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Menschen verlassen ihre Heimat wegen Krieg, Terror und Hunger - wir müssen ihnen vor Ort helfen

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REFUGEE SEA
ABDULJABBAR ZEYAD / Reuters
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Lange Zeit war Europa Ausgangspunkt von Migration und Auswanderung. Heute ist unser Kontinent eine Wohlstandsinsel und damit auch das Ziel der Träume von Millionen Menschen.

Die größten Flüchtlingsströme unserer Zeit bewegen sich innerhalb und zwischen den armen Ländern auf der Südhalbkugel.

Europa kann die Probleme von Flucht und Vertreibung nicht lösen, indem es in großem Umfang Flüchtlinge aufnimmt. Die Menschen brauchen in ihrer Heimat eine Perspektive für sich und ihre Familien.

Damit Europa sich seine Offenheit bewahren kann, braucht es klare Regeln. Ein Land vermag nur so viele Menschen dauerhaft aufnehmen, wie es sie auch integrieren kann. Gleichzeitig benötigen wir legale Möglichkeiten der Migration und des beiderseitigen Austauschs.

Wir brauchen ein einheitliches europäisches Ausländer-, Asyl- und Migrationsrecht. Auch Deutschland wird sein Einwanderungs- und Asylverfahren überarbeiten müssen.

Junge Männer in Afrika machen sich auf, übers Mittelmeer nach Europa

Am südlichen Rand der Sahara, in Agadez, habe ich junge Männer getroffen, die ein klares Ziel vor Augen hatten. Sie bereiteten sich auf die gefährliche Reise durch die Wüste vor: Richtung Norden, bis an die nordafrikanische Küste, dann übers Mittelmeer nach Europa.

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Während der Reise auf der Ladefläche eines klapprigen Lastwagens ist Trinkwasser eine Frage des Überlebens. In der Sahara kann es 40 bis 50 Grad heiß werden. Ihre Wasserkanister haben die Männer in grobe Tücher gewickelt. Sie hoffen, dass das Wasser darin etwas kühler bleibt.

Wenn es so heiß wie Kaffee würde, könne man es schlecht trinken, sagen sie. Außerdem muss das Wasser sauber sein. Wer mitten in der Wüste eine Magen-­Darm­Infektion bekommt, ist so gut wie tot. Ich habe die Männer gefragt, warum sie nach Europa wollen.

Sobald sie dort seien, sagten sie, hätten sie Arbeit und Einkommen und könnten sich eine Zukunft aufbauen und ihre Familien zu Hause unterstützen. Im nigerischen Agadez berichteten mir Rückkehrer aus Libyen, dass ihnen dort das Handy abgenommen wurde, ihre Familie damit angerufen wurde und sie dann geschlagen und gefoltert wurden.

Ihnen wurden die Knochen gebrochen - die Angehörigen mussten alles mit anhören. Auf diese brutale Weise sollte von den Familien Geld erpresst werden - die Drohung war eindeutig: Geld oder Tod.

Nach einer grauenhaften Flucht, ist Europa oft ganz anders, als sie es sich vorgestellt haben

Ich habe Bilder von den Lagern in Libyen gesehen: Männer abgemagert bis auf das Skelett. Diese Flüchtlinge haben sich mit völlig falschen Erwartungen auf den Weg gemacht. Schlepper nehmen ihnen viel Geld ab für falsche Versprechungen, sie nehmen ihnen ihre Würde.

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Viele sterben auf dem qualvollen Weg, verdursten in der Wüste oder überleben den Weg über das Mittelmeer nicht. Es ist ein Drama, dass Tausende dort ertrinken. Die Zustände auf der Flucht sind grauenhaft.

Umso größer müssen Enttäuschung und Frustration für die Flüchtlinge sein, die, am Ziel angekommen, die Dinge dort ganz und gar nicht so vorfinden, wie sie ihnen versprochen wurden. Sie bekommen keine Arbeit, haben keine Bleibeperspektive. Die Gefahr, dass sie sich radikalisieren, ist in dieser von Aussichtslosigkeit geprägten Situation groß.

Denn der Weg zurück ist schwierig bis unmöglich, weil das gesamte Geld der Familie häufig an den Schlepper gegangen ist. Die Familien erwarten, dass nun Rücküberweisungen aus Deutschland erfolgen und dass möglichst weitere Familienmitglieder nachgeholt werden können.

Nun stehen diese Männer aber mit leeren Händen da. Als Verlierer können und wollen sie nicht in die Heimat zurückkehren. Nur wenige, offiziell anerkannte Gründe bieten eine letzte Bleibeoption.

Die heutige Flucht­ und Migrationsbewegung ist eine Generationenherausforderung, vor allem für Europa. Es ist nicht zu erwarten, dass die Probleme in den nächsten Jahren kleiner werden, im Gegenteil.

Gerade die Europäer können hier nicht wegsehen

Wir können nicht einfach die Augen schließen wie Kinder und darauf hoffen, dass die Welt um uns herum verschwindet. Vielmehr baut sich ein immer größerer Druck auf. Um die aktuelle Lage in ihren gesamten Dimensionen zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichte.

Lange Zeit waren es nämlich die Europäer, die ihr Heil in der Fremde suchten - als Flüchtling, als Auswanderer, aber auch als Kolonialherren. Von hier aus zog es die Menschen nach Nord­ und Südamerika, nach Südafrika oder nach Australien und Neuseeland.

Mittlerweile ist das Bevölkerungswachstum in Europa zum Stillstand gekommen. In den meisten Ländern des Kontinents nimmt die heimische Bevölkerung zahlenmäßig sogar rasch ab. Es gibt nicht mehr viele Gründe, Europa zu verlassen. Heute zeigt sich global ein völlig anderes Bild.

Der übergroße Teil der Flüchtlingsströme bewegt sich, wie schon erwähnt, innerhalb und zwischen den ärmeren Staaten auf der Südhalbkugel. Europa ist unterdessen zum Magneten geworden - für die Hoffnungen von Millionen Menschen. Während die Europäer ziemlich ortsfest geworden sind, wollen immer mehr Menschen zu uns.

Dabei handelt es sich in erster Linie um Armutsflüchtlinge. Wie ist es zu diesem fundamentalen Richtungswechsel gekommen? Mit dem Jahr 1492, in dem Kolumbus die Karibik erreichte, begann eine neue Zeitrechnung. Die spanischen und portugiesischen Herrscher verstanden ihre neuen Territorien in Mittel­ und Südamerika als Kolonien, deren Erträge dem Mutterland zustanden.

Vor allem Silber war ein wertvolles Handelsgut. In den folgenden Jahrhunderten errichteten Europäer in den amerikanischen Kolonien ihre Plantagenwirtschaften. Lange Zeit war Zuckerrohr das wichtigste Produkt, später wurden auch Baumwolle und Tabak angepflanzt. Dafür brauchte man viele Arbeitskräfte.

Die fanden die Kolonialherren vor allem in Afrika, von wo Millionen Sklaven über den Atlantik verschifft wurden. Der Sklavenhandel sollte mehr als drei Jahrhunderte anhalten. Bis die Briten schließlich 1807 ein Verbot durchsetzten.

Den bis dahin jahrelang geführten Kampf des britischen Parlamentariers William Wilberforce und seiner Mitstreiter für die gesetzliche Abschaffung der Sklaverei kann man getrost als Vorläufer heutiger NGO­-Arbeit ansehen.

Deren Erfolg kam am 24. Februar 1807, als das Gesetz gegen den Sklavenhandel im britischen Parlament endlich doch verabschiedet wurde. Kurz darauf, im Jahr 1808, untersagten die USA die Einfuhr von Sklaven, 40 Jahre später, 1848, folgten die französischen und 1862 schließlich die spanischen Kolonien.

Die Landnahme in Nordamerika erstreckte sich im Gegensatz zu der in Mittel­ und Südamerika nach dem Muster des europäischen Siedlerkolonialismus über mehrere Hundert Jahre. Dieses Mal begleiteten Frauen die Männer, eine Verbindung mit der ursprünglichen Bevölkerung war eher selten.

Stück für Stück wurde das Land der indigenen Bevölkerung in den Besitz der "Weißen" gebracht - im selben Maße verschwanden die Indianer und ihre Kultur, so lange, bis zum Schluss nur noch einige unwirtschaftliche Reservate als Rückzugsgebiet für sie übrig blieben.

Es war eine gigantische Welle der Enteignung.

Asyl, Flucht, Migration: Alle diese Begriffe sind nur aus ihrer Geschichte heraus zu verstehen

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts zog es immer mehr Menschen von Europa nach Übersee. Die Gründe waren vielfältig: Zum Teil ging es um politische und religiöse Verfolgung, in erster Linie aber war es wirtschaftliche Existenznot, ausgelöst durch Hungersnöte in den Städten, Landknappheit durch Erbteilung im Agraranbau und die Folgen der Industrialisierung.

Hinzu kam die erzwungene Migration: Um die Zahl der Gefängnisinsassen zu reduzieren und damit ein Problem im eigenen Land loszuwerden, wurden Häftlinge auf Schiffe verladen und nach Australien verschifft. So geschehen in England.

Benötigte ein Segelschiff von Europa in die Vereinigten Staaten noch mehr als 40 Tage für die Überfahrt, schaffte es ein Dampfschiff in gerade einmal zwei Wochen. Die europäische Auswanderung selber wurde zum Geschäft, in dem der Generaldirektor der HAPAG (Hamburg ­Amerikanische Packetfahrt Aktien­ Gesellschaft), Albert Ballin, eine herausragende Rolle spielte.

Im Hamburger Hafengebiet hatte er eigens "Auswandererhallen" errichten lassen, um den auf Ausreise wartenden Emigranten sichere Unterkunft, medizinische Versorgung und Hilfe bei der Bewältigung bürokratischer Auflagen zu bieten.

Ihren Höhepunkt erlebte die europäische Übersee-­Migration um 1900. Wenige Jahre später, mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs, brach die Fernauswanderung weitgehend ein.

Aber auch im 20. Jahrhundert blieb Europa lange noch Gravitationspunkt der weltweiten Flüchtlingsfrage, sowohl als Ausgangspunkt eines bis 1914 global agierenden Kolonialismus wie auch einer massiven Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen vor und während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere aus Deutschland.

Es ist wichtig, sich an diese Geschichte zu erinnern, weil es nur vor diesem Hintergrund gelingen kann, die heutige Rolle Europas in der Welt und in Bezug auf die Frage von Flucht und Migration zu verstehen.

Das gilt für Deutschland mit seiner dunklen Vergangenheit während der Nazizeit in besonderem Maße. Nicht umsonst wird das Recht auf Asyl in unserem Land sehr hochgehalten.

Asyl, Flucht, Migration: Alle diese Begriffe sind nur aus ihrer Geschichte heraus zu verstehen. Als Flüchtlinge gelten Menschen, die eine Verfolgung wegen "ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung" nachweisen können.

So steht es in der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951.

Dieser Meilenstein in der Geschichte des Flüchtlingsrechts entstand vor dem Hintergrund der riesigen Fluchtbewegungen während des Zweiten Weltkriegs und danach. Migranten dagegen verlassen ihre Heimat nicht vorwiegend aus politischen, sondern aus ökonomischen Gründen.

Menschen verlassen ihre Heimat wegen Krieg, Terror, Hunger und Arbeitslosigkeit

Grundsätzlich ist es fast nie nur ein einziger Grund, der Menschen dazu treibt, eine Reise ins Ungewisse anzutreten.

In den meisten Fällen kommen viele Dinge zusammen, die das Verlassen der Heimat als einzig verbleibende Möglichkeit erscheinen lassen. Und doch macht es den entscheidenden Unterschied, ob jemand als Flüchtling oder Migrant gilt, weil es sich dabei um politische und rechtliche Kategorien handelt.

Wird jemand an der Grenze abgewiesen oder nicht? Muss er wieder gehen oder darf er im Land bleiben? Und wenn ja, bekommt er einen Arbeitsplatz oder nicht? Menschen verlassen ihre Heimat wegen Krieg, Terror, Hunger und Arbeitslosigkeit. Eritrea zum Beispiel ist so ein Land: ein autoritäres Regime, Militär­ und Arbeitsdienst für die Jugend, Arbeits­ und Perspektivlosigkeit im Land und keine Aussicht auf Veränderung.

Die vielen Eritreer, die es ins Ausland geschafft haben, schicken Geld nach Hause und berichten von einer besseren Welt. Solche Nachrichten entwickeln eine große Sogwirkung, insbesondere auf die jungen Menschen, die im Land zurückbleiben.

In Asmara habe ich mit jungen Männern gesprochen und anschließend mit dem Staatspräsidenten, der mich überraschenderweise fragte, welche Chancen er habe, diese Männer im Land zu halten. Hier gibt es fast nur Jobs für einen Euro pro Tag.

Wenn sie es bis nach Deutschland schaffen, hoffen sie auf ein Asylverfahren und bekommen dann vom ersten Tag an Unterstützung in einer Größenordnung von 500 Euro pro Monat. Das ist für einen 20­jährigen Eritreer sehr viel Geld.

Davon kann er einen großen Teil nach Hause schicken, um seine Familie zu unterstützen. Dass er also in der Auswanderung eine Chance auf eine bessere Zukunft für sich sieht, ist wenig überraschend.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Unfair! Für eine gerechte Globalisierung" von Bundesminister Gerd Müller. Es erschien 2017 im Murmann Verlag.

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