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Der Zappelphilipp ruft nach Hilfe

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Das überzeugendste Argument für die Gültigkeit einer neuen Theorie ist ihr praktischer Wert. Im Fall der bisher über die Ursachen von ADHS entwickelten Vorstellungen bestand der praktische Wert dieser alten Theorie in erster Linie darin, dass sie sich sehr gut zur Erklärung und Begründung einer medikamentösen Behandlung mit Psychostimulantien eignete.

Die bisherigen Modellvorstellungen über ADHS gingen von einer angeborenen, organischen Störung in Form eines "Dopamindefizits" im Gehirn aus, die sich nur durch eine medikamentöse Behandlung mit Dopamin-freisetzenden Substanzen korrigieren ließ. Was wir hier an neuen Kenntnissen und neuen Vorstellungen über das "Zappelphilipp-Syndrom" zusammengetragen haben, ist mit dieser alten Theorie nur noch schwer vereinbar.

Drei Aspekte sind in diesem Zusammenhang hervorzuheben:

1. Unbestreitbar gibt es Kinder, die mit einer besonderen Vulnerabilität auf die Welt kommen und deshalb besonders leicht dazu neigen, eine derartige Verhaltensstörung zu entwickeln. Aber ob es wirklich dazu kommt, hängt ebenso unbestreitbar von den familiären und sozialen Bedingungen ab, unter denen diese Kinder aufwachsen.

2. Selbstverständlich muss das Gehirn eines Kindes, das eine solche Verhaltensstörung im Verlauf seiner ersten Lebensjahre aufgrund ungünstiger Startbedingungen und/oder schwieriger familiärer und sozialer Verhältnisse entwickelt hat, anders strukturiert und organisiert sein als das eines "normalen" Kindes. Aber diese durch die spezifische Art der bisherigen Nutzung im Gehirn entstandenen Veränderungen betreffen selbstverständlich nicht nur das dopaminerge System, sondern alle Hirnbereiche und neuronalen Netzwerke, die an der Regulation von motorischer Aktivität, Aufmerksamkeit und Impulsivität beteiligt sind.

3. Und zwangsläufig führt eine Behandlung, die es dem Kind ermöglicht, diese bisher nicht hinreichend ausgeformten neuronalen Verschaltungen fortan intensiver und erfolgreicher als bisher zu nutzen, auch zu einer entsprechenden strukturellen Verankerung dieser neuen Erfahrungen und damit zu einer Veränderung des Gehirns dieser Kinder. Das gilt sowohl für medikamentöse als auch für psychotherapeutische Behandlungen, aber auch für neuartige Nutzungsbedingungen, die sich durch Änderungen der bisherigen familiären und sozialen Beziehungsgefüges zwangsläufig ergeben.

Die aus diesen drei grundsätzlichen Überlegungen ableitbaren Schlussfolgerungen unterscheiden sich dreifacher Hinsicht ganz erheblich von dem, was sich auf der Grundlage der bisher propagierten Argumentationskette vorhersagen lässt:

• Erstens muss die Ausbildung dieser Verhaltensstörung durch gezielte präventive Maßnahmen verhinderbar sein.

• Zweitens kann für die Ausprägung dieser Verhaltensstörung keine singuläre Störung eines bestimmten Transmittersystems verantwortlich sein.

• Und drittens kann die Behandlung dieser Verhaltensstörung mit Psychostimulantien keine tragfähige Strategie zur nachhaltigen Korrektur einer derartig komplexen und durch das Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren bedingten Fehlentwicklung sein.

Aus den dargestellten Einflüssen des Erziehungs- und Sozialisationsprozesses auf die Strukturierung des kindlichen Gehirns können eine ganze Reihe von ungünstigen Faktoren und Bedingungen abgeleitet werden, die eine effiziente Herausbildung und Ausformung von neuronalen Verschaltungen zur Steuerung der motorischen Aktivität, zur Regulation der Aufmerksamkeit und zur Impulskontrolle behindern. Was im einzelnen zu geschehen hätte, damit künftig weniger Kinder dieses Störungsbild entwickeln, lässt sich am eindringlichsten anhand einiger recht schmerzlicher Fragen veranschaulichen:

12 Fragen veranschaulichen, wie es zu ADHS kommen kann

• Welche Auswirkungen auf das Kind sind zu befürchten, wenn die Schwangerschaft nicht gewollt war und sich schließlich niemand auf das Kind freut?

• Weshalb sind wir eigentlich außerstande, unsere schwangeren Frauen hinreichend effektiv gegenüber alle äußeren Einflüssen abzuschirmen, die die ungestörte Entwicklung und Reifung ihres ungeborenen Kindes beeinträchtigen?

• Weshalb sind viele Eltern in ihrer Erziehungsarbeit verunsichert und leicht durch fremde Vorstellungen zu beeinflussen?

• Weshalb zerfallen so viele Partnerschaften gerade dann, wenn die Kinder beide Eltern besonders dringend brauchen?

• Welche Rolle spielen heute die Väter im Erziehungsprozess ihrer Kinder, welche Haltungen und Orientierungen geben sie insbesondere an ihre Söhne weiter?

• Weshalb sind so viele Eltern mit der Erziehungsarbeit für ihre Kinder überlastet und fühlen sich mit dieser Aufgabe alleingelassen und überfordert?

• Sind die Erziehungseinrichtungen für unsere Kinder wirklich so beschaffen, dass sie den Bedürfnissen und den Entwicklungsmöglichkeiten dieser Kinder gerecht werden?

• Gibt es in der heutigen, aufgeregten, hektischen, leistungs- und konkurrenzorientierten Welt der Erwachsenen überhaupt noch hinreichend Platz und Zeit für Kinder?

• Haben wir mit unserem allgegenwärtigen Straßenverkehr, den zubetonierten Landstraßen, den engen Wohnungen und dem Streben nach maximalen Leistungen in immer früheren Entwicklungsphasen unseren Kindern immer mehr Freiräume genommen, die für eine kindgerechte Entwicklung eigentlich unentbehrlich sind?

• Weshalb fällt es vielen Eltern so schwer, klare Grenzen für ihre Kinder festzulegen und einzuhalten?

• Wer hat das Recht, Kinder und Jugendliche so zu beeinflussen, dass sie ihr Gehirn auf eine bestimmte Weise benutzen und damit auch strukturieren?

• Weshalb lassen wir es zu, dass die Hirnentwicklung unserer Kinder in oftmals fataler Weise von Menschen beeinflusst wird, die diese Kinder nie gesehen, geschweige denn eine emotionale Bindung zu ihnen ausgebildet haben?

Wer ernsthaft versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden, muss zu der Überzeugung kommen, dass die Ursachen für besorgniserregende Fehlentwicklungen unserer Kinder nicht in deren Gehirnen, sondern in einer unzureichend informierten Gesellschaft zu suchen sind, in der - und von der - sie erzogen und sozialisiert werden.

Der Beitrag ist ein Auszug aus:

Gerald Huether / Helmut Bonney, Neues vom Zappelphilipp. ADHS verstehen, vorbeugen und behandeln © Patmos Verlag in der Schwabenverlag AG, Ostfildern, 12. Auflage 2013

www.verlagsgruppe-patmos.de

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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