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Es waren die schlimmsten 90 Minuten meines Lebens - wie ich den Anschlag vor der Londoner Moschee erlebte

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FINSBURY PARK
Reuters
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Ich habe schon geschlafen, als mich meine Mutter anrief. Sie war zum nächtlichen Gebet gegangen - in die Moschee im Londoner Stadtteil Finsbury Park.

Während des Ramadan ist sie meistens am Abend dort.

Jedes Jahr schließt sie sich einer großen Gruppe Muslime zum Beten an. Soweit ich weiß kommen Menschen aus ganz London zu dieser Moschee, die so etwas wie das Zentrum des Ramadan geworden ist.

Der Fastenmonat endet in zehn Tagen, deswegen dauern die Gebete bis zum Morgengrauen an, und die Betenden setzen sich zahlreiche religiöse Ziele für die kommenden zwölf Monate.

Ich war nicht bereit, meine Mutter auf diese Weise zu verlieren

Noch im Bett liegend ging ich an mein Telefon und meine Mutter sagte nur: "Keine Sorge, mir geht es gut - nur, falls du in den Nachrichten gehört haben solltest, was passiert ist."

Ich hatte es noch nicht gehört, da ich am nächsten Tag früh arbeiten musste und schon schlief.

Wir wohnen nur 15 Minuten von der Moschee entfernt. Ich bat meine Mutter also, dran zu bleiben und sprang mit meinem Bruder ins Auto, um sie zu holen.

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Meine Mutter jedoch wollte ihr Gebet fortsetzen, genauso wie viele Muslime in diesem Moment - trotz des Anschlags.

Ich kann die "Gott hat die Macht über mein Leben"-Sache vollkommen verstehen, aber ehrlich gesagt fragte ich mich, was Beten während eines Terroranschlags bringen sollte.

Anders gesagt: Ich war nicht bereit, meine Mutter auf diese oder eine andere Art und Weise zu verlieren.

Sie wollte allein zu ihrem Auto in der Blackstock Road gehen. Eigentlich hatte ich ihr geraten, zu fliehen, weil mir das als die einzig logische Lösung erschien - aber dann erinnerte ich mich daran, dass Logik in diesem politischen und kulturellen Klima längst zur Vergangenheit gehört.

Ich hätte niemals gedacht, einmal an einem Polizeiabsperrband zu stehen

Es gibt kein richtiges Vorgehen. Mit ihrem Khimar (den sie nur zum Beten trägt) wäre sie für jeden, der Hass im Land streuen will, ein leicht erkennbares Opfer gewesen.

Als wir ankamen, waren überall Kameras, Helikopter, Polizeibeamte, besorgte Muslime und Anwohner, die versuchten, einen Sinn im ganzen Geschehen auszumachen. Ich konnte es kaum fassen, wirklich an diesem Ort gelandet zu sein.

Ich hätte niemals gedacht, einmal an einem Polizeiabsperrband zu stehen, um ein Familienmitglied zu suchen - an einem Ort, an dem soeben ein Terroranschlag verübt wurde.

Ich weiß nicht, was diese "Personen" (ja, wir müssen das in Anführungszeichen setzen, denn wir wissen, dass die Täter Menschen sind, aber nicht, ob sie in der Lage sind, menschliche Regungen wie Gefühle und Empathie für andere zu zeigen) zu dem gebracht hat, was sie letzte Nacht getan haben.

Ich erwarte jedoch eine Antwort von Seiten der Politik.

Diese Gemeinde kann an einem Strang ziehen

Der Bürgermeister von London, die Londoner Polizei sowie der Premierminister sollten Entsetzen darüber zeigen, dass ein weißer Mann solch Schaden in einer marginalisierten Gemeinde verrichten konnte.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen muss, als Staatsoberhaupt den Anruf zu bekommen, dass ein Anschlag in der Hauptstadt verübt worden ist. Ich nehme aber an, dass das Gefühl sich nicht stark unterscheidet von dem, was ich letzte Nacht gefühlt habe.

Jeder hat - so wie ich - gesehen, wie diese Gemeinde an einem Strang ziehen kann, egal ob es sich um den Vorfall im Grenfell Tower oder um den in Manchester handelt.

Es sollte gar nicht erst so weit kommen dürfen. Das Hauptziel unserer Sicherheitskräfte sollte es sein, sich vor allem für diese Gruppen einzusetzen.

Wenn das bedeutet, dass bis zum Ende des Ramadan mehr Polizei zur Bewachung von Moscheen eingesetzt werden sollte, dann muss das geschehen.

Es gibt triftige Gründe für solch eine Maßnahme. Das politische System und die Sicherheitskräfte agieren nicht zugunsten derer, die ihre Hilfe am meisten benötigen und es erstaunt mich, wie schnell Menschen die Erfahrung anderer missachten, um die eigene Ignoranz zu rechtfertigen.

Die Medien berichten über eine "Kollision".

Dazu habe ich Fragen. Warum sprechen wir nicht über die Hautfarbe des Täters oder beschreiben sein Aussehen in der Berichterstattung?

Wahrscheinlich wurde er nicht von seinen Ideologien gesteuert, weil er weiß ist, richtig?

Wir sollen einseitiger Berichterstattung einfach blind vertrauen

Liebe Medien - werden wir von nun an also nicht mehr die Religion oder die Hautfarbe derer nennen, die solche Verbrechen begehen, und lasst ihr uns in unseren Gemeinden in Stich, damit wir die Konsequenzen ausbaden?

Glücklicherweise kann ich darüber entscheiden, wem und was ich in den Sozialen Medien folge, wo viele Instanzen und Freunde mich letztlich zu den Inhalten führen, die mich wirklich interessieren.

Ich will nicht sagen, dass wir alle nur sinnlos nachplappern, was wir lesen, aber viele von uns machen sich nicht die Mühe, sicherzustellen, dass die Nachrichten, die wir erhalten, von verifizierten und verlässlichen Quellen stammen.

Stattdessen wird von uns erwartet, dass wir einseitigen Berichterstattern blind vertrauen - obwohl deren Einseitigkeit nicht länger versteckt bleiben darf.

Meiner Mutter und mir geht es gut, aber es waren die schlimmsten 90 Minuten meines Lebens.

Ich möchte jede Person in einer Macht ausübenden Position dazu aufrufen, sich Gedanken zu machen, wie sie reagieren und dass sie auch die Sichtweise derer wiedergeben sollte, die nicht so viel Macht haben.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde aus dem Englischen übersetzt.

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