BLOG

Eine offene Plattform fĂŒr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Geertje Tutschka Headshot

THE PINK ELEPHANT IN THE ROOM...

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PINK ELEPHANT
Chris Clor via Getty Images
Drucken

„Wer, wenn nicht wir...", so RA Schellenberg, der PrĂ€sident des Berufsverbandes der deutschen Anwaltschaft, auf der Mitgliederversammlung und Vorstandswahl in Essen.

„Wer, wenn nicht wir, setzen uns fĂŒr Recht und Gerechtigkeit ein - jeden Tag." Zustimmendes Nicken im Berufsverband DAV.

Die deutsche Anwaltschaft ist in der Zukunft angekommen.

Nein, hier geht es nicht um Legal Tech - wie auf dem soeben eröffneten Anwaltstag in Essen. Es geht um das GenderverhĂ€ltnis im Berufsstand - das viel zitierte „AnwĂ€ltinnenproblem" (siehe dazu auch meinen Beitrag „Justitia wir haben ein Problem...")

Mit knapp 45 % AnwĂ€ltinnen und ĂŒber 55 % Jurastudentinnen ist der Trend eindeutig und unumkehrbar. Angeblich prognostizierte die Zukunftsstudie der Prognos AG, die der DAV beauftragt hatte, schon vor knapp 5 Jahren der Anwaltszunft einen ĂŒberdurchschnittlich hohen Zuwachs an weiblichen BerufstrĂ€gern. TatsĂ€chlich hatte man aber lediglich die Überschrift gelesen „Die Zukunft der Anwaltschaft ist weiblich". Gemeint war jedoch mehr als ein ausgewogenes GeschlechterverhĂ€ltnis in der Legal Branche. Wer die Zukunftsstudie tatsĂ€chlich gelesen hatte, den erwartete eine Überraschung: ging es doch darum, dass sich nicht die Branche, sondern der Markt verĂ€ndern wird: dass nĂ€mlich der Markt der juristischen Rechtsberatung (bzw. der juristischen Dienstleistung im allgemeinen) zukĂŒnftig von den AnwĂ€lten mehr von den QualitĂ€ten einfordern wĂŒrde, die gemeinhin als „typisch weiblich" eingestuft werden. Ein Schlag ins Gesicht und eine rote Warnlampe fĂŒr die deutsche Rechtsbranche, die sowohl im Branchenvergleich innerhalb Deutschlands als auch im internationalen Vergleich der Legal Branche traditionell Geld, Macht und Entscheidungen in die HĂ€nde weißer MĂ€nner jenseits der fĂŒnfzig legt.

Das „Anwaltsblatt" des Berufsverbandes DAV greift dieses bereits auf der Jahrestagung des Berliner Institut fĂŒr Anwaltsrecht (11/2016) diskutierte Anwaltsmarktthema in seiner aktuellen Ausgabe 05/2017 zum Deutschen Anwaltstag auf (siehe beispielsweise den Beitrag von Prof. em. Dr. Koch, HumboldtUni Berlin, der gleich mehrfach Bezug auf unsere BeitrĂ€ge und Workshops zu diesem Thema aus 2013 und 2014 nimmt).

Dem ausgewogenen GenderverhĂ€ltnis stehen das GenderPayGap von knapp 30% (GELD), der weibliche Partneranteil in Kanzleien von nur 10 % (MACHT) und die minimale weibliche Postenquote bei BerufsverbĂ€nden und Kammern (ENTSCHEIDUNGEN) gegenĂŒber. Gerade feierte der DAV die Erhöhung der Referentinnenquote in den Verbandsveranstaltungen in den letzten 5 Jahren auf 31 % - trotz Referentinnenpool. PrĂ€sidentinnen gab es in den Vertretungen noch nie. Ebenso wie weibliche PreistrĂ€gerinnen bei den jĂ€hrlich 5 zu vergebenden DAV-Preisen. Immerhin weißt die Kandidatenliste 2017 fĂŒr den Vorstand ein ausgewogenes VerhĂ€ltnis auf - wenn auch nicht der Vorstand dann schlussendlich selbst.

Vom Einsatz weiblicher StĂ€rken und QualitĂ€ten ist der Berufsstand weit entfernt. Und das vorhandene Potenzial wird gezielt unterdrĂŒckt.

Ist das bloß das gesellschaftliche Abbild in unserem Berufsstand? Oder waren AnwĂ€ltinnen schlicht nicht qualifiziert genug? - wie Schellenberg sowohl im Beitrag des Anwaltsblattes als auch auf dem AnwĂ€ltinnenkongress auf dem DAT 2017 in Essen meint? Zwar zitiert er das Beispiel der ersten deutschen Bundes-Liga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus und ihren steinigen Weg in dieser MĂ€nnerdomĂ€ne - hĂ€lt es jedoch 2 SĂ€tze weiter eher fĂŒr Zufall, dass auch 2017 auf der Eröffnungsveranstaltung des DAT Frauen und AnwĂ€ltinnen nur als BlumenmĂ€dchen fĂŒr die ausschließlich mĂ€nnlichen Referenten, PreistrĂ€ger und Keynotespeaker (Juristen, Politiker und andere) aufs Podium kommen. „Es war"- so Schellenberg - „ihm gar nicht aufgefallen...". Ist die deutsche Rechtsbranche und allen voran der Deutsche Anwaltsverein also noch gestriger als die MĂ€nnerdomĂ€ne Fußball? Cool wĂ€re gewesen, Bibiana Steinhaus nicht nur gegenĂŒber den AnwĂ€ltinnen zu zitieren, um sich dort „gut Wetter" zu erkaufen, sondern sie auf die BĂŒhne als Referentin zu stellen. So kann denn auch der kulturelle Schlusspunkt des DAT 2017 mit „Rigoletto" in der Essener Oper nicht als Zufallswahl interpretiert werden: eine Inszenierung, die Frauen als gruselige Zombie-Huren oder unschuldig-einfĂ€ltige Opfer mĂ€nnlicher Lust in einer MĂ€nnerwelt darstellt (Stichwort: Ist das Kunst oder kann das weg). Kolleginnen wie Kollegen hat dieser Abend verstört.

Wie glaubwĂŒrdig ist ein Berufsstand, der fĂŒr den „Kampf um Gerechtigkeit" wie kein anderer stehen will - und selbst bei der Entlohnungsungerechtigkeit ganz vorn dabei ist? Wie glaubwĂŒrdig ist ein Berufsstand, der fĂŒr Diversity eintritt und Zukunft gestalten will und doch alle Macht klassisch-konservativ besetzt?

Es ist wie mit dem vielzitierten „Pink Elephant in the room":

Indem diese Themen zu Gender Themen, zu Themen des Generation Shift gemacht werden, entledigt man sich der Verantwortung.

Die Quittung kommt prompt:

Der Berufsverband hat im letzten Jahr von 163.000 Mitgliedern 10.000 verloren. Kein Gender Problem.

Kanzleien finden keinen Nachwuchs. Verzweifelt kĂ€mpfen Sie um Generation Y ( Millennials und Digital Natives), die sich einfach nicht in die klaren Strukturen einer Aufstiegsleiter vom Associate zum Partner mit maximalem Zeitaufwand eingliedern wollen (hierzu der Artikel „Fix the firm..." von Hartung und Ziercke im Anwaltsblatt). Auch das kein Gender Thema.

„Wer, wenn nicht wir, setzen uns fĂŒr Recht und Gerechtigkeit ein - jeden Tag."

Ein Berufsstand, der fĂŒr Recht und Gerechtigkeit eintritt und damit sein tĂ€glich Brot verdient, sollte sich schĂ€men, dass Schlusslicht bei „gleiches Recht fĂŒr alle" zu sein.

VerÀnderung ist nicht einfach. Und definitiv jenseits der Komfortzone. Doch es ist unsere verdammte Pflicht, wenn wir als Juristen professionell sein wollen.

Das Gender Pay Gap ist kein Problem der AnwÀltinnen. Es ist ein Problem der Legal Branche.

The Pink Elephant in the room.

In diesem Sinne -

Herzlichst,

Ihre Dr. Geertje Tutschka, ACC

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂŒr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.