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Noten machen viele Kinder krank - so können Eltern das verhindern

10/10/2017 15:54 CEST | Aktualisiert 10/10/2017 15:59 CEST
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Schätzen Sie mal, wie häufig wir jede Woche wegen Problemen im Zusammenhang mit der Schulleistung kontaktiert werden! Fünf Mal? Zehn Mal? Mehr als 20 Mal? Genau! Mehr als 20 Mal klären wir jede Woche vermeintliche Störungen im Zusammenhang mit Schulleistungen ab.

Es sind auch viele Kinder, die mit Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Herzrasen, Schwindel oder noch intensiveren Problemen zu uns in die Praxis kommen. Und es sind zu mehr als 80 Prozent Mädchen. Echte organische Befunde sind die Ausnahme.

Alles entsteht durch einen Druck, der auf die Kinder einprasselt - durch den Konflikt zwischen Erfolgsstreben (das ja auch seine guten Seiten hat) und Versagensangst. Deshalb sind es auch meist sehr gute und ehrgeizige SchülerInnen, die ich als Kinderarzt behandle.

Und: Es sind selten die Eltern (was viele vorschnell glauben), die bewusst diesen Druck aufbauen. Er kommt aus der Schule. Nicht persönlich auf ein einziges Kind. Nicht persönlich durch den Lehrer. Es ist das System. Was den Druck auslöst, ist das sich Vergleichen. Das Messen mit anderen. Die Angst, im Leben zu versagen, wenn man nicht der oder die Beste ist.

Wir programmieren unsere Kinder von klein auf

Bereits ab dem frühen Grundschulalter werden sie in einem System von Besser und Schlechter groß. Sie werden in einem Alter, in dem ihre Persönlichkeit noch gar nicht die Reife haben kann, beurteilt, teilweise eben auch abgeurteilt.

Wozu dienen Noten aus Sicht der Pädagogen? Sie sollen zu Leistung anspornen. Und Kinder vergleichbar machen. Aber eben nur bezüglich der am Lehrplan orientierten Schulleistungen.

Soziale Fähigkeiten, Kreativität oder Problemlösungsfähigkeiten werden weder ausreichend geschult noch besonders geprüft. Obwohl das genau die Fähigkeiten sind, die die Gesellschaft und auch die Wirtschaft braucht.

Mehr zum Thema: 10 Gründe, warum Schüler mit schlechten Noten im echten Leben erfolgreicher sind

Erschwerend kommt hinzu, dass Noten, deren Ziel die Vergleichbarkeit ist, nicht einmal vergleichbar sind. Es ist ja etwa gut belegt, dass verschiedene Lehrer verschiedene Leistungen unterschiedlich bewerten.

Ganz zu schweigen von unterschiedlichen Standards in benachbarten Schulen oder gar Bundesländern. Alles zu Lasten der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.

5 Erkenntnisse über Schulnoten

  • Noten sind Unfug. Jedenfalls im Alter bis zur Pubertät.

  • Noten schaffen bei vielen Schülern einen falschen Wertmaßstab - und zwar offensichtlich mehr noch bei Mädchen.

  • Schlechte Noten belasten zu Unrecht das Selbstvertrauen des jungen Menschen.

  • "Erlernte" Noten täuschen über einen Mangel an für später viel wichtigeren Fertigkeiten hinweg.

  • Noten erhöhen den Stresslevel und führen damit zu medizinischen Symptomen und belasten das Gesundheitssystem nicht unerheblich.

Wie Eltern ihren Kindern helfen können

Es gibt praktisch keine Eltern, die ihren Kindern bewusst Schuldruck machen. Aber unbewusst und unterschwellig passiert das dennoch. Und zwar in fast allen Familien.

Solange die Reaktion der Eltern dieselbe ist wie die der Schule, unterstützen sie das System und erhöhen bei den empfänglichen Kindern den Druck. Wenn Sie also etwa schlechte Noten bestrafen oder rügen. Aber auch, wenn Sie gute Noten bezahlen.

Mehr zum Thema: Eine Grundschullehrerin erklärt: Das ist das Schlimmste, das Eltern ihren Kindern antun können

Mit schlechten Noten sind Kinder sowieso schon bestraft genug. Und gute Noten sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Noten nicht alles sind. Schon gleich gar nicht, bis aus Ihrem Kind eine reife Persönlichkeit geworden ist, die sich über ihre Stärken und Schwächen bewusst ist.

Systematische Belohnung verstärkt das Leistungsdenken, das Grundlage etwa für späteres Burnout sein kann. Natürlich sollen Sie auch keine schlechten Noten belohnen. Aber sie können sie abschwächen.

Sätze wie "dafür malst du wunderschön" oder "Einstein hatte auch 5er" können Noten relativieren. Auch gute Noten sollten nicht überbewertet werden. Freuen Sie sich mit dem Kind, aber machen Sie gute Noten nicht zum Zentrum des Selbstbewusstseins.

Liebe Lehrer, setzt euch für eine notenfreie Schule ein

Lehrer und Pädagogen müssen die Bedeutung von Noten abschwächen. Viele Lehrer tun das glücklicherweise sowieso. Auch ihnen ist die Benotung in der Regel ein Graus. Sie führt auch bei ihnen zu Stress mit Schülern und Eltern und zu Konflikten, wenn die rechnerische Note nicht zu den wundervollen sonstigen Fertigkeiten eines Kindes passt.

Liebe Lehrer, setzt euch für eine notenfreie Schule ein. Jedenfalls bis zum Alter von zwölf Jahren, wie in anderen erfolgreichen Schulsystemen bereits praktiziert.

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Würde nicht ein pädagogisches Gutachten am Jahresende reichen, wenn ein Kind im Einzelfall Stoff wiederholen müsste, um nicht mit Lücken in die weiteren Jahre zu gehen? Oder wo soll der wichtige Unterschied sein zwischen einer zwei oder einer drei?

Die Politik muss das Notensystem hinterfragen

Es gibt für Noten, auch unter Berücksichtigung medizinischer und entwicklungspsychologischer Erkenntnisse, im jungen Alter keine vernünftige Begründung. Wozu müssen Kinder in diesem Alter vergleichbar gemacht werden? Sie sind nicht vergleichbar.

Schule ohne Noten ist die Zukunft! Zumindest bis das Kind reif genug ist, sein Selbstbewusstsein nicht von Noten bestimmt zu sehen. Das haben andere Schulsysteme belegt, die mit weniger Druck mindestens zum selben Ergebnis kommen - aber gesünder und mit mehr langfristiger Lebensqualität.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf der Kinderarztblog.

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