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Krisenpolitik: Das ist nicht mein Europa

10/11/2015 08:31 CET | Aktualisiert 10/11/2016 11:12 CET
Baluchis via Getty Images

Über die Entfremdung eines überzeugten Europäers.

Es war für unsere Väter ein gutes Gefühl, als Deutschland in die Montan-Union, dem Vorläufer der EU, aufgenommen wurde. Einmal, weil damit eine Heilung der Wunden des 2. Weltkriegs verbunden schien und zum anderen bekam das Wirtschaftswunder-Deutschland eine europäische Perspektive.

Dann kam der über die Montanindustrie hinausgehende Zusammenschluss zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG, später der Beitritt Großbritanniens und anderer westeuropäischer Länder, die Mauer stand da noch. Ich wurde als junger Mann zu einem begeisterten Europäer und freute mich auch für meine Kinder über ihre europäische Zukunft.

Beim Beitritt der Osteuropäer hatte ich nicht das „Sieger-Gefühl", die Niederlage des Kommunismus betreffend. Es stand da irgendwie das Gefühl im Vordergrund, dass man 50 Jahre Staatswirtschaft und Unfreiheit so von heute auf morgen abschütteln könne.

Das europäische Freiheitsgefühl

Dann kam Schengen, das Reisen in Europa ohne Zollkontrollen und Pass. Was für ein Freiheitsgefühl! Und dann der Euro, das Ende des Umtauschs von Lire, Gulden und Franc. Das Europafeeling war komplett.

Durch meine vielen Geschäfts- und Urlaubsreisen in die romanisch geprägten Euroländer war mir klar, dass deren Verhältnis zu Staatsschulden und Inflation mit unserem Gefühl für Stabilität und Disziplin nicht harmonieren würde. Aber, vielleicht würde ja der europäische Gedanke über nationales Laissez-faire obsiegen. Ich glaubte Kohls Versprechen, der Euro bliebe so stabil wie die Deutsche Mark. Mein Optimismus behielt die Oberhand.

Der dann folgende Beitritt der osteuropäischen und südosteuropäischen Länder brachte meine Skepsis zurück. Obwohl der Sozialismus lautstark von Verbrüderungen sprach, „Bruderländer" im wirklichen Sinn gab es nur in der Propagandawelt. Abschottung und Egoismus war Staatsräson. Und die 50 Jahre von den Sowjets demoralisierten Menschen sollten über Nacht in unsere Gemeinschaft passen?

Wir haben doch selbst 50 Jahre gebraucht, um in kleinen Schritten zusammenzuwachsen? Keine Frage, die Menschen dort wollten zur EU. Für die Politiker Osteuropas ging es um die Verlockung, mit EU-Geldern, zu einem großen Teil von Deutschland gesponsert, schneller den Anschluss an Westeuropas Lebensstandard zu erreichen.

Schulden- und Flüchtlingskrise stellen Europa auf die Probe

Die Schuldenkrise riss uns dann zum ersten mal aus den Träumen, noch waren wir nicht richtig vereinigt. Die alten Schuldenmentalitäten waren noch vorhanden und Europa zerrissen in Anhänger einer seriösen Finanzpolitik und dem Europa der Schuldenfritzen.

„Spardiktat" und andere Schimpfwörter über das in Europa so spendable Deutschland waren an der Tagesordnung. Die großen Schuldenmacher wie Frankreich und Italien haben sich mit ein paar Kompromissen bis heute durchgemogelt, ein Mentalitätswechsel ist aber nicht eingetreten.

Dann kam die Flüchtlingskrise, die den nächsten Riss verursachte. Bei der Halbierung der Finanzhilfen für das UNHCR-Programm zu Gunsten der Flüchtlings-Zeltstädte rund um Syrien waren sich alle einig, für die Folgen daraus ließen sie dann Deutschland alleine gerade stehen.

Europa war bis dahin beim Geldverteilen Spitze, beim Flüchtlingsverteilen schrumpfte es zu einem verachtungswürdigen Haufen.Von Deutschlands finanzieller Hilfe verwöhnt, machte schnell die Auffassung die Runde, man könne sich da heraus halten, die Deutschen (und Österreicher, Holländer und Schweden) sollten das mal selber lösen und die Osteuropäer in Ruhe lassen.

Die Briten schlossen sich dem an. Angeführt von Viktor Orban, dem ungarischen Premier, bauten Osteuropäer und Briten die Verweigerer-Front auf. Irgendwie genoss man es auch, mal die Deutschen leiden zu sehen.

Es folgten die Bilder von mazedonischen Polizisten beim verprügeln von Familien, die bewaffneten ungarischen Grenzsoldaten, ertrunkenen Flüchtlingen, toter Kinder, frierender und durchnässter Eltern und Kinder, die im Schlamm übernachten mussten.

Parallel dazu erlebten wir die EU-Konferenzen mit arroganten Politikern, den Aufbau von Grenzzäunen mit Nato-Stacheldraht, ein entwürdigendes Hin- und Hertreiben von Menschen, Ignoranz und Brutalität statt Humanität. Calais, Ungarn, Lampedusa, Lesbos, soll dies das neue Gesicht Europas sein?

Europa hat in seiner großen Bewährungsprobe jämmerlich versagt. Es mag ja finanziell und innenpolitisch clever sein, Deutschland und andere Staaten mit den Problemen alleine zu lassen, manch europäischer Politiker wird auch im stillen Kämmerlein vor Schadenfreude grinsen. Und ich? Ich bin stolz darauf, dass Deutschland die Herausforderung angenommen hat und der Welt ein menschliches Gesicht zeigt. Aber, dieses Europa ist nicht mehr mein Europa!!

Günter Morsbach

Herausgeber „Reitender Bote - die kürzeste Wochenzeitung der Welt"

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