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Deutschlands Magen-Darm-Ärzte setzen sich konsequent für Vorsorge und Früherkennung bei Darmkrebs ein

24/09/2015 14:43 CEST | Aktualisiert 24/09/2016 11:12 CEST
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Ein Interview mit dem Bundesvorsitzenden des Berufsverband der Gastroenterologen, Franz Josef Heil zur Qualitätssicherung in der Praxis und dem Benefit einer flächendeckenden Versorgung mit Fachärzten in Deutschland

Netzwerk gegen Darmkrebs: Der bng feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Wenn Sie einen Blick zurück werfen auf die Intention und den mit der Gründung verbundenen Zielen des Verbandes, wie weit sind Sie auf dem Weg gekommen den Sie sich vorgenommen hatten?

Dr. Franz Josef Heil: Der bng hat als eine Arbeitsgemeinschaft angefangen, als es erst sehr wenige niedergelassene Magen-Darm-Ärzte gab. Es galt, vor allem als eigene Fachgruppe zusammenzufinden und wahrgenommen zu werden. Aber man musste sich auch gegenüber den Krankenhäusern und anderen Facharztgruppen behaupten. Das ist mit viel Engagement der Pioniere des Verbandes gelungen. Heute ist der bng ein wichtiger Berufsverband, der sich auf allen Ebenen etabliert hat und gehört wird.

NgD: Im BNG sind fast 90 % aller niedergelassenen Gastroenterologen organisiert. Was trägt Ihrer Meinung nach maßgeblich zu der offensichtlich hohen Attraktivität des Verbandes bei? Weshalb werden die Gastroenterologen Mitglied?

Heil: Ich finde es richtig und wichtig, dass Vorstand und Beirat rein ehrenamtlich tätig sind. Wir arbeiten alle mit vollem Einsatz in unseren Praxen und kennen die Probleme aus der täglichen Arbeit. Unsere Mitglieder spüren, dass wir wirklich wissen, wo der Schuh drückt, was sie interessiert. Es ist ganz wichtig, dass wir nie den Kontakt zu unseren Mitgliedern verloren haben. Wir versuchen, eine große „bng-Familie" zu bleiben, und so fühlen sich auch alle, wenn wir auf unseren Tagungen und Regionalversammlungen zusammenkommen. Außerdem bieten wir unseren Mitgliedern vieles, was sie jeden Tag brauchen: Gemeinsamer Einkauf zu besonders günstigen Preisen, Fortbildungen auf hohem Niveau, Beratung zu Hygiene, wirtschaftlichen und juristischen Fragen. Vor allem aber vertrauen unsere Mitglieder darauf, dass wir im Dschungel der Berufspolitik engagiert und mit Kompetenz ihre Interessen vertreten.

NgD: Neben Ihrem Verband gibt es die traditionsreiche, wissenschaftliche Gesellschaft DGVS, die sich intensiv um das Thema „From Bench to Bedsite" kümmert. Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit der DGVS geregelt, gibt es gemeinsame Projekte und Initiativen?

Heil: Wir sind ein Berufsverband, die DGVS eine wissenschaftliche Gesellschaft. Auch wenn es in den ersten Jahren nicht immer reibungslos lief, so haben wir inzwischen eine hervorragende und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Unsere Mitglieder sind in der Regel auch Mitglieder in der DGVS. bng und DGVS haben dieselbe Mitgliederzeitschrift. Die DGVS weiß, dass wir große Kompetenz auf dem Gebiet der Berufspolitik haben, wir sehen und brauchen die hohe wissenschaftliche Kompetenz der Fachgesellschaft. Wir kooperieren bei der Erstellung von Leitlinien, wo inzwischen über den bng immer auch niedergelassene Ärzte und Ärzte mitarbeiten. Ein zweites Beispiel ist unsere gemeinsame Mitarbeit beim Nationalen Krebsplan.

NgD: Ein Blick auf einige europäische Nachbarländer zeigt, wie viele der Aufgaben, die in Deutschland von niedergelassenen Gastroenterologen wahrgenommen werden, zum Aufgabenbereich der dortigen Kliniken und Polikliniken gehören. Wie lässt sich aus Ihrer Sicht diese unterschiedliche Situation erklären und sehen Sie Vorteile für den Patienten in unserer Struktur?

Heil: Tatsächlich gibt es nirgendwo das deutsche System von selbständigen Facharztpraxen, vor allem auch von hochspezialisierten Fachärzten. Das hat in Deutschland eine lange Tradition. Bereits 1886 hat Ismar Boas, einer der Pioniere der Gastroenterologie, eine „Spezialpraxis für Magen- und Verdauungskrankheiten" eröffnet. Für die Patienten hat die flächendeckende Versorgung in unseren Facharztpraxen sehr große Vorteile. Die Wartezeiten z.B. auf eine Magen- oder Darmspiegelung sind im internationalen Vergleich sehr kurz, jeder Patient kann ohne Hürden einen Facharzt aufsuchen, wird immer vom Chef oder der Chefin persönlich behandelt, und die Preise, den diese Facharztbehandlungen kosten, sind mit die niedrigsten in Europa. Das alles ist nur in der Praxis mit ihrer schlanken Organisation, ihrer hohen Spezialisierung und mit hohem Engagement der Praxisinhaber zu schaffen. In vielen Ländern führt das Klinik-/Polikliniksystem zu einer für uns nicht akzeptablen Rationierung von Facharztbehandlungen. Das gibt es bei uns zum Glück nicht. Die bei uns übliche Trennung von ambulanter und stationärer Behandlung erfordert allerdings auch eine gute Vernetzung. Damit tut sich unser Gesundheitssystem noch etwas schwer. Der bng sieht in der reibungslosen Zusammenarbeit von Praxen und Kliniken eine der großen Herausforderung der nächsten Jahre. Die Gründung von Darmzentren und die sogenannte ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) hat genau diese Zusammenarbeit als Zielsetzung. Ich erwarte, dass sich hier noch viel verändern wird. In Zukunft werden vielleicht viele Ärzte sowohl in der Praxis wie auch im Krankenhaus arbeiten und damit die Vernetzung komplettieren.

NgD: Der bng ist satzungsgemäß die berufspolitische Vertretung des niedergelassenen Gastroenterologen gegenüber allen anderen „Playern" im Gesundheitsbereich. Wie schaffen Sie es, eine der wichtigsten Aufgaben, die kontinuierliche Fort- und Weiterbildung Ihrer Kollegen, so zu organisieren, dass der einzelne Arzt seiner Arbeit stets auf der Basis des aktuellen medizinischen Fachwissens nachkommen kann?

Heil: Zum Glück ist das Angebot an guter Fortbildung heute sehr groß, so dass wir als bng das nicht alleine leisten müssen. Unsere bng-Fortbildungen sind aber von vielen Kollegen sehr geschätzte Veranstaltungen. Sie zeichnen sich durch ein hohes Niveau, Unabhängigkeit und die besondere Ausrichtung für die Arbeit in der Praxis aus. Deshalb sind solche Tagungen und Meetings ein wichtiger Schwerpunkt des Vorstands und unserer Fachgruppen. Zur Organisation haben wir die bng-Service GmbH, denn hier braucht man ein professionelles Team.

NgD: Ist zur kontinuierlichen Fort- und Weiterbildung nicht auch der intensive, interdisziplinäre Austausch mit Kollegen aus den benachbarten Fachgebieten, wie z. B. den niedergelassenen Onkologen außerordentlich wichtig? Müssen Mediziner nicht insgesamt interdisziplinärer arbeiten?

Heil: Der bng arbeitet berufspolitisch mit dem Berufsverband der niedergelassenen Hämato-Onkologen, dem BNHO, sehr eng und freundschaftlich zusammen. Die fachliche Zusammenarbeit wird vor allem vor Ort in den Darm- bzw. Darmkrebszentren geleistet. Hier treffen sich regelmäßig die Kollegen der verschiedenen Fachrichtungen - Gastroenterologen, Chirurgen, Onkologen, Radiologen, Strahlentherapeuten, Pathologen. Hier hat man ein Forum, wo gemeinsame Patienten vorgestellt und über die beste Therapie diskutiert wird. Etwa 75 % unserer Mitglieder arbeiten bereits in solchen Netzwerken mit.

NgD: Die alte Volkswahrheit, dass die beste Krankheit diejenige ist, die man gar nicht erst bekommt, impliziert, dass gerade auch die Gastronenterologen aufgerufen sind, sich kontinuierlich für Prävention und Früherkennung, speziell von onkologischen Erkrankungen wie Darmkrebs einzusetzen. Welche Schwerpunktaktivitäten haben Sie zu diesem Thema entwickelt?

Heil: Die Darmkrebsvorsorge ist tatsächlich ein ganz wichtiger Schwerpunkt der Arbeit des niedergelassenen Magen-Darm-Arztes. Der bng hat deshalb schon vor vielen Jahren die Vorsorgedarmspiegelung in den Praxen gefördert. 2008 haben wir die Kampagne "ich geh da hin" gestartet. Inzwischen haben wir auf dem Gebiet der Darmkrebsvorsorge die Zusammenarbeit mit anderen Gruppen, wie z.B. dem Netzwerk gegen Darmkrebs und der Felix-Burda-Stiftung intensiviert, um so oft wie möglich gemeinsame Wege zu gehen. So sind wir auch seit Jahren beteiligt an der Finanzierung der begehbaren Darmkrebsmodelle, die bei der Felix-Burda-Stiftung ausgeliehen werden können.

NgD: Mit dem Krebsfrüherkennungs- und Registergesetz (KFRG) ist ein außerordentliche wichtiger Schritt zur Verbesserung der Versorgung in Deutschland gemacht worden, bei dem allerdings nach Meinung vieler Experten, das Thema familiäres Risiko noch nicht zufriedenstellend gelöst ist. Gibt es in Ihrem Verband Ideen und Ansätze, wie man dieses Problem zum Wohle der Patienten besser in den Griff bekommen könnte?

Heil: Das KFRG ist ein wichtiger Schritt nach vorne, auch wenn die Umsetzung etwas schleppend verläuft. Es ist gut, dass das Problem „familiärer Darmkrebs" im den Nationalen Krebsplan aufgenommen wurde. Neben Information der Bevölkerung läuft ein ganz wichtiger Weg, familiäre Darmkrebsvorsorge zu betreiben, über die an Darmkrebs erkrankten Menschen. Diese Menschen sind unsere Patienten. Wir sehen sie bei der Erstdiagnose, aber auch im Rahmen der Nachsorge. Bei diesen Gelegenheiten müssen wir die Patienten und ihre Familien noch konsequenter und besser ansprechen. Jeder, der selbst an Darmkrebs erkrankt ist, wird dieses Schicksal seinen Angehörigen ersparen wollen. Wir sind im Moment dabei, diese Ansprache zu intensiveren und Informationsmaterial zur Weitergabe an die Patienten und ihre Familien zu erstellen.

NgD: Die Gastroenterologen sind darauf angewiesen, dass ihre Arbeit durch Innovationen der Medizintechnik weiter verbessert wird - von der Diagnostik bis hin zur Dokumentation. Sehen Sie hier neue Ansätze, die Ihre Arbeit verbessern und erleichtern könnten?

Heil: Magen-Darm-Ärzte haben einen engen Bezug zur Medizintechnik. Neue Techniken interessieren uns daher sehr, und natürlich wollen wir sie auch einsetzen. Der Einzug der hochauflösenden Endoskopietechnik mit HD-TV und virtueller Anfärbung in die Praxen der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte ist bereits weitgehend erfolgt. So interessant und wichtig der medizinisch-technische Fortschritt ist, so kostet er meistens Geld. Viele neue diagnostische und therapeutische Techniken scheitern derzeit an den Kosten. Die Einführung von neuen Verfahren in den Katalog der ambulant erbringbaren Leistungen ist ein fast aussichtsloses Verfahren, weil niemand das Geld dafür aufbringen will. So bleibt - und damit sind wir absolut unzufrieden - oft nur der stationäre Bereich für den Fortschritt offen, was natürlich noch teurer ist. Trotzdem ist das für uns noch ein Grund mehr, Kooperationen mit den Klinken zu suchen.

NgD: Abschließend noch eine Frage zur Umbenennung Ihres Verbandes in „Magen-Darm-Ärzte": Was waren die Beweggründe für diese Umbenennung und gibt es bereits erste Erfahrungen mit dem Auftritt?

Heil: Wir haben unseren Berufsverband nicht umbenannt und werden es auch nicht tun. Der bng bleibt der bng. Wir haben aber festgestellt, dass unsere Patienten bzw. die Bevölkerung mit der Facharztbezeichnung "Gastroenterologe" nichts anfangen können. Das war für uns Beweggrund, den schon über 100 Jahre alten Begriff "Magen-Darm-Ärzte" wieder mit neuem Leben zu füllen. Den Begriff versteht jeder. Wir machen deshalb inzwischen alle unsere Informationen und Auftritte in der Öffentlichkeit unter diesem neuen Label. Unser neues Webportal MAGEN-DARM-AERZTE.de ist seit März 2015 online und wird inzwischen schon sehr gut und mit steigender Tendenz als Informationsquelle zu Fragen rund um unser Fachgebiet angenommen.

Herr Dr. Heil, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Dr. Georg Ralle, Generalsekretär des Netzwerk gegen Darmkrebs e.V.

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