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Warum schon Kleinkinder lernen müssen, mit Medien umzugehen

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Kristina Hoffmann und Gerald Hüther

Die Grunderkenntnis der modernen Neurobiologie heißt: Kinder, und zwar alle Kinder, kommen mit einer unglaublichen Lust am eigenen Entdecken und Gestalten zur Welt. Nie wieder ist ein Mensch so neugierig und so entdeckerfreudig und so gestaltungslustig und so begeistert darauf, das Leben kennen zu lernen, wie am Anfang seines Lebens.

Diese Begeisterungsfähigkeit, diese enorme Lernlust und diese unglaubliche Offenheit der Kinder sind der eigentliche Schatz der frühen Kindheit. Und diesen Schatz müssen wir besser als bisher bewahren und hegen.

Es geht also weniger darum, mit Hilfe von Förderprogrammen Kindern immer schneller immer mehr Wissen beizubringen. Was wir brauchen sind Programme, die verhindern, was viel zu häufig heute noch immer passiert, nämlich dass Kinder irgendwann die Lust am Lernen verlieren.

Die Frage unter welchen Bedingungen Kinder ihre intrinsische Lust am Lernen und Gestalten weiter entwickeln und zu starken, verantwortungsbewussten und teamfähigen Persönlichkeiten heranreifen können, lässt sich inzwischen aus neurowissenschaftlicher Sicht recht gut beantworten.

Interessanterweise bestätigen die Hirnforscher mit ihren neuen Erkenntnissen vieles von dem, was von vielen Erziehern und Pädagogen seit je her eingefordert und in erfolgreichen innovativen Bildungseinrichtungen längst umgesetzt worden ist: Anstelle der bisherigen extrinsischen Verfahren zur Verbesserung der Lernleistungen müssen Bedingungen, also Erfahrungs- und Gestaltungsräume, geschaffen werden, die die intrinsische Motivation der Kinder zum Lernen und Gestalten, zum Mitdenken und Mitgestalten wecken und stärken (Hüther und Hauser, 2012).

Kindheit im Medienzeitalter

Digitale Medien haben in den letzten Jahren Einzug in alle Bereiche unseres Zusammenlebens gehalten. Sie sind selbstverständlicher Bestandteil unseres täglichen Lebens in Familien, in Bildungseinrichtungen und am Arbeitsplatz geworden. Immer früher kommen deshalb auch die in unsere Gesellschaft hineinwachsenden Kinder mit diesen neuen Technologien und ihren Nutzungsmöglichkeiten in Kontakt.

Niemand weiß gegenwärtig, ab wann und wie Kinder mit der Nutzung digitaler Medien vertraut gemacht werden sollten. Dass passiver Medienkonsum nachhaltige Auswirkungen auf die Strukturierung des sich entwickelnden Gehirns von Kindern hat, ist unbestritten. Je jünger die Kinder sind, desto gravierender dürften diese Einflüsse sein. Langzeitstudien zu dieser Problematik fehlen jedoch bisher.

Aber die wachsende Zahl von Schülern mit einer Medienabhängigkeit, mit einer Häufung von Computerspielsucht, insbesondere bei Jungs und einer steigenden Prävalenz der Abhängigkeit von sozialen Medien (z.B. Facebook) vor allem bei Mädchen, sind alarmierende Zeichen einer erheblichen Gefährdung, der die für das Wohlergehen und ein gesundes Heranwachsen unserer Kinder und Jugendlichen verantwortlichen Erwachsenen weitgehend ratlos gegenüberstehen (Meisner et al. 2006). Immer mehr Eltern und Pädagogen sind besorgt über diese Entwicklungen.

Seit Jahrzehnten wird deshalb das Thema Mediennutzung von Kindern, insbesondere im Vorschulalter heiß diskutiert. Viele Eltern und ErzieherInnen sind unsicher, was sie verbieten oder erlauben sollen bzw. in welchem Umfang Mediennutzung altersgemäß und sinnvoll für die kindliche Entwicklung sein könnte.

Waren diese Besorgnisse zu Beginn der 1970er Jahre noch ausschließlich auf das Fernsehen gerichtet, hat sich diese Verunsicherung in den letzten Jahren durch das Hinzukommen weiterer Medientechniken - nicht zuletzt mit dem Einzug von PCs und Laptop in die Haushalte - verschärft. Vor allem die betroffenen Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen fühlen sich von dieser Entwicklung überrollt - zum Teil auch überfordert.

Berichtet wird aus diesem Bereich immer häufiger, dass Erziehungsberechtigte so gut wie keine Regeln bei der Mediennutzung ihrer Kinder einfordern. Zudem werde der Medienkonsum in quantitativer Hinsicht (Verweil- bzw. Nutzungsdauer verschiedener Medien) oder qualitativer (altersungeeignete Programme) Hinsicht nicht kontrolliert. Immer mehr Kinder verfügen inzwischen über eigene Geräte in ihren Kinderzimmern, deren Nutzung sich dann der Überprüfung der Erziehungsberechtigten entziehen.

Krabbelkinder vor PC oder Bildschirm sind keine Ausnahme

Immer früher werden bereits Kleinkinder Teilnehmer des Medienkonsums im familiären Umfeld und erleben ihre Familie bzw. Teilfamilie in dieser medial gesteuerten Kommunikation. Krabbelkinder vor PC oder Bildschirm sind keine Ausnahme. Berichtet wird von Familienberatungsstellen und Psychologen, dass immer häufiger Kinder auch bei Porno, Horror- und Gewaltfilmen mit im Raum sind.

Die möglichen Folgen und Konsequenzen dieser unkontrollierten Mediennutzung werden von einer Mehrheit aus dem Bereich der Erziehungswissenschaften, Psychologie oder aus der Hirnforschung als problematisch, wenn nicht gar gefährlich beschrieben (Hahn et. al., 2001; Rehbein et al., 2009).

Als Stichworte werden genannt:
- Übernahme von Verhaltensmustern aus den Medien
- Übernahme von "falschen" Werteorientierungen und Menschen- bzw. Weltbildern
- Negative Auswirkungen auf die Phantasieentwicklung bzw. Kreativitätsentwicklung
- Negative Auswirkungen auf die Sprach- und Leseentwicklung
- Abbau von Sensibilität/ Gewöhnungseffekte an Gewaltlösungen
- Fehlentwicklungen im Bereich der Geschmacksentwicklung
- Ein hoher Grad an Unkonzentriertheit
- Die Unfähigkeit, sich mit etwas intensiver auseinanderzusetzen
- Der fehlende Kontakt zur realen Natur bzw. Umwelt

Darüber hinaus wird von Hirnforschern darauf verwiesen, dass sich im Gehirn von Kindern bestimmte Strukturen an die Mediennutzung anpassen und zu entsprechenden Verhaltensweisen wie z.B. Computersucht führen (Hüther und Bergmann 2006, Spitzer 2012).

Der Umgang mit modernen Medien wird sich jedoch nicht nachhaltig verändern, wenn eine medienpädagogische Intervention nicht dazu führt, andere Einstellungen und Haltungen zu entwickeln, die das Mediennutzungsverhalten bestimmen.

Um diese Einstellungen und Haltungen zu verändern, bedarf es eigener günstigere Erfahrungen im Umgang und bei der Nutzung moderner Medien. Die muss man von Anfang an im eigenen Leben machen - und am besten eben schon im Kindergarten. Durch Aufklärung, Belehrungen, kluge Ratschlägen etc. lässt sich das leider nicht erreichen.

Erst kommt die Beziehung, dann die Medienpädagogik

Allerorten wird eine Erhöhung der Qualität von Bildungsmaßnahmen gefordert und angestrebt. Die konkrete Gestaltung von Bildungsangeboten, die Art der Wissensermittlung, die Didaktik und Methodik des Unterrichtens kann auf eine Vielzahl von sehr gut validierten und bewährten Verfahren zurückgreifen. Viele dieser Verfahren sind auch aus neurobiologischer Perspektive sinnvoll und begründbar.

Doch bevor man an Einzelmaßnahmen geht, um die Qualität von Bildungsangeboten zu erhöhen, sind folgende „hirngerechte" Voraussetzungen für gelingende Bildung, auch für ein gelingendes medienpädagogisches Bildungsangebot, grundsätzlich voranzustellen:

„Hirngerecht" sind Bildungsangebote für Kinder (wie auch für Jugendliche und Erwachsene) immer dann,

1) wenn sie „Sinn machen", d. h. bedeutsam und wichtig für das betreffende Kind sind, sei es auch nur, dass sich jemand über das, was das Kind gelernt hat, aufrichtig freut.
2) wenn sie als eigene Erfahrung am ganzen Körper, mit allen Sinnen und unter emotionaler Beteiligung erfahren werden, wenn sie also „unter die Haut" gehen.
3) wenn die so gewonnenen Einsichten, Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten sich im praktischen Lebensvollzug als nützlich und vorteilhaft, d.h. praktisch anwendbar erweisen, auch und gerade außerhalb von Tageseinrichtung und Schule.

Aber selbst dann, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, wenn das neue Wissen und Können also bedeutsam, anknüpfbar, ganzheitlich und emotional erfahrbar und als praktisch nutzbar erkannt und erlebt werden kann, wird die Frage der Qualität, der Didaktik und Methodik der Wissensvermittlung erst dann interessant, wenn die Kinder auch offen für diese Bildungsangebote sind.

Kinder brauchen also nicht nur Aufgaben, an denen sie wachsen können, und Herausforderungen, die sie zu bewältigen lernen, sie brauchen auch Rahmenbedingungen, die es ihnen ermöglichen, sich diesen Aufgaben zu stellen und diese Herausforderungen anzunehmen.

„Die Pflanzen wachsen nicht schneller, wenn man daran zieht", lautet eine alte Gärtnerweisheit, die nun ebenfalls durch die Befunde der Entwicklungsneurobiologen bestätigt wird.

Die kleinen Pflänzchen muss man gießen, gelegentlich düngen und auch einigermaßen von Unkraut freihalten, damit sie optimal gedeihen können.

Auf unsere Kinder bezogen heißt das, wir brauchen eine neue Kultur in unseren Bildungseinrichtungen, eine Kultur der Wertschätzung, der Anerkennung, der Ermutigung und der gemeinsamen Anstrengung in all unseren Bildungseinrichtungen, allen voraus im Kindergärten. Das hat auf den ersten Blick nichts mit Medienpädagogik zu tun, ist aber in einem größeren Kontext betrachtet, die Voraussetzung für den Erfolg jeder medienpädagogischen Intervention.

Kinder haben das Recht auf bestmögliche Bildung - von Anfang ihrer Entwicklung an. Ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung zu bringen, ist oberstes Ziel von Erziehung und Bildung. Dazu gehört auch, dass Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren lernen können, sich in einer von Medien immer stärker geprägten Welt zu orientieren.

Je früher Kinder sich aktiv mit Medien auseinandersetzen können, desto größere Chancen bestehen, dass sie z.B. nicht von Medien „abhängig" werden, sondern kompetent und selbstbestimmt mit Medien umgehen können.

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Der Autor betreibt die Website http://www.gerald-huether.de/.

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Digitale Kindheit: In welchem Alter sollten Kinder Smartphones haben? Wie wichtig ist es, früh zu lernen, wie Computer funktionieren? Und: Sind Computerspiele nun schädlich - oder gar nützlich? Diese Fragen machen viele Eltern hilflos.

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