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Ich war ein Jahr lang völlig blind - das habe ich gelernt

02/03/2017 18:08 CET | Aktualisiert 02/03/2017 20:15 CET
Georgie Morrell

Seitdem ich drei Jahre alt bin habe ich Augenprobleme.

Als Teenager verlor ich auf dem linken Auge meine Sehkraft komplett, rechts konnte sie mit medizinischer Hilfe vorerst noch erhalten werden - dank mehreren Litern Augentropfen und einigen Eingriffen.

Und trotzdem entschied mein rechtes Auge im Jahr 2008, dass Sehkraft etwas für Loser ist.

Danach ließ es mich ein Jahr lang im Stich.

Mein Augenlicht bekam ich zwar durch Behandlung einiger genialer Ärzte wieder, jedoch kann es immer wieder verschwinden.

Jederzeit.

Ich habe dazugelernt

Keine Frage, plötzlich vollständig zu erblinden, hat mein Leben verändert.

Ich musste lernen, mich anzupassen - körperlich und emotional. Es war eine vollkommen neue Art zu leben.

Ich musste ein Trauma verarbeiten.

Das Trauma, auf einmal einen der wichtigsten Sinne zu verlieren. Es war ein Prozess der Trauer.

Vorher war ich eine wilde 21-Jährige, die ohne irgendeinen Plan durch London streifte, und plötzlich fand ich mich in der Situation einer isolierten, kindlichen Frau wieder, die mit ihrer neuen Behinderung nicht zurechtkam.

Vorher führte ich ein sorgloses Partyleben in Soho und ging mit einem gutaussehenden DJ und plötzlich...BOOM - alles ändert sich.

Es hat seine Zeit gedauert, bis ich mit der ganzen Situation fertig geworden bin.

Mehr zum Thema: Ein Liebesbrief an meine Depression: Danke, dass du in mein Leben getreten bist

Und trotzdem war meine Erblindung nicht nur ein einziger schlimmer Albtraum.

In diesem einen Jahr passierten so viele Dinge, die meine Wahrnehmung vom Leben völlig veränderten und mich zu dem Menschen machten, der ich heute bin.

Es hat mit gezeigt, was wirklich wichtig ist.

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Georgie und ihr Bruder

Geduld

Einige Monate lang wusste ich nicht, wie gut meine Sehkraft sein würde, wenn sie überhaupt wiederkehrte.

Ich musste warten, bis die Ärzte verschiedenste Medikamente und Behandlungsmethoden getestet hatten.

Warten, warten und nochmal warten.

Es war nicht nur frustrierend, es war reine Folter.

Schließlich lernte ich, geduldig zu sein.

Es war eine Ausdauerprüfung, die mein alltägliches Leben verändern sollte.

Heute rege ich mich nicht mehr so oft über Kleinigkeiten auf. Ich bin jetzt glücklich damit bei der Post Schlange zu stehen oder mal den Bus zu nehmen, wenn die Bahn zu spät kommt.

Versteht mich nicht falsch, natürlich gibt es immer noch genug Dinge, die mich nerven - aber nicht in der Weise wie es vor meiner Erblindung gewesen ist.

Es kümmert mich einfach nicht mehr, was andere Leute von mir denken und ich weiß nun, dass so manches das Warten Wert ist.

Dankbarkeit

So kontrovers es klingen mag, meine Erblindung ließ mich erkennen, wieviel Glück ich eigentlich habe.

Ich war früher ein sehr stürmisches Mädchen.

So ein Kind, das mit den Füßen auf den Boden stampfte und sich die Seele aus dem Leib schrie, wenn ihm etwas nicht passte.

In meinen jungen Jahren hatte ich einen starken Willen und dachte, ich könne alles machen wonach mir ist.

Das hat sich zwar bis heute nicht sonderlich geändert, jedoch habe ich eine klarere Sicht auf die Dinge bekommen.

Ich bin überwältigt von dieser neu entdeckten Dankbarkeit, die ich fühle.

Ich bin dankbar für meine Ärzte, die Unmögliches möglich machten.

Und dankbar für meine Eltern.

Ich habe erkannt, dass ich ohne die beiden nichts bin und gerade wegen ihnen, alles das bin, was ich bin.

Natürlich waren sie mir auch vor meiner Erblindung sehr wichtig. Ich habe sie geschätzt und geliebt, aber nicht in diesem Ausmaß, wie ich es heute tue.

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Sie haben sich nicht nur um meine neuen körperlichen Bedürfnisse gekümmert, sondern haben mich auch ermutigt, nie aufzugeben. Dafür werde ich ihnen immer dankbar sein.

Meine Krankheit hat zwischen uns ein unzerstörbares Band geknüpft.

Humor

Ich bin mir durchaus bewusst, dass ein Blinder nicht mit einem lauten "lol" durchs Leben geht, aber hört mir zu.

Ich habe einen tollen Humor gerade weil ich blind bin.

Mehr zum Thema: Grüner und Grauer Star: Bei diesen Symptomen solltet ihr zum Augenarzt gehen

Auf den Rat meines guten Freundes Felix hin machte ich aus meinem blinden Jahr eine Comedy-Show.

Ich wurde quasi ein Stand-up-Comedian.

Natürlich wünschte ich mir in den vielen Stunden im Krankenhaus nichts mehr als zwei gesunde Augen. Aber an diesem Punkt war es einfach so wie es war - warum also nicht das beste daraus machen und darüber lachen.

Die Erfahrung hat mich gelehrt, Witz in der Tragik zu finden.

Nicht weil sich Dinge ändern, wenn man über sie lacht, sondern weil es dabei hilft, mit ihnen fertig zu werden.

Gewissheit

Ich bin immer noch in Behandlung.

Obwohl die Ärzte alles gaben und ich wieder sehe, kann ich mein Augenlicht jederzeit wieder verlieren. Mit dieser Gewissheit zu leben, ist die Erfahrung, die mich am allermeisten veränderte.

Zu wissen, dass meine größte Angst mich in jedem Moment treffen kann, ist ernüchternd - und trotzdem nicht unbedingt negativ.

Ich quengel jetzt nicht mehr und versuche lieber mich aufzuraffen und die Dinge in die Hand zu nehmen.

Ich will so viel Spaß und Arbeit wie ich kriegen kann - solange ich noch kann.

Meiner Meinung nach ist eine Lebenserfahrung nicht der Prozess des Erfahrens, sondern das, was danach kommt.

Die Tage, Wochen und Monate, die dich und deine Sicht auf das Leben anschließend verändern.

Egal ob ein unbedeutender Tag oder ein großes Ereignis - diese Erfahrungen bilden unsere Persönlichkeit.

Und es ist so wichtig, dass wir das beste daraus ziehen, was wir kriegen können.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde von Franziska Kiefl übersetzt und zum besseren Verständnis angepasst.

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