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Flüchtlinge - ein Versuch der Aufarbeitung

09/01/2016 14:44 CET | Aktualisiert 09/01/2017 11:12 CET
DPA

Als sie bis Anfang 2015 hauptsächlich mit alten Booten nach Lampedusa kamen und viele Männer, Frauen und Kinder ertranken, waren wir froh, dass die Italiener die Probleme mit den Flüchtlingen hatten.

Wir konnten am Fernseher die gespenstischen Szenen mit großem Sicherheitsabstand verfolgen. „Arme Teufel", dachten viele, „den Mut zur Überfahrt hätte ich nicht." Und wir glaubten, dass sich schon irgendjemand wie UNO, EU, Rotes Kreuz oder sonst wer um die Leute kümmern würde.

Das änderte sich im Sommer 2015 schlagartig, als sich die Fluchtbewegung über die Türkei und Griechenland auf die Balkanroute verlagerte. Jetzt hatten die armen Teufel plötzlich Gesichter, die jeden Abend bei den Nachrichten in unsere Wohnzimmer schauten. Und sie kamen immer näher.

In diesen Tagen spaltete sich unser Land. Politiker und Menschen aus der Gruppe derer, die sich schon damit abgefunden hatten, dass wir wegen des Geburtenrückgangs langsam aussterben würden, schöpften neue Zukunftshoffnung durch Zuwanderung schöpften. Dann wie immer, die Gruppe der Bedenkenträger, mahnend aber inhaltsleer.

Im Schatten der Pragmatiker und der Skeptiker wechselte die von Pegida, AfD, NPD und Teilen der CSU angestachelte „schweigende Mehrheit" in die Gruppe derer, die Frau Merkel kritisierten und verdammten. Die Angsthasen selbst wurden zu Angstmachern. In deren Schatten wiederum fühlten sich militante und rücksichtslose Gestalten ermutigt, Asylantenheime anzuzünden und auch vor persönlichen Angriffen auf Flüchtlinge nicht mehr zurückzuschrecken.

Es wurde an die niedrigen Instinkte appelliert, die Neuankömmlinge raubten ihnen Sozial-Unterstützung und Arbeitsplätze. „Merkel muss weg" wurde Salon- und Talkshowtauglich, die Rechten mussten sich „Pack" und „Gesindel" nennen lassen, verbal wurde aufgerüstet.

Parallel dazu präsentierte sich Deutschland der Welt als das „Helle Deutschland" mit einer nie gekannten Aufgeschlossenheit gegenüber den Ankömmlingen. Als der große Marsch der 200.000 von Budapest über die Autobahn nach Bayern stattfand, entwickelte sich gegenüber den durch lebensgefährliche Bootsfahrten, körperliche Anstrengungen, Prügeleien durch mazedonische Polizisten und ungarische Uniformierte ein Mitgefühl, das schließlich in die von der Welt bestaunte Willkommenskultur mündete.

Auf der einen Seite gab es Trinkwasser, Brötchen und Teddybären, die Bewunderung für die ehrenamtlichen Helfer stieg. Auf der anderen Seite brennende Häuser und Beschimpfungen. Die Umfragewerte der Kanzlerin sanken.

Um sich und seine Furcht vor den Fremden bestätigt zu sehen, wartete man förmlich darauf, dass ein Anschlag oder ähnliches passieren würde. In der Silvesternacht war es dann so weit, jugendliche Banden versammelten sich am Dom, randalierten, raubten und griffen junge Frauen an.

Die Polizei war zu schwach, für Recht und Ordnung zu sorgen und wird von den Angreifern wohl niemals mehr respektiert werden. Sie wird verhöhnt von den Bösen und von den Schutzbedürftigen als Versager verachtet. Jede Schilderung von Tatzeugen in den Medien geriet zur unterschwelligen Anklage durch die Leute der Angstkultur „Da seht ihr, was die Merkel angerichtet hat".

Furchtbar, was die Tat und die daraus folgende Schuldzuweisung angerichtet hat. Es gibt so gut wie keine Festnahmen, wenig Beweise, nur die Aussagen, es wären Männer aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum gewesen.

Ob Flüchtlinge oder alteingesessene Migrantenkinder, keiner weiß es genau, aber es passt halt so gut und kann ja auch stimmen. Die Taten sind abscheulich, aber 3 Fragen sollten gestattet sein:

Warum haben sich all die Frauenrechtlerinnen und Verbände nicht genauso empört geäußert, als in Bad Belzig eine hochschwangere Somalierin von Rechten verprügelt, niedergeschlagen und in den Bauch getreten wurde?

Warum kann unsere Polizei unser Schutzbedürfnis nicht mehr sichern? Warum werden so gut wie keine Brandanschläge und Angriffe auf Asylanten und -heime aufgeklärt und wenn, dann entgegenkommende Urteile gesprochen?

Warum gibt es immer noch keine zentrale Jugend-Straftäter Datei, wie es der bestens informierte Berliner Jugendrichter Andreas Müller seit langem fordert? Er meint, die wäre in 3 Wochen zu erstellen.

Statt dessen Hilflosigkeit und die Flucht in Floskeln. „wir fordern eine strenge Bestrafung", „...muss die volle Härte des Gesetzes spüren" und „die betreffenden Gesetze müssen verschärft werden". Das kommt nicht unerwartet und wird wie immer im Sande verlaufen. Ein Subalterner wird geopfert werden, er darf dann auf Steuerzahlerkosten am Rhein spazieren gehen.

Die Flüchtlinge aber werden den Makel, unter ihnen befänden sich massenhaft Taschendiebe und Vergewaltiger, nicht so schnell los werden. Sie leben unter uns nur noch auf Bewährung, ob lieb, nett und fleißig oder kriminell veranlagt.

Keiner hat bisher danach gefragt, ob wir alles richtig machen. Wir lassen die Leute, die mutig sind und so viel riskiert haben, in Auffanglagern monatelang versauern, auf dumme Gedanken kommen und unter schlechten Einfluss geraten.

Einmal in den Fängen der Bürokratie geht eben alles seinen Weg. Seit Monaten nachts bei Frost vor dem Lageso in Berlin kampieren und den Schikanen der Behörden ausgeliefert sein, ein normales Flüchtlingsschicksal? In jedem Fall ist so etwas demotivierend.

Statt der schnellen Sprüche über schärfere Gesetze und was alles noch zu tun wäre, brauchen wir eine große Entbürokratisierungswelle, alles muss einfacher, schneller und zukunftsorientierter werden. Ja, auch ruhig schärfer geregelt und mit Sanktionen verbunden. Aber tut etwas, wir fahren mit Volldampf in die falsche Richtung!

Günter Morsbach

Herausgeber „Reitender Bote -

die kürzeste Wochenzeitung der Welt"

www.reitender-bote.de

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