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Der Kampf um Pralinen und das Paradies: Lernt von den Amseln, liebe Frau Merkel, liebe Herren Putin und Obama!

12/08/2015 15:31 CEST | Aktualisiert 12/08/2016 11:12 CEST
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Mein Freund und ich gingen im großen Garten spazieren. Auf einmal blieb er stehen, sah mich mit großen Augen an und fragte: "Fällt dir hier etwas auf?"

Ich blickte umher und zuckte mit der Schulter.

„Es wird hier immer einsamer, immer weniger Vögel, nicht einmal Spatzen oder Amseln!", rief der Hobbyzüchter von allerlei Vögeln und gab mir den eindringlichen Rat: „Du musst die Vögel anlocken, Ihnen etwas Attraktives bieten, ein Schlaraffenland. Schaffe Ihnen ein Paradies auf Erden!"

„Himmlisch! Nur wie?"

„Du pflanzt einen Baum voller Pralinen, schaffst zugleich ein Schlaraffenland und Vogelparadies."

Ich war leicht verwirrt. Um ein solches Paradies für Andere zu schaffen, fehlte mir die Erfahrung. Mein Freund fühlte das und klärte mich auf: „Pflanz' einen Pralinenbaum. Ein wunderbarer hoher Strauch, eine Zierde jedes Gartens, blüht wunderbar weiß schon im April, trägt dann im Juli zahllose kleine Früchte. Sie sehen aus wie Heidelbeeren am Stiel, schmecken nur süßer und sogar etwas nach Marzipan. Lecker und gesund, paradiesisch für Mensch und Vögel!"

Daraufhin beschloss ich, Wohltäter und Erbauer eines Schlaraffenlandes für Vögel und Mensch zu werden und schritt zur Tat. Ich suchte in der Nähe eine freie Stelle für zwei Pralinenbäume, pflanzte und hegte sie eifrig über Jahre und wartete stets gespannt auf die zahllosen Pralinen, die am Baum hängen sollten. Jedes Jahr im April blühte der Baum grandios und leuchtend weiß. Aus unzähligen Blüten wuchsen kleine, zunächst grüne Früchte. Doch jedes Jahr, wenn ich Mitte Juli die leckeren Pralinen vom Strauch ernten wollte, waren keine mehr zu finden. Wo waren sie geblieben, wer hatte meine Pralinen schon geerntet? Waren sie still und leise ausgewandert?

Dieses Jahr wollte ich mich nicht an der Nase herum führen lassen. Schon Anfang Juli, bewaffnet mit einem kleinen Körbchen, ging ich zur Ernte zu meinen Pralinenbäumen. Tatsächlich hingen sie voller kleiner violetter Früchte. Und die reifen schmeckten wirklich himmlisch, wie Heidelbeeren mit einem Hauch Marzipan.

Als ich mit der Ernte in diesem Paradies begann, erschreckte mich auf einmal ein Lärm, dicht neben mir, es schnatterte und flatterte heftig. Erst eine Amsel, dann weitere. Immer neue Amsel-Scharen, rückten heran, versammelten sich direkt neben mir und bedrohten mich.

Diese Wächter und Verteidiger ihres Paradieses flatterten mit ihren Flügeln und plusterten sich auf, bliesen sich auf - groß wie Eulen. Dieses Geschwader wurde von Sekunde zu Sekunde aggressiver, schimpfte ohrenbetäubend, es klang so wie „Was willst Du hier? Willst Du hier? Das ist unser, ist unser Paradies! Hau endlich ab! Lass uns unser Paradies, unsere Pralinen!" Eine flatternde Heerschar mit gelben spitzen Schnäbeln rückte bedrohlich immer näher.

Schließlich holte ich meine Frau zur Verstärkung. Das Amselheer wich fluchend etwas zurück, holte sich Nachhut. Es sah aus, als wäre der ganze Baum lebendig geworden. Ans Pflücken war nicht mehr zu denken. Zum Abschluss setzten sich die frechen Amseln direkt über uns, hoch in dem Baum. Sie ernteten dort emsig, ließen ab und zu alles, was sie nicht fressen wollten oder schon verdaut hatten, auf uns herunter fallen. Wir holten zum Schutz gegen diesen Schmutz aus der Höhe breite Strohhüte. Es war ein mühsames Geschäft, mit den Amseln ums Paradies zu streiten...

Schließlich waren alle vom Kampf erschöpft. Wir mussten uns erholen und zogen uns für eine Weile vom Schlachtfeld zurück. Als wir nach der Kampfpause zurückkehrten, saßen nur noch einige Amseln ganz ruhig und entspannt in der Baumkrone und beachteten uns gar nicht.

Die Schlaumeier hatten entdeckt, dass oben im Baum, für uns unerreichbar und gefährlich hoch, die besten Pralinen hingen. Unten erreichten wir ungefährlich nur die halbreifen Beeren. Die Amseln hatten das umkämpfte Revier vernünftig aufgeteilt und im Kampf um den besten Platz im Paradies einen wunderbaren Kompromiss gefunden: Jeder der Streithähne bekam das, was er tatsächlich erreichen konnte und dabei den anderen nicht störte. Wunderbar, friedlich, paradiesisch, ein Schlaraffenland!

Und als ich später die Gegend untersuchte, machte ich eine Entdeckung. Überall hatten die Vögel Samenkörner verteilt und es war sogar angewachsen, was ihnen gut schmeckt. So hatten sie unbemerkt ihr Paradies erweitert. Überall wuchsen Holunderbeeren und der interessante Spindelstrauch mit seinen seltsam geformten Ästen, interessanten Blüten, kleinen Früchten und einer unglaublichen Herbstfärbung. Überall waren weitere kleine Vogelparadiese entstanden!

Gutes tun und Paradiese für Andere zu schaffen hat Folgen. Man muss nur praktisch damit anfangen.

Liebe Frau Merkel, liebe Herren Putin und Obama und wie Ihr alle heißt, die Ihr auf Eure Art ein Paradies auf Erden schaffen möchtet, lernt von den Amseln!

Lernt von Ihnen in den unvermeidlichen Konflikten und Kämpfen, die Ihr austragen müsst, einen vernünftigen, fairen und friedlichen Kompromiss zu finden. Es wird Deutschland und die Welt besser, menschenfreundlicher und liebenswerter machen...

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