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Medienpädagogik geht nicht ohne die Eltern

Veröffentlicht: Aktualisiert:
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PhotoAlto/Sandro Di Carlo Darsa via Getty Images
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Kristina Hoffmann und Gerald Hüther

Digitale Medien werden gegenwärtig von den vielen, auch erwachsenen "Nutzern" nicht als Werkzeuge zur Schaffung eines Werkes, sondern als Instrumente zur eigenen Affektregulation eingesetzt: zur Unterhaltung, zur Belustigung, zum Frustabbau, zur Aufregung, zur Ablenkung, als Ersatz für fehlende Verbundenheit und Geborgenheit oder als Ersatz für fehlende Aufgaben und Herausforderungen im realen Leben.

Wer moderne Medien für diese Zwecke einsetzt, dem ist nicht durch Programme zur Verbesserung der Kompetenz im Umgang mit diesen Medien zu helfen. Der braucht Programme, die ihn einladen, ermutigen und inspirieren, seine Affekte aus sich selbst heraus zu steuern und die ihm Gelegenheit bieten, sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit und eigener Entfaltung im realen Leben zu stillen.

Das gilt ganz besonders für die Kinder, aber wohl ebenso für manche ErzieherInnen und wahrscheinlich leider wohl auch für die Mehrzahl der Eltern.

Hier wäre also mit einem innovativen, medienpädagogische Konzept anzusetzen, aber nicht durch Aufklärungsschriften, Vorträge und Belehrungen, sondern durch Initiativen, die den Beteiligten die Erfahrung ermöglichen, dass sie in der Lage sind, Herausforderungen anzunehmen, Probleme zu lösen, Frustrationen auszuhalten, Impulse zu steuern, sich zu begeistern, mitzufühlen, sich mitzufreuen, dazuzugehören und etwas leisten zu können - und zwar im realen Leben und nicht in irgendwelchen virtuellen Welten vor dem Monitor.

ErzieherInnen und Eltern in Gestaltungsaufgaben einbinden

Die modernen Medien sind zwar komplexere Werkzeuge als Rechenschieber, aber es bleiben Werkzeuge, mit deren Hilfe man etwas gestalten, erstellen, erzeugen kann. Wer keine Aufgaben und nichts zu gestalten hat, wozu er einen Rechenschieber sinnvoll nutzen kann, der braucht auch keine Rechenschieberkompetenz und auch keine Rechenschieberpädagogik.

Wenn Kinder Kompetenzen bei der Nutzung moderner Medien erwerben sollen, dann müssten also Programme entwickelt werden, die ihnen Gelegenheit bieten, etwas zu gestalten oder zu erstellen.

Die Kinder müssten dabei erleben können, wie wunderbar sich moderne Medien für diese Zwecke nutzen lassen. Indem man ErzieherInnen und Eltern in diese Gestaltungsaufgaben einbindet, könnten auch sie die Erfahrung machen, dass es weitaus erfüllender und befriedigender ist, aktiver Gestalter seines Lebens als passiver Konsument medialer Angebote zu sein.

Ausgehend von diesen Überlegungen wäre also nach Möglichkeiten zu suchen, die Kinder einladen, ermutigen und inspirieren, etwas zu gestalten (einen Garten anzulegen, einen Kinderzirkus oder ein Kindertheater aufzubauen, sich um Tiere und Pflanzen zu kümmern, technische Geräte zu bauen, Brot zu backen, Bäume zu pflanzen).

Und genau dort, bei diesen Bemühungen, gemeinsam etwas aufzubauen, sollte ihnen gezeigt werden, dass das alles viel besser geht, wenn man dabei die modernen Medien als Werkzeuge zu Hilfe nehmen kann (zum Rechnen, zum Planen, zum Dokumentieren, zum Informieren ...).

Ein praktisches Beispiel: "Medienwerkstatt Kindergarten"

Ein Modellversuch der Stiftung 'Kinderland' in Baden-Württemberg macht deutlich, wie sich solch ein Konzept praktisch umsetzen lässt. Kernpunkt dieses Projektes "Medienwerkstatt Kindergarten" ist der Ansatz "Vom Konsumieren zum Gestalten".

Der Schwerpunkt dieser medienpädagogischen Intervention liegt weniger in der Aufklärung und der Beschränkung der Nutzungszeiten digitaler Medien, sondern vielmehr in der kompetenten Heranführung von Kindern, auch schon im Vorschulalter an den Einsatz und die Nutzungsmöglichkeiten dieser modernen Werkzeuge für die Erstellung und Gestaltung von kleinen, für die Kinder interessanten "Werken" in Form bestimmter selbst geschaffener Medienprodukte.

Während einer 15-monatigen, speziell für dieses Programm konzipierten, medienpädagogischen Fortbildung, wurden die teilnehmenden ErzieherInnen zu sogenannten "Medienlotsen" ausgebildet.

Die ErzieherInnen setzen sich mit ihrer eigenen Mediennutzung auseinander, lernen neue Methoden kennen und geben ihr Wissen an die Kinder weiter. In ihrer Lotsenfunktion helfen sie den Kindern, sich aktiv und kreativ mit modernen Medien auseinanderzusetzen und diese Medien früh als Werkzeuge erkennen und nutzen zu lernen.

Die so qualifizierten "Medienlotsen" sind sowohl für die Kinder, als auch für deren Eltern kompetentere Partner für Gespräche über die Möglichkeiten und auch die Gefahren von digitalem Medienkonsum.

Unter ihrer Anleitung werden die Kinder eingeladen und ermutigt, herauszufinden, was sich alles auch schon im Kindergarten mit Hilfe digitaler Medien entdecken und gestalten lässt. So lernen die Kinder, dass man mit Hilfe digitaler Medien sehr viele interessante Dinge machen kann.

Und diese Erfahrung schützt sie davor, digitale Medien später als Instrumente zur Affektkontrolle zu entdecken und einzusetzen.

Am deutlichsten kommt dieser Effekt in der Rückmeldung einiger Eltern zum Ausdruck, seit ihr Kind im Kindergarten nun gelernt habe, zusammen mit anderen Kindern kleine Kurz- und Trickfilmsequenzen zu erstellen, wolle es jetzt zu Hause nicht mehr fernsehen, sondern lieber Filme selber machen.

Medienpädagogik geht nicht ohne die Eltern

Ausschlaggebend für die Effizienz und Nachhaltigkeit einer jeden pädagogischen - und damit auch medienpädagogischen - Maßnahme ist die Einbindung der Eltern beziehungsweise der Herkunftsfamilien der Kinder.

Die wertvollsten Erfahrungen, die Kinder in der "Medienwerkstatt Kindergarten" unter der kompetenten Begleitung sehr gut ausgebildeter Medienlotsen machen, bleiben ohne nachhaltige Wirkung, wenn zu Hause "alles beim Alten" bleibt und die Kinder weiter wie bisher mit dem dort herrschenden Medienkonsumverhalten oder der elterlichen Inkompetenz bei der Nutzung moderner Medien konfrontiert sind, wenn sich also an den bisherigen, inneren Einstellungen und Vorbehalten ihrer Eltern und der anderen, maßgeblichen Familienmitglieder, in Bezug auf die Nutzung digitaler Medien im Zuge einer solchen medienpädagogischen Intervention, nichts ändert.

Die entscheidende Frage in Bezug auf die Verbesserung der Wirkung medienpädagogischer Interventionen lautet daher: Wie erreichen die ErzieherInnen die Eltern und Familien der in den jeweiligen Kindergärten betreuten Kinder?

Wie kann das, was die Kinder über sinnvolle Einsatz- und Nutzungsmöglichkeiten digitaler Medien in ihrem Kindergarten erfahren, ausprobiert und umgesetzt haben, in die jeweiligen Elternhäuser mitgenommen und auch dort etabliert werden?

Die Lösung dieses Problems wird sich nicht durch eine weitere Verbesserung der medienpädagogischen Kompetenz der ErzieherInnen erreichen lassen. Um dieses Defizit zu überwinden, bedarf es einer Verbesserung der Beziehung zwischen den ErzieherInnen (einschließlich der Leitungspersonen und der Verantwortlichen des Trägers) und den jeweiligen Eltern der Kinder, die den betreffenden Kindergarten besuchen.

Diese dringend notwendige, vertrauensvolle, von gegenseitiger Hilfe und Wertschätzung und Respekt getragene Beziehung entsteht nicht von allein. Eine derartige, für die gesamte Entwicklung der Kinder günstige Beziehung all jener Personen, die sie auf ihrem Weg begleiten, kann sich auch nicht herausbilden, solange der Kindergarten von beiden Seiten lediglich als "Dienstleistungseinrichtung" verstanden und betrachtet wird.

Für den Aufbau einer solchen, an den Bedürfnissen der Kinder orientierten Erziehungspartnerschaft zwischen den Eltern und den ErzieherInnen brauchen Kindergärten dringend Unterstützung.

Wenn die Eltern nicht mit ins Boot geholt werden können, bleiben nicht nur solche medienpädagogischen, sondern auch alle anderen gut gemeinten Interventionen im Kindergarten ohne nachhaltige Wirkung.

Den ersten Teil dieses Beitrags können Sie hier lesen.

Der Autor betreibt die Website http://www.gerald-huether.de/.

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