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Ich kämpfe seit Jahren gegen das Regime in Venezuela - außer meiner Würde habe ich nichts mehr zu verlieren

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CARRERO
Gerardo Carrero
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Vor zehn Jahren habe ich den Kampf gegen die Diktatur in Venezuela aufgenommen. Ich war damals 18 Jahre alt und das Regime begann, immer offener, immer aggressiver gegen die Meinungsfreiheit vorzugehen.

Ich studierte Kriminalistik an der katholischen Universität in Táchira. Der mittlerweile verstorbene Diktator Hugo Chavez befahl in diesem Jahr gegen die Unabhängigkeit der Universitäten vorzugehen. Unser Studentenhaus wurde geschlossen, wir sollten uns nicht mehr politisch engagieren.

Aber hunderte junge Menschen weigerten sich, dem Regime Folge zu leisten. Wir wehrten uns und aus unserem Widerstand erwuchs die Studentenbewegung 7-11.

Von diesem Zeitpunkt an war ich Aktivist - und ein Gejagter des Regimes.

"Das Grab" ist das Gefängnis für politische Gefangene

Im Frühjahr 2013 stürmte eine Spezialeinheit des Geheimdienstes Sebin meine Wohnung in Venezuelas Hauptstadt Caracas.

Sebin ist in Venezuela gefürchtet: Sie ermorden Feinde der Diktatur, sie lassen sie verschwinden, sperren sie ein und foltern sie. Ich war damals Teil der sogenannten Souveränitätsbewegung, das Regime wollte sie zerschlagen.

Ich wurde verhaftet und später in das Hauptquartier von Sebin verlegt, das Helicoide. Sie folterten mich dort, zwei Monate lang. Dann brachten sie mich in "das Grab". So nennen sie in Venezuela das Gefängnis für politische Gefangene. Ich war der erste Anführer einer Jugendbewegung, der dort landete.

Sechs Monate verbrachte ich im "Grab", sechs Monate lang wurde ich gefoltert. Ich begann einen Hungerstreik, nach 16 Tagen wurde ich wieder ins Sebin-Hauptquartier verlegt. Insgesamt war ich zwei Jahre und sieben Monate ein Gefangener des Regimes. Aus reiner Willkür.

Wir wollten der Welt zeigen, wie das Regime arbeitet

Während ich in Gefangenschaft saß, gingen die Proteste gegen das Regime weiter.

Am 12. Februar 2014 beschloss die nationale Jugendbewegung Venezuelas sich der Diktatur in den Weg zu stellen. Tausende gingen auf die Straße und protestierten - ohne Gewalt. Am 24. März begannen die Demonstranten, Zeltlager vor den internationalen Einrichtungen in Venezuela zu beziehen.

Mehr zum Thema: "In Venezuela findet ein Staatsstreich statt": Parlament kämpft gegen Präsident Maduros Richter

Wir wollten der ganzen Welt vor Augen führen, wie das Regime systematisch die Menschenrechte seines Volkes verletzt.

Am 8. Mai stürmten Soldaten die Lager und hunderte junge Menschen wurden ihrer Freiheit beraubt und angeklagt.

Der damalige Innenminister Rodríguez Torres gab den Befehl zu der Militäroperation. Er bezeichnete die Proteste als "Teil einer Verschwörung, die das Land von Kopf bis Fuß verbrennen will", als Fassade eines Coups der Opposition gegen die Regierung.

Die Protestbewegung wurde zerschlagen.

Meine Freiheit bleibt auch außerhalb des Gefängnisses eingeschränkt

Am 30. Dezember 2016 wurde ich freigelassen.

Ich war überrascht, noch Tage zuvor hatte ein Gericht unsere Freilassung abgelehnt. Der Befehl, mich und andere Aktivisten auf freien Fuß zu setzen, kam wohl von Maduro. Das zeigt, wie willkürlich die Macht in Venezuela wirkt.

Von dem Tag an, als mich die Sebin-Agenten verhafteten, bis zu dem Tag, an dem ich mein bisschen Freiheit wiedererlangte, hatte ich immer das Gefühl, das Richtige zu tun. Das Gefühl, dass mir mein Handeln meine Stärke und Würde bewahrte.

Meine Freiheit bleibt jedoch eingeschränkt.

Ich darf das Land nicht verlassen. Ich muss mich alle 15 Tage bei der Polizei melden. Noch immer stehe ich vor Gericht, die zuständige Richterin Maria Eugenia Nuñez hat nun sogar zwei neue Tatbestände fingiert.

Kämpfen, kämpfen, kämpfen

Ich bin mir sicher, dass meine Freiheit weiter eingeschränkt werden wird.

Vor meiner Gefangenschaft wollte ich die Gesellschaft warnen, vor dem sozialen Desaster, dass in unserer Mitte heranreifte. Als ich nach zwei Jahren und sieben Monaten das Gefängnis verließ, musste ich erkennen, dass die Katastrophe noch schlimmer eingetreten war, als ich es mir hätte vorstellen können.

Viele Menschenrechtsaktivisten haben sich entschieden, unterzutauchen. Sie haben Angst, aber sie wollen das Land nicht verlassen, wollen Venezuela nicht aufgeben.

Auch ich beschloss weiterzumachen. Weiter für die Freiheit meines Landes zu kämpfen.

Wenn dich Inflation, Hunger, Krankheit, Unsicherheit und Ungerechtigkeit umgeben, dann hast du keine Alternative. Dann musst du kämpfen, kämpfen, kämpfen.

Ohne Furcht, unermüdlich, gegen die Unterdrücker, die sich an ihre Macht klammern, aus Angst vor der Strafe, die sie für ihre Taten ereilen wird.

Maduros Regime ist ein menschenfeindliches System, ein Ergebnis von Jahren des Populismus, der Feindseligkeit und Verbitterung, der falschen Versprechungen und der tatsächlichen Handlungsstarre.

Ein System ohne eine Vision für die Zukunft Venezuelas, zusammengehalten durch Korruption und Drogenhandel. Maduros einzige Leistung ist es, die Menschenrechte seines Volkes brutal zu verletzen.

Er lässt uns töten, er lässt uns verhungern. Aber wir werden weiter Widerstand leisten. Außer unser Würde haben wir nichts mehr zu verlieren.

Millionen Menschen demonstrieren in Venezuela gegen das Regime des Präsidenten Nicolás Maduro . Sie werfen ihm vor, er wolle eine Diktatur errichten, fordern Neuwahlen und die Freilassung politischer Gefangener. Hunderte Menschen wurden bisher bei Straßenschlachten mit der Polizei verletzt, 33 sind gestorben.

Das Land mit den größten Ölreserven steckt seit Monaten in einer dramatischen Krise.

Wegen des rapiden Währungsverfalls, Misswirtschaft und der Rückzahlung von Auslandsschulden in Milliardenhöhe fehlt Geld, um ausreichend Lebensmittel und Medikamente einzuführen. Kinder sterben in Krankenhäusern, weil es an allem fehlt, die Mordrate steigt und steigt, und im einst reichsten Land Südamerikas hungern Menschen.

Eine bessere Zukunft ist zum Greifen nah

Ich bin optimistisch, dass wir diesen Kampf gewinnen können.

Denn was jetzt auf den Straßen Venezuelas passiert, nährt sich nicht aus politischem Kalkül. Es nährt sich aus einem Verlangen nach Gerechtigkeit, nach echtem Wandel in unserer Gesellschaft.

Dieser Wandel wird nicht aufzuhalten sein.

Heute kämpfen wir für die Zukunft unserer Generation. Wir Menschen in Venezuela fühlen nur noch eines: Es reicht! Wir werden unser Leben nicht auf unseren Knien verbringen, wir werden dieses dunkle Kapitel in der Geschichte unserer Republik beenden. Wir werden dieses Regime stürzen.

Es gibt für mich keinen Zweifel daran, dass die Zukunft unserer Nation von Freiheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit geprägt sein wird.

Dass Staat und Wirtschaft eines Tages in einem gesunden Verhältnis existieren werden, das uns Wohlstand bringen wird. Dass wieder Gerechtigkeit in Venezuela herrschen und unser Volk sich mit seiner Geschichte versöhnen wird. Und dass wir unsere Republik gemeinsam wieder aufbauen werden.

Ich bin mir sicher: Diese bessere Zukunft ist für Venezuela greifbar nah.

Das Gespräch wurde von Josh Groeneveld aufgezeichnet und übersetzt.

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