BLOG

Das ist die beste Hoffnung für die Heilung von Krebs

30/10/2015 13:07 CET | Aktualisiert 30/10/2016 10:12 CET
Hero Images via Getty Images

Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs im Interview mit Prof. Dr. med. Markus Kosch, Vice President Pfizer Oncology Commercial Portfolio Europe, Africa & Middle East

Netzwerk gegen Darmkrebs (NgD): Herr Professor Kosch, Sie sind seit rund 20 Jahren in der Onkologie tätig, als Arzt und seit rund 10 Jahren in der forschenden Pharmaindustrie: Wo steht die Krebsmedizin heute?

Prof. Markus Kosch: Wir befinden uns in einer Phase der Wissensexplosion. Angetrieben von einer kontinuierlichen Welle neuer Erkenntnisse in der Grundlagenwissenschaft, schreitet die Krebsforschung in nie dagewesenem Tempo voran.

Unser Verständnis der Tumorbiologie wächst seit der Entdeckung „des" Onkogens und der Entschlüsselung des menschlichen Genoms exponentiell weiter. Wir verstehen Krebserkrankungen immer besser und wir sind in der Lage, dieses Wissen in sehr kurzer Zeit in neuartige Therapien zu transferieren, die tiefer gehen als alle vorangegangenen Ansätze.

Heute sehen wir Therapieansätze, die den Teilungsprozess von Tumorzellen bereits in der Entstehung behindern oder die eine Immunantwort des Organismus bewirken, um Krebszellen zu bekämpfen. Beide Ansätze eröffnen völlig neue Perspektiven in der Krebsmedizin.

Sie sprechen immunonkologische Therapien an, die aktuell die Diskussion bestimmen. Wie schätzen Sie die Situation und das Potenzial dieser Ansätze ein?

Mit immunonkologischen Ansätzen sind große Hoffnungen auf bahnbrechende Fortschritte in der Onkologie verbunden. Und das zu Recht: Immuntherapien werden wesentliche Bausteine der Krebsmedizin der Zukunft sein. Bei einigen Krebserkrankungen sehen wir bereits jetzt Wirksamkeitsdaten, die wir vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten haben.

Zugleich verbessern sich die Nebenwirkungsprofile der Substanzen kontinuierlich. In beiderlei Hinsicht, hinsichtlich Effektivität und Verträglichkeit, werden Immuntherapien künftig weiter für Furore sorgen. Für viele Patienten werden sie die Behandlungssituation selbst bei schwersten, metastasierten Erkrankungen deutlich verbessern. Davon bin ich überzeugt.

Die Perspektive ist: Eine völlig neue, nie dagewesene Qualität der Krebsmedizin. Entsprechend groß ist die Euphorie in diesem Gebiet. Die Anstrengungen, das therapeutische Potenzial von Immuntherapien in die klinische Praxis, zu den Ärzten und Patienten zu bringen, sind enorm.

Auch bei Pfizer Oncology genießt die Immunonkologie höchste Priorität. Im Zentrum unseres Engagements steht die strategische Forschungsallianz mit Merck (Darmstadt), in der wir gemeinsam die Entwicklung eines ursprünglich von Merck entdeckten und entwickelten humanen monoklonalen Antikörpers vorantreiben, der bei unterschiedlichen Krebserkrankungen zuletzt auf dem ASCO-Kongress wieder sehr viel versprechende Daten gezeigt hat.

Das klingt nach einem Siegeszug der Immunonkologie. Ist das der Ansatz, um Krebs endgültig zu besiegen?

Das therapeutische Potenzial ist bahnbrechend, aber den Wunsch nach einer heilbringenden Therapiemethode, nach einer „Wunderpille" gegen Krebs wird aller Voraussicht nach auch nicht die Immunonkologie erfüllen können. Dafür sind Krebserkrankungen und die Ereignisse, die Zellen zu Tumorzellen werden und weiter wachsen lassen, zu heterogen, zu komplex.

Wahrscheinlicher ist, dass auch in Zukunft unterschiedliche Therapieprinzipien nebeneinander existieren und - je nach Passung - bei unterschiedlichen Krebserkrankungen zum Einsatz kommen werden.

Neben immunonkologischen Ansätzen werden hier vor allem zielgerichtete Therapien, die auf die spezifische Biologie und Genetik bestimmter Tumoren ausgerichtet sind, weiterhin eine Schlüsselrolle spielen. Auf dem diesjährigen ASCO-Kongress haben wir Daten zu einem CDK-4/6-Inhibitor aus unserem Haus gesehen, mit dem die Teilung von Tumorzellen bereits zu Beginn des Entstehungsprozesses behindert beziehungsweise sogar verhindert werden kann.

Dass dieser neuartige zielgerichtete Wirkansatz funktioniert, belegten dann eindrucksvoll die präsentierten Ergebnisse einer Phase-III-Studie: Bei hormonrezeptorsensitivem metastasiertem Brustkrebs konnte das progressionsfreie Überleben der Patientinnen mehr als verdoppelt werden - eine deutliche Verbesserung der Therapiesituation für die Patientinnen.

Zudem zeigt sich hier: Durchbrüche in der Krebsmedizin sind aktuell nicht nur in der Immunonkologie zu beobachten.

Eine Reihe von Ansätzen scheinen das Zeug zu haben, Krebs in den Griff zu bekommen. Ist das so? Erscheint Heilung möglich?

Bei vielen Krebserkrankungen ist Heilung in frühen Stadien ja bereits jetzt möglich. Probleme bereiten nach wie vor fortgeschrittene Erkrankungen im metastasierten Stadium. Trotz aller Durchbrüche herrscht in dieser Situation bei fast allen Krebsarten ein enormer Bedarf an neuen, verbesserten Therapien - und großes menschliches Leid:

Als Arzt das Leid von Krebspatienten mitzuerleben, ohne wirklich helfen zu können - das war eine der prägendsten Erfahrungen in meinem Berufsleben. Das vor Augen, können die aktuellen Entwicklungen in der Krebsmedizin gar nicht hoch genug bewertet werden:

Tumorkontrolle, Chronifizierung und Heilung erscheinen aus heutiger Perspektive bei vielen Krebserkrankungen auch im metastasierten Stadium als realistisches Zukunftsszenario. Heilung wird als realistische Zielsetzung zunehmend in die klinische Praxis auch bei fortgeschrittenen Erkrankungen einziehen.

Allerdings liegt es an uns - an allen, die an der Therapie und Versorgung von Krebspatienten beteiligt sind - dieses Forschungspotenzial in die klinische Praxis zu übertragen. Das ist eine historische Chance, die wir nutzen müssen.

Sehen Sie hier Probleme?

Es gibt zwei große Handlungsfelder, die gleichberechtigte Aufmerksamkeit erfordern: Da ist zum einen der komplexe Bereich der Erforschung und Entwicklung bis zur Zulassung neuer Therapien. Zum anderen gilt es dann, direkt daran anschließend, die neuen Behandlungsoptionen zu den Patienten zu bringen.

Diese zweite Etappe ist heute oftmals ebenso komplex wie der Forschungsprozess. Die Neuartigkeit des Fortschritts wird die Praxis der Krebsversorgung mit neuartigen Herausforderungen konfrontieren.

Unsere Gesundheitssysteme müssen sich auf den neuen Fortschritt in der Onkologie einstellen - auf das neue Tempo und auf die neue Qualität des Fortschritts. Beides erfordert fundamentales Umdenken, nicht nur in der klinischen Praxis, sondern in weiten Teilen unserer Gesundheitssysteme.

Was bedeutet das konkret? Was ist nötig, um die modernen Krebsmedizin in therapeutische Realität zu übertragen?

Jedes Land hat sein eigenes Gesundheitssystem, spezifische wirtschaftliche Bedingungen, eigene Zulassungs- und Kostenerstattungsverfahren, historisch gewachsene Versorgungsstrukturen sowie eigene diagnostische und medizinische Standards.

Diese Heterogenität der Gesundheitssysteme geht Hand in Hand mit einer Heterogenität der Anforderungen an dieselben. Eine globale Erfolgsformel kann es deshalb nicht geben. Es gibt jedoch einige grundsätzliche Faktoren, die als Rückgrat einer zukunftsorientierten Krebsversorgung in modernen Industrienationen taugen:

Flexibilität, Kooperationsbereitschaft und die konsequente Orientierung an dem Ziel einer bestmöglichen medizinischen Versorgung von Krebspatienten.

Konkret heißt das: Wir brauchen integrierte, vernetzte Versorgungsstrukturen, in denen neue Therapien ihr Potenzial voll entfalten können und schnell zum Patienten gelangen. Nehmen wir das Beispiel der personalisierten, stratifizierten Therapien, die auf das genetische Profil von Tumoren ausgerichtet sind.

Hier gab es in den letzten Jahren große therapeutische Durchbrüche bei schwer zu behandelnden Tumorerkrankungen. Diese sind aber noch nicht bei allen Patienten angekommen, die davon profieren könnten.

Der Grund: Die für den Einsatz der zielgerichteten Therapien erforderliche molekulargenetische Tumortestung ist in vielen Ländern bei einigen Krebserkrankungen noch nicht flächendeckend in die klinische Routine integriert. Diese Situation finden wir selbst in hoch entwickelten Gesundheitssystemen vor, wie zum Beispiel in Deutschland.

Um sicherzustellen, dass jeder Krebspatient die Chance erhält von personalisierten Ansätzen zu profitieren, sind flächendeckende Therapienetzwerke erforderlich, in denen moderne Diagnostik routinemäßig erfolgt und Patienten auf ihrem individuellen Behandlungsweg gemäß des aktuellen Stands der Medizin begleitet werden.

Wie kann das in einem komplexen Gesundheitssystem wie Deutschland funktionieren?

Moderne Gesundheitssysteme wie das deutsche sind durch ein hohes Maß an Komplexität, Regulierung, Spezialisierung und Ausdifferenzierung charakterisiert. Unverzichtbar ist deshalb Flexibilität und interdisziplinäre Kooperation: Mit statischen Rollenmustern werden wir den Anforderungen moderner Krebsmedizin nicht gerecht, weder jetzt und erst recht nicht in Zukunft.

Onkologen, Pathologen, Krankenhausverwaltungen, Pflegepersonal, Krankenkassen, gesundheits- und forschungspolitische Organe, Industrie, universitäre Forschung und Patientenorganisationen: alle Beteiligten sind gefragt, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und konstruktiv zusammenzuarbeiten.

Hürden ebenso wie Chancen erkennen und anerkennen und dann die richtigen Allianzen schmieden, um partnerschaftlich an Lösungen zu arbeiten - das ist der Weg, um langfristig eine Gesundheitsversorgung zu sichern, in der Krebspatienten schnell und umfassend am neuen Fortschritt in der Krebsmedizin teilhaben.

Bei Pfizer Oncology haben wir das verstanden. Wir ziehen uns schon lange nicht mehr auf die Rolle des bloßen Lieferanten von Medikamenten zurück. Wir beteiligen uns am Dialog und setzen bereits seit Jahren auf Vernetzung und neue Formen der partnerschaftlichen Zusammenarbeit.

Nur so können die rasanten und tiefgehenden Fortschritte in der Krebsmedizin zum Patienten gelangen und in realen Patientennutzen transferiert werden. Und - bei allen Forschungserfolgen -, das ist es worum es letztlich geht.

Herr Professor Kosch, vielen Dank für das Gespräch.

Brustkrebs früh erkennen: Die Brust selbst abtasten

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite