BLOG

Die Naturwunder-Rezepte von Dr. Gorbatschow aus dem Ausland

15/09/2015 13:40 CEST | Aktualisiert 15/09/2016 11:12 CEST
KayTaenzer via Getty Images

Vor Jahren hatten wir einen Hausarzt, einen Ausländer, ein gebürtiger Russe. Ein freundlicher kräftiger Mann, von Statur her ein Verwandter des Braunbären mit weichen Pranken, jedoch mit einem Handicap: Er war der deutschen Sprache nicht mächtig, umso interessanter waren Begegnungen mit ihm und umso wirksamer waren seine ausländischen Rezepte.

Wegen seiner Deutschschwäche gab's in seiner Praxis auch keine Geschwätzigkeit über Wetterfühligkeit, Spritzen und Stars, Fußball und Kochrezepte, Hühneraugen und Frostballen und böse Kinder und lästige Schwiegermütter. Jüngere und ältere alleinstehende Frauen, die mit dem Herrn Doktor gern ein Schwätzchen halten wollten, erschienen nur ein einziges Mal in seiner Praxis und dann nie wieder.

Das hatte eine angenehme organisatorische Nebenwirkung. In seinem Wartezimmer saßen höchstens 2-3 Patienten. Meine Wartezeit, während der ich die Bakterien und Viren anderer wartender Patienten unbewusst einsammelte und inhalierte, hielt sich in abzählbaren Grenzen.

Kurz, knapp, gut

Dieser russische Doktor hatte natürlich auch einen russischen Namen und damit begann das Problem: Der Name war für ein normales deutsches Sprachorgan ein furchtbarer Zungenbrecher. Die Nennung seines Namens war eine Tortur. In unserer sprachlichen Not entschlossen wir uns kurzerhand zu seiner Umtaufe.

Da sein Name mit „Go" begann, dem sofort eine Rakete furchtbarer russischer Zischlaute folgten, wählten wir eine weltberühmte geläufige Vereinfachung und Fortsetzung: Wir nannten ihn einfach "Dr. Gorbatschow". Das hatte Folgen. Wenn wir uns irgendwo lautstark über unseren russischen Hausarzt, Dr. Gorbatschow, unterhielten, konnten wir der Aufmerksamkeit privater und staatlicher Zuhörer (auch des amerikanischen oder russischen Geheimdienstdienstes?) sicher sein.

Das Arztgespräch mit ihm war angenehm und vor allem, es war kurz und bündig. Was soll man sich gegenseitig mit Worten überschütten, die man nicht versteht? Am Ende des Gesprächs formulierte er drei Diagnosen, jeweils gewürzt mit einem rollenden russischen „R", „Fieber, Halsschmerzen, Krippe". Also Grippe, nicht mit „K" sondern „G", die wieder mal im Land grassierte.

Die Wundermedizin

Dann verordnete der Naturarzt seine Wundermedizin, ein Rezept, das schon 2400 Jahre alt war und immer noch frisch, eine Wundermedizin, die schon über zwei Jahrtausende half, wenn andere Medizin versagte oder Menschen an den Nebenwirkungen ächzten oder gar auf den Friedhof auswandern mussten.

Als Höhepunkt des Arztbesuches stand Dr. Gorbatschow auf, beugte seinen bärenstarken Oberkörper über den Schreibtisch, drückte mir mit seinen behaarten Bärenpranken die Krankschreibung in die Hand und sprach laut - und wie stets mit rollendem russischen „R" - die beiden Worte:

„Scheen ausruchen!", in deutscher Übersetzung: „Schön ausruhen". Auf dem Krankenschein stand wie immer „1 Woche". Das war's!

Sein Wunderrezept lautete also: Eine Woche nicht arbeiten, ausruhen, schlafen, entspannen, faulenzen, keine Spritzen und keine Tabletten aus der Apotheke, und die Natur die Krankheit in Ruhe, gründlich und ohne Störung heilen lassen.

Ich wurde gesund, die Kollegen blieben krank

Es wirkte prompt und besser als andere Rezepte oder Therapien, als andere pharmazeutische Scharfschützen-Munition, die deutsche Schulmediziner auf meine gleichfalls erkrankten Kollegen abgefeuert hatten.

Bei mir wirkte das Rezept perfekt. Nach sechs Tagen war ich wieder fit, meine Kollegen lagen mit dem gleichen Infekt, aber mit deutscher Tablettentherapie zehn Tage im Bett. Ein wirklich wirksames fremdländisches Rezept von Dr. Gorbatschow!

Meine Nachforschungen ergaben: Dr. Gorbatschow war wohl bei dem mittlerweile 2400 Jahre alten Urvater aller Ärzte, dem griechischen Ausländer und berühmtesten Arzt des Altertums, Hippokrates von Kos, in die Lehre gegangen und hatte dessen uralte therapeutische Weisheit genutzt. Hippokrates schrieb (in klassischer griechischer Fremdsprache):

„Der Arzt behandelt, die Natur heilt."

Genauer müsste man heute formulieren:

„Die Natur kann nur ungestört heilen, wenn Ärzte, Apotheker und Pharmazeuten

ihr nicht ins Handwerk pfuschen."

Liebe Ärzte, Apotheker und Pharmazeuten!

Den letzten Satz werde ich auf Euren Wunsch nicht aus diesem Blog streichen. Ich bin unabhängig und freischaffend und Gott sei Dank nicht auf Eure Werbegeschenke, Werbegelder und Trinkgeld-Honorare angewiesen.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite