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Diese Folgen hätte ein Brexit für Europa: drei Szenarien

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BREXIT
Alkis Konstantinidis / Reuters
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  • Im besten Fall bleibt Großbritannien im Europäischen Wirtschaftsraum
  • Im schlechtesten Fall hingegen käme es zum Bruch des Freihandels
  • Die Personenfreizügigkeit würde wohl deutlich infrage gestellt werden

Was passiert, wenn Großbritannien tatsächlich aus der EU aussteigt, kann niemand so genau sagen. Aber es gibt verschiedene wirtschaftliche Szenarien, die eintreffen könnten. Wie es am Ende ausgeht, hängt vor allem vom Kooperationswillen Großbritanniens und der EU-Mitgliedsländer ab.

Auf diese drei Szenarien müssen wir uns einstellen

Im Best-Case-Szenario finden Großbritannien und die EU-Länder zusammen eine Lösung, die die Verluste auf beiden Seiten so gering wie möglich hält. Dies könnte nach der Norwegen-Regelung erfolgen: Trotz eines EU-Austritts würde Großbritannien durch den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) im europäischen Binnenmarkt vertreten sein. Vorteile hätte diese Regelung besonders für Unternehmen, die im EU-Raum agieren. So würde sich an den Handelsvereinbarungen wenig ändern. Wie Norwegen müsste auch Großbritannien in die Gemeinschaft einzahlen. Bei der Rechtssetzung der EU dürfte Großbritannien aber nicht mehr mitreden.

Das zweite Szenario wäre eine Regelung nach dem Vorbild der Schweiz. Einigen sich Brüssel und Großbritannien darauf, dass sich Großbritannien von der EU abkoppelt, könnte ein Freihandelsabkommen nach dem Schweizer Modell vereinbart werden. Die Wirtschaftsbeziehungen mit der Schweiz werden in 120 Abkommen geregelt, die einen direkten Zugang zum EU-Binnenmarkt ermöglichen. Es würde nicht nur Jahre dauern, die Verträge für Großbritannien aufzusetzen, auch mit Handelshemmnissen müssten wir rechnen.

Und dann gibt es noch eine dritte Möglichkeit: das Schreckensszenario. Die Europäer wären stinksauer über den Brexit und wenig kompromissbereit. Ein Freihandelsabkommen hätte keine Chance, und die Binnenmarktregeln würden verfallen. Der Handel würde dann wegen der Zölle richtig teuer werden - insbesondere für Großbritannien. Denn für die Briten ist der EU-Markt sehr viel wichtiger als Großbritannien für die allermeisten EU-Mitgliedstaaten. Aber auch auf deutsche Automobilunternehmer mit Produktionsstädten in Großbritannien würden höhere Kosten zukommen.

Deutschlands Position in der EU-Politik wäre geschwächt

Vor allem hätte Großbritannien selbst mit Nachteilen zu kämpfen. Doch auch wir in Deutschland müssten uns kurzfristig auf schwerwiegende Folgen am Markt (zum Beispiel in der Automobilindustrie) einstellen. Langfristig gesehen würden wir einen wichtigen Partner in ordnungspolitischen Fragen verlieren. Großbritannien und Deutschland vertreten beide marktwirtschaftliche Prinzipien - und sind damit fast allein. In Frankreich zum Beispiel wird der freie Markt nicht so hoch gehandelt. Manche unserer Positionen in der EU-Politik würden also langfristig geschwächt werden.

Neben diesen Folgen könnten wir den Brexit aber auch unmittelbar durch höhere Steuern und Zölle spüren. Bisher zahlen die Briten Nettobeträge in das EU-Budget ein. Wenn die Einnahmen wegfielen, müssten die anderen Mitgliedstaaten auf Benefits verzichten oder selbst einen höheren Betrag einzahlen. Für die Bürger hieße das, mehr Steuern zu bezahlen. Können sich Großbritannien und Brüssel nicht auf gemeinsame Abkommen einigen, wären Zölle unvermeidlich. Ein BMW Mini oder ein Jaguar wären dann plötzlich zehn Prozent teurer. Generell würde sich der Schaden für Deutschland jedoch in Grenzen halten, für die Briten wäre es dagegen eine schwierigere Geschichte.

Schwierig wird es für Personen mit doppelter Staatsbürgerschaft

Kompliziert könnte es auch im Bereich der Personenfreiheit werden. Großbritannien ist nicht Teil des Schengener Abkommens, daher werden schon jetzt Kontrollen bei Ein- und Ausreisenden durchgeführt. Die Personenfreizügigkeit, also die Möglichkeit für alle EU-Bürger, jederzeit in Großbritannien einem Job nachzugehen, würde vermutlich deutlich eingeschränkt. Gerade auch auf Personen mit einer doppelten Staatsbürgerschaft würde eine ungewisse Zukunft zukommen. Hier und auch in den anderen Punkten steht ein großes Fragezeichen im Raum.

Kommt es zu einem Brexit, müssen wir nicht nur auf Großbritannien schauen, sondern auch auf die EU-Mitgliedstaaten: Wie bereit sind sie, eine Lösung zu finden, die den Schaden auf beiden Seiten möglichst klein hält? Deutschland, da bin ich mir sicher, würde sehr offen und kooperativ auf Großbritannien zugehen. Aber ob Polen oder ein Frankreich mit der Nationalistin Marine Le Pen auch so eingestellt sind, ist fraglich.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.

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