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Brav genormte Brust - was haben Frauen nur mit der BH-Größe?

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Cate Blanchett, Saoirse Ronan und Charlotte Rampling - was haben diese Schauspielerinnen neben der Oscarnominierung 2016 noch gemeinsam? Einer der schönsten Party-Schnappschüsse der diesjährigen Berlinale zeigt Karoline Herfurth neben Sibel Kekili und Aylin Tezel - was verbindet sie jenseits des roten Teppichs? Und was fällt auf, schaut man sich die reichweitenstärksten internationalen Modebloggerinnen und Instagram-Stars wie Chiara Ferragni aka The Blonde Salad oder Leandra Medine von The Manrepeller an, mit Millionen von weiblichen Followern?

Jede dieser Frauen hat eine kleine Oberweite. Und all diese Stylevorbilder schätzen wir für ihre Ausstrahlung und individuelle Form von Schönheit. Mehr noch: Sie sind Stilikonen. Eine kleine Brust wird in diesem Zusammenhang nicht als Mangel an Femininität betrachtet. Oder anders formuliert: Die Brustgröße ist offensichtlich kein Entscheidungskriterium für Attraktivität.

Alltag in der Umkleidekabine

Wenn man sich beruflich mit Unterwäsche beschäftigt, lernt man jede Frau als auf ihre eigene Art schön und weiblich kennen. Im intimen Beratungsgespräch in der Umkleidekabine ist man nicht nur unterstützende Ratgeberin, sondern auch Mitwisserin dessen, was sich eine Frau wünscht, wie sie sich sieht und gesehen werden möchte.

Dabei fällt mir immer wieder auf, dass die Frage, was genau eine Brust attraktiv macht und wie diese denn „richtig" aussehen soll, Unsicherheit auslöst. Häufig gewinnt man den Eindruck: Über Brüste - ja, allein schon das Wort!- redet man nicht. „Ich suche schon so lange etwas für mein „Problem", hätten Sie denn da was?", hören wir bei der BH-Beratung häufig. Das Spannende daran ist die Wortwahl: Wie kann eine Brustgröße oder -form ein „Problem" darstellen? Nicht die Brust ist doch „falsch", höchstens der Schnitt des BHs.

Der neue Einheitslook

Deshalb nochmals zurück zu den kleinen Busen als Beispiel, an dem sich dieses „Problem" gut verdeutlichen lässt: Abseits von Instagram und rotem Teppich scheint ein kleiner Busen gefühlt „irgendwie nicht ok" zu sein. Nach allgemeinem Dafürhalten muss er darum per BH gepusht, geformt und vergrößert werden. Man lernt, die Brust zu „kaschieren", mit bis zu 200-%-Push-ups, Paddings, vorgeformten Schalen etc. Viele Frauen mit A-Körbchen berichten sogar von Shoppingempfehlungen à la „Schauen Sie doch einmal in der Kinderabteilung!" und fühlen sich zu recht nicht ernstgenommen.

Man ist also „Frau" erst ab einer bestimmten Cup-Größe? Dieses Denken hat sich offenbar mittlerweile verselbständigt: Wir erleben, dass Frauen dazu neigen, ihre eigene Brustgröße fehleinzuschätzen, nämlich meist in Richtung „mittlere Werte". Zahlreiche Frauen mit kleinem Busen halten sich tendenziell - in puncto Brustumfang - größer, als sie sind: „A-Cup? Nein, da habe ich doch mehr!" Ganz oft nehmen wir heute unsere Körper nicht so wahr, wie sie sind, sondern wie wir sie uns vorstellen. Das stützt auch eine Statistik des Bekleidungsphysiologischen Instituts Hohenstein.

Diese stellte fest, dass ca. 49 % aller Frauen Ihre eigenen Brustmaße nicht kennen und häufig eine für sie falsche BH-Größe und -Passform wählen. Und so liegt über einer Vielzahl von Brüsten heute eine Art BH-Uniform mit dem immer gleichen, meist großflächigen Rundungsansatz - häufig nicht wirklich ausgefüllt, mit deutlich „Luft" an diversen Stellen im Körbchen und bereits von Weitem als künstliche Form erkennbar.

Warum unterwerfen wir uns diesem Einheitslook? Wieso gilt nicht auch beim BH die Maxime, die sonst in der Mode zählt, nämlich, das, was man hat, gekonnt in Szene zu setzen? Woher kommt es, dass eine kleine Brust nicht selbstverständlich als feminin und sexy angesehen wird? Erschüttert so etwas wie die ungepaddete Oberweite die stereotype Vorstellung einer „korrekten" Brust? Definieren wir Femininität also nach Cup-Größe? Und wann ändern wir das endlich?

Frauen - und schon wieder die Männer

Wenn man nun nachhakt, warum Frauen ihre Oberweite als potenziell problematisch empfinden, wird deutlich, dass viele sich diese Frage noch gar nie gestellt hatten. Überraschenderweise lassen sich die meisten Erklärungen verkürzt auf folgenden Nenner bringen. Verantwortlich dafür seien nämlich „die Männer": „Männer finden ausschließlich große Brüste schön."

Fragt man jedoch bei Männern nach, stellt man fest, dass so eine Vorstellung einfach nicht den Tatsachen entspricht. Der Druck, einem Körperbild mit einer bestimmten Cup-Größe zu entsprechen, geht nicht von Männern aus. Auch sie sehen sich Frauen als Ganzes an - und nicht nur deren Oberweite. Natürlich leben Klischees wie dieses vor allem in der „Gruppendynamik" von „Stammtischen" weiter. Und das gilt auch für uns Frauen. Denn es sind wir, die in diesem Fall eine reine Erwartungshaltung, mag es auch unbewusst sein, weitertragen.

Und was nun?

Wer soll dieses „Body Image" verändern, wenn nicht wir, Frauen und Männer, jetzt und heute? Körperideale verändern sich nur langsam, Unterwäsche tragen wir jeden Tag, und Kleidung ist, ob man will oder nicht, eine Form der Kommunikation. Deshalb lohnt es sich, bewusst damit umzugehen, was ich signalisieren will, welches Körperbild ich weiterverbreiten möchte - wofür auch immer man sich seinem ganz persönlichen Stil entsprechend entscheidet.

Unvoreingenommen hinzuschauen jedenfalls ist immer ein guter Tipp, denn es verbessert Beziehungen: zwischen Frauen und ihren BHs, und bestimmt auch zwischen Frauen und Männern. Irgendjemand muss ja mal damit anfangen. Damit zum Beispiel Frauen, egal mit welcher Oberweite, sich rundum weiblich und wohl fühlen können, einfach so, wie sie sind.

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