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Was über Mobbing schon lange mal gesagt werden sollte

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MOBBING STOP
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Mobbing tritt bekanntlich überall da auf, wo Menschen freiwillig oder auch gegen ihre Willen sozial interagieren. Ich beschäftige mich mit einer spezifischen Art dieses Gewaltphänomens: Mobbing an Schulen. Auslöser dafür war der 20. April 1999, das Massaker an der Columbine High School, welches 15 Menschen den Tod brachte.

Seit damals stelle ich fest, dass in unerträglicher Regelmäßigkeit bei der Aufarbeitung solcher Dramen eine offensichtliche Diskrepanz besteht zwischen dem was Politiker und Pädagogen dazu verlautbaren lassen und dem, was wirklich Sache ist: Verschwiegen wird der kausale Zusammenhang zwischen Mobbing und Schulmassakern!

Während meiner Recherchen wurde mir eines bewusst: Wer sich mit den grausamen Konsequenzen von Mobbing an Schulen beschäftigt, verlässt die sicheren Gefilde der menschlichen Zivilisation und betritt ein Kriegsgebiet. In dieser Zone der Barbarei spielt sich alles ab, was an Niederträchtigkeiten existiert: gemeine Schikanen und demütigende Behandlungen jedweder Couleur, Missbräuche, sowohl psychisch als auch sexuell, sowie körperliche Gewalt bis hin zum Exzess.

"Mobbing ist systemimmanent."

An dieser Stelle gilt es, einen weitverbreiteten Irrtum aus der Welt zu schaffen: Wer Mobbing als Nebenerscheinung schulischer Gewaltstrukturen missversteht, reduziert die Diskussion um jenen Punkt, der das herrschende Bildungssystem, bestehend aus Schulpflicht und Lehrplanpädagogik, mitten ins Herz träfe.

Mobbing ist nicht ein Phänomen, das auftritt, wenn an einer Schule etwas aus dem Ruder läuft. Mobbing ist systemimmanent, gleichsam Schule an sich! Schule in ihrer unverfälschtesten Form. Schulpflicht sorgt dafür, dass es für Gemobbte kein Entrinnen gibt, und Lehrplanpädagogik sieht die Bewältigung von Unterrichtsstoff im Rahmen einer festgelegten Zeit vor, innerhalb derer die Ängste und Leiden gepeinigter Opfer als temporäre Störfaktoren „behandelt" werden (müssen).

Um es ganz konkret zu machen: In der Wirtschaft hat jeder Arbeitnehmer seine Interessensvertretung und kann als letztes Mittel der Befreiung seine Kündigung einreichen. Einem Schüler, welcher, wie in der Bundesrepublik Deutschland, per Gesetz zum Schulbesuch verpflichtet ist, steht diese Möglichkeit nicht offen, und seine Gewerkschaft muß erst noch erfunden werden. Er ist allein. Daran ändern auch systemstabiliserende Alibiposten wie Streitschlichter, Schul- und Klassensprecher nichts.

Nirgends werden die gesundheitsschädlichen und geistzersetzenden Folgen des inhumanen Verbildungsapparates deutlicher erkennbar, als in den verzweifelten Gesichtern all jener, die tagtäglich systematischem Mobbing hilflos ausgeliefert sind. So etwas verhindert nicht nur Bildungskarrieren, es zerstört Leben und Psyche.

Posttraumatische Stresssyndrome können Folge sein

Der Horror endet für Mobbingopfer auch nicht mit Beendigung der unseligen Schulzeit: posttraumatische Stresssyndrome, Ausschluss vom privilegierten Arbeitsmarkt wegen fehlender Abschlüsse und ein hoffnungslos ramponiertes Selbstwertgefühl seien als knappe Stichworte genannt. - Dass heute auch Lehrpersonen vermehrt von Mobbing betroffen sind, macht die Sache nicht besser. Es zeigt jedoch, dass der Sog schulischer Gewaltstrukturen stärker wird und inzwischen sogar Verantwortungsträger und Autoritäten ins Verderben mit hineinzieht.

Zum kausalen Zusammenhang zwischen Mobbing und den Schulmassakern: Gewiss sind nicht ausnahmslos alle Bluttaten solcher Art ursächlich auf Mobbing zurückzuführen. Definitiv aber die meisten. Allzu oft ist der öffentliche Diskurs über School Shootings, wie Schulmassaker fachsprachlich genannt werden, auf die Bekämpfung oberflächlicher Symptome fixiert und nicht auf die Beseitigung der eigentlichen Ursache.

Amokschützen huldigten demnach exzessivem Konsum von Gewaltvideospielen sowie satanischer Rockmusik, seien medikamentenabhängig, hoffnungslose Waffennarren, generell sadistisch motivierte Gewaltfreaks und stammten aus einem asozialen Elternhaus. Wer sich die Mühe macht und die geistigen Hinterlassenschaften der Täter gewissenhaft unter die Lupe nimmt, wird erkennen müssen, dass diese standardisierten Erklärungsmuster nur in den allerwenigsten Fällen einer Überprüfung der realen Fakten standhalten können.

Wussten Sie z. B., dass Bastian Bosse, der Amokläufer von Emsdetten (Nordrhein-Westfalen), bereits Jahre vor seiner am 20.11.2006 ausgeführten Tat von Klassenkameraden mit glühenden Fahrradschlüsseln misshandelt wurde und nach dieser traumatischen Erfahrung nie mehr wieder an seiner Schule soziale Kontakte knüpfen konnte? Haben Sie jemals sein von Verzweiflung, Wut und versteckter Scham geprägtes Testament im Internet gelesen? Oder seine Blogeinträge, in denen er verbittert gegen seine Isolation anschrieb und das seiner Meinung nach gewollte „Versagen" der ihn unterrichtenden Lehrer beim Namen nannte? Vermutlich nur, wenn Sie mit der Materie vertraut sind und auf eigene Faust Informationen eingeholt haben.

Rache für erlittene Qualen

Keineswegs ist zu bestreiten, dass jemand, der bewaffnet eine Schule betritt, im psychiatrischen Sinne abnorm ist. Doch was trieb ihn in die Fänge des Wahns? Weshalb wählt ein solcherart Entseelter ausgerechnet seine Schule als Schauplatz des Verbrechens? Ginge es nur darum, einen möglichst hohen Blutzoll zu erreichen, böte sich jede belebte Fußgängerzone als ergiebigerer Ort des Schreckens an. Das Motiv jedoch ist Rache für erlittene Qualen.

In den Texten von Bastian Bosse, der mit seiner Biographie stellvertretend das Gros aller Schulamokläufer seit dem Millennium präsentiert, wird schrittweise ersichtlich, wie ein junger, sensibler, hochintelligenter, in einem völlig normalbürgerlichen Familienumfeld aufgewachsene Mann unter dem Druck schulischer Gewaltstrukturen innerlich zerbricht und am Ende selbst zum Gewalttäter wird.

Amokschützen sind Ausdruck dessen, was Mobbing in den Köpfen der Gepeinigten anrichten kann. Sie, die jahrelang in Klassenzimmern, auf Fluren, in Turnsälen und auf Pausenhöfen wie ein Pingpongball hin und her geschossen worden sind, erweisen sich letztlich als wahre Musterschüler, wenn sie auf alles schießen, was ihnen vor die Flinte kommt.

Ihre sinnlosen, blutigen Taten zeigen auf, dass die an ihnen verübte, nicht minder sinnlose psychosoziale Selektion und Gewalt bis in die letzten Hirnwindungen greift. Die Anerkennung dieser bitteren Tatsache muss eine um Waffen- und Computerspielverbote sich mühende Gesellschaft erst noch begreifen lernen.

Gleichwohl Zeitungen, Radiostationen, Fernsehsender und Internetforen randvoll mit Berichten über Mobbing sind, werden nur vereinzelt die richtigen Rückschlüsse gezogen. Schulamokläufe sind keine unabwendbaren Naturkatastrophen. Diese Kapitalverbrechen sind, so schwer das für Außenstehende auch nachvollziehbar sein mag, das Ergebnis eines Verbrechens davor.

Nichtbetroffene haben keine Ahnung

Weil keiner, der es nicht selbst erlebt hat, weiß, was es für Schulopfer bedeutet, ständig verachtenden Blicken, Verspottungen und Denunziationen Anderer ausgesetzt zu sein, denn falsche Zungen können töten. Ein Nichtbetroffener hat keine Ahnung davon, was es heißt, jede Nacht nicht einschlafen zu können, weil der kommende Tag wie ein mit Siebenmeilenstiefeln herannahender Tod gefürchtet wird.

Keiner weiß, was ein Kind in den Pausen nervlich durchmacht, wenn es in der Stunde zuvor von Lehrern zum Abschuss freigegeben worden ist. Keiner kann sich im Kopf die Hexenjagd auf ein wehrloses Mädchen ausmalen, das von Burschen ständig begrapscht und mit sexuellen Diskriminierungen überhäuft wird.

Keiner weiß, was es heißt, als Einzelner von einer ganzen Gang bis zum letzten Cent abgezockt oder unter Androhung von Prügel auf Herausgabe von Schutzgelder erpresst zu werden. Keiner kann sich die Entwürdigung vorstellen, am Klo angepinkelt zu werden oder fremden Urin trinken zu müssen. Keiner weiß, wie es ist, ständig davor Angst haben zu müssen, dass Unterrichtsmaterial versteckt, Alltagskleidung beschädigt und das Pausenbrot mit Exkremente beschmiert wird.

Keiner weiß, was es heißt, bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit angepöbelt, bespuckt, getreten, ausgelacht, gekniffen, bestohlen, geschlagen, mit verletzenden Spitznamen gedemütigt, in Mülltonnen gesteckt oder mit Zigaretten gebrannt zu werden.

In diesem Zusammenhang sei an einen Nachahmungstäter von Bastian Bosse erinnert: Georg R. trug am 17.09.2009, als er an einem Gymnasium in Ansbach (Mittelfranken) zur Waffe griff, ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Made in School". - Ein Gänsehaut auslösendes Exempel der Selbstreflexion, wie ich finde.

Der bisherige Höhepunkt meiner mittlerweile schon 16 Jahre währenden Dauerbeschäftigung mit dem Thema >>Schulmobbing und seine katastrophalen Folgen<< ist die Veröffentlichung eines 518 Seiten starken Romans unter dem weiblichen Pseudonym Frieda Norka. Das Buch beinhaltet sowohl fiktive als auch dokumentarische Kapitel und ist in dem auf schul- und erziehungskritische Literatur spezialisierten Verlag tologo aus Leipzig erschienen. - Sein Titel: „Rückkehr ins Kinderseelen-KZ".

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Nachdem ich feststellen musste, dass zwar in der Öffentlichkeit aus zweiter Hand stets sehr viel ÜBER Schulamokläufer fabuliert und gemutmaßt wird, dabei aber fast immer die Beweggründe und Vorgeschichte ihrer Taten ausgeklammert werden, entschied ich mich für einen radikalen Weg.

„Rückkehr ins Kinderseelen-KZ" wird daher zu einem Gutteil aus der Perspektive eines Mobbingopfers geschildert, das Jahrzehnte später in Folge eines Rachefeldzuges bei einem Klassentreffen zum Massenmörder wird. Ein Zitat von George Orwell diente während des Schreibens als Richtschnur: „Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Leuten genau das zu sagen, was sie nicht hören wollen." - Abgerundet wird "Rückkehr ins Kinderseelen-KZ" durch nicht minder detailliert ausgeführte Kapitel über die mediale Behandlung von Schulamokläufen, wissenschaftlich fundierte Reflexionen in Interviewform und eine aussagekräftige Chronik über Gewalttaten an Bildungseinrichtungen weltweit.

Der Roman ist gewidmet dem zu lebenslanger Haft verurteilten Amerikaner Jason McLaughlin, der 2003 zwei Klassenkameraden erschossen hatte. Niemand sah im Vorfeld auch nur das geringste Anzeichen dafür, dass der stets freundlich und hilfsbereit auftretende Jason zu einer solchen Tat fähig wäre. Der spätere Mordprozess brachte Licht ins Dunkel: McLaughlins Anwalt berichtete, dass sich sein Mandant von einem der Getöteten regelrecht verfolgt gefühlt habe. Ständig sei er Schmähungen übelster Art ausgesetzt gewesen, z.B. hatten Mitschüler Jason aufgrund seiner Akneprobleme den Zweitnamen >>Pizzagesicht<< verpasst. Der tägliche Gang zur Schule - für den sensiblen, zart gebauten Jason war es ein Trip in die Hölle.

Ein unabhängiger Gutachter bestätigte das Plädoyer der Verteidigung, indem er klipp und klar feststellte, dass der Angeklagte als Folge der nie endenden Diskriminierungen einen dauerhaften seelischen Schaden erlitt.



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