken und begab sich hinter seinem Ladentisch. - Ich wollte wissen, wo er war und was er mit dem Laden- und Bahnhofsdieb gemacht hatte. Kannte Pepe den Tatbestand des Diebstahls im deutschen Recht nach § 242 Strafgesetzbuch („Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Der Versuch ist strafbar.")? Oder war er vielleicht ein Muslim, der sich streng an den Koran (5.38) hält und einem Dieb die Hand abhackt? Was hatte der junge Italiener angestellt? Ich fragte ihn.

Pepe hatte den Dieb auf der Suche nach einer Polizeiwache durch den ganzen Bahnhof vor sich her geschoben und so der Öffentlichkeit präsentiert. Dann hatte er endlich, seitlich neben den Eisenbahnschienen versteckt, das Bundespolizeirevier vom Hauptbahnhof entdeckt. Dieses war verschlossen. An der Seite neben einem großen Videoüberwachungs-Auge befanden sich Aufschriften und Knöpfe, die er möglicherweise nicht verstand. Nachdem er sich laut bemerkbar gemacht hatte und sich immer noch kein Polizist blicken ließ, schob er den Dieb weiter vor sich her durch die große Halle zu einem Ausgang. Dort ließ er die diebische Elster davonflattern, begleitet von seiner unnachahmlichen ausdrucksvollen Geste. Pepe machte es mir vor, etwa so, wie man eine schmutzige Schmeißfliege vom Hemd verscheucht. Nach dieser Geste floh die diebische Elster in das Menschengewühl vor dem Bahnhof.

Pepe hatte den Übeltäter allen umliegenden Geschäften und Besuchern des Bahnhofs gezeigt. Er hatte die Bahnpolizei, die sich hinter der Tür versteckt hatte, nicht in Anspruch genommen. Vielleicht hatten sie eine Ruhe- oder Kaffeepause eingelegt oder waren Im Einsatz. Die Polizisten brauchten nicht mühsam die Identität der Elster feststellen und in den Polizeicomputer eintippen. Ein Eintrag in die Kriminalstatistik unterblieb. In ein Gewahrsam, das den Steuerzahler pro Tag ca. 120 € kostet, wurde er nicht gesteckt. Ein gut bezahlter Staatsanwalt, evtl. auch ein Rechtsanwalt, ein völlig überlastetes Amtsgericht und Amtsrichter wurden mit diesem Vergehen nicht behelligt. Allerhand Steuergelder wurden so gespart.

Pepes eindrucksvoller Auftritt in der Bahnhofshalle zeigte Wirkungen: Die nächsten Tage erschienen weder der ertappte Dieb, noch andere diebische Elstern aus dem Revier.
Dann erklärte mir Pepe: „Wenn zu mir ein Armer ohne Geld kommt, aber gerne etwas Schinken essen möchte, so bekommt er ihn von mir geschenkt. Aber nicht geklaut!"
Klasse, Pepe!

Der Dank

Das vorbildliche Verhalten Pepes gefiel mir. Ich kratzte mein Geld zusammen, um ihm mit dem Kauf einer Tüte voller Ingwer eine Freude zu machen.

Pepes Auftritt könnte Wirkungen zeigen und z.B. einen Brief auslösen, den die Sächsische Staatsregierung mit Innenminister Ulbig, Justizminister Gemkow, Finanzminister Prof. Dr. Unland und dem Regierungschef Ministerpräsident Tillich an den mutigen jungen Verkäufer in der Toskana schreibt u.a. mit den Worten:
Anbetracht der prekären öffentlichen Sicherheitslage im Freistaat Sachsen verdient Ihr rasches und mutiges Ergreifen eines Diebes im Dresdener Hauptbahnhof Dank und Anerkennung. Sie halfen, ohne die Polizei und Justiz zu belasten, einen Übeltäter auf frischer Tat zu ertappen und angemessen zu bestrafen. Knappe Steuergelder der Sachsen mussten nicht ausgegeben werden.
Wir werden Sie dafür mit dem neuen kleinen St.Georgs-Ritter-Orden für Zivilcourage auszeichnen.

Warum eigentlich nicht?