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Aussteigen mit 40: "Oft werden wir gefragt, wie wir das so machen."

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BACKPACKER COUPLE
Ascent/PKS Media Inc. via Getty Images
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Wann seid Ihr auf die Idee mit dem Aussteigen gekommen?

Unsere erste längere Reise führte uns 1989 (als ziemliche Greenhorns) für drei Monate mit Fahrrad und Zelt nach Neuseeland. Da hat uns das Reisefieber gepackt! Auch in den nachfolgenden 14 Jahren des Berufslebens haben wir häufig Radreisen unternommen; Costa Rica, Australien, Kuba, Spanien und Kanarische Inseln, Südafrika. Immer wieder trafen wir Menschen, die seit Jahren in der Welt unterwegs waren.

Bei uns waren aber nie mehr als vier Wochen drin und nach der Rückkehr hatte uns der Berufsalltag meistens viel zu schnell wieder eingeholt - wer kennt das nicht? Als Sozialpädagogin und Ingenieur hatten wir beide interessante, anspruchsvolle Aufgaben, aber es verfestigte sich der Gedanke: "Jetzt noch einige Jahre arbeiten und dann machen wir etwas ganz anderes".

Wie macht Ihr das finanziell ... oder habt Ihr im Lotto gewonnen?

Nein, wir haben nicht im Lotto gewonnen, keine große Erbschaft gemacht, keine Abfindung bei unserer Kündigung erhalten und Arbeitslosengeld haben wir auch nie beantragt! Da wir aber schon lange vor dem Ausstieg wussten, dass wir nicht bis 65, 60, 55, ... arbeiten wollten, haben wir schon früh mit dem Sparen angefangen (nur ein kleines Auto, eine kleine Wohnung mit einfachen Möbeln, keine teuren Reisen und Klamotten, etc.)

Das ist uns nie schwer gefallen, denn ein Leben ohne große Besitztümer und Statussymbole ist mindestens genauso schön. Dennoch braucht man natürlich genügend Geld, um die neue "Selbstständigkeit" zu finanzieren. Doch das eigentliche Geheimnis besteht in der Kunst, wenig auszugeben und mit wenig zufrieden zu sein. So lernt man auch, viele Dinge mehr zu schätzen.

Seid Ihr immer nur mit Fahrrad und Zelt unterwegs?

Nein, bei unseren Reisen in Europa benutzen wir meistens unseren kleinen, ausgebauten Kastenwagen. Da ist nicht nur genügend Platz zum Schlafen - auch die Fahrräder, die Gleitschirme, das Seekajak, Kletterzeug, Rucksäcke, Lebensmittel, Wasserkanister und Stühle kommen mit. Aber am liebsten sind wir mit unseren Tourenrädern unterwegs.

Radfahren ist gesund, umweltfreundlich und preiswert. Man kann auch einmal 100km und mehr am Tag bewältigen, man sieht mehr, man bekommt als Radfahrer sehr schnell Kontakt, ... Und wenn man mal nicht mehr radeln mag (schlechtes Wetter, viel Verkehr, trostlose Strecke), dann kann man Fahrräder auch einfach im Zug, Bus oder Flugzeug mitnehmen.

Wie lange wollt Ihr das so machen?

Wir haben unsere neue Lebensform nicht zeitlich befristet. Eine Rückkehr in den alten Beruf erscheint uns wenig realistisch und erstrebenswert. Da nehmen wir lieber gelegentlich kleine Jobs an, um etwas Geld zu verdienen und um mal wieder etwas anders gefordert zu werden. So arbeiten wir gelegentlich im Allgäu freiberuflich als Outdoortrainer. Interessant, was wir dabei Neues kennen lernen.

Wird das nicht mit der Zeit langweilig?

Langeweile haben wir in den zurückliegenden Jahren nur selten erlebt. Im Gegenteil. Endlich genügend Zeit für Freunde, fürs Reisen, für unsere vielen Hobbies, fürs Lesen, ... Es geht schon mit einem gemütlichen Frühstück los. Und gelegentliche Jobs so wie gelegentliche "Meinungsverschiedenheiten" zwischen uns sorgen auch für Abwechslung.

Und was sagen Eure Verwandten und Freunde dazu?

Für die meisten kam die Nachricht, dass wir gekündigt haben, nicht überraschend, weil wir aus unseren Plänen nie ein Geheimnis gemacht haben. Nur unsere Heirat, einen Tag vor dem Abflug nach Neuseeland, war für alle eine große Überraschung.

Davon hatten wir nicht einmal unseren Familien vorher etwas gesagt. Mittlerweile haben sich alle an unser Leben als Weltenbummler gewöhnt. Über das Internet halten wir Kontakt, wenn wir unterwegs sind. Nach der Rückkehr von unseren Reisen gibt es viel zu erzählen und nachzuholen. Es klingt vielleicht merkwürdig, doch einige Kontakte sind sogar intensiver geworden.

Wir treffen natürlich auch Menschen, die einen gewissen Neid zum Ausdruck bringen. Wenn wir denen aber erzählen, dass wir z.B. Australien nicht im klimatisierten Geländewagen bereist haben, sondern 15.000 km geradelt sind und acht Monate im kleinen Zelt geschlafen haben, gibt es eher befremdliche Blicke und Aussagen wie: "Das wäre nichts für uns. Da schlafen wir doch lieber im Hotel".

Könnt Ihr Euch vorstellen, mal ganz auszuwandern?

Ja, aber nicht, weil wir es in Deutschland nicht mehr aushalten. Ganz im Gegenteil: Wir sind viel in der Welt unterwegs und kommen immer gerne wieder nach Deutschland zurück!

Warum?

Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten gibt es bei uns freie Wahlen, unabhängige Informationen und andere demokratische Grundsätze, ein hohes Maß an Sicherheit, eine funktionierende Grundversorgung mit Wasser, Strom, Lebensmitteln und Medizin, ein gutes soziales Netz, usw.... Dinge, die uns selbstverständlich erscheinen, die es aber anderswo nicht sind.

Dennoch wollen wir noch viel von der Welt sehen. Und übrigens ist das mit dem Einwandern in vielen anderen Staaten gar nicht so einfach. Die Erlaubnis hierzu hängt von vielen Faktoren ab, vom erlernten Beruf, vom Alter und davon, ob man bereits ein konkretes Stellenangebot hat. Wenn man wie wir bereits über 50 ist und gar keine feste Stelle sucht, wird es schon schwierig.

Wie plant Ihr Eure Reisen?

Wir planen eigentlich immer nur Reiseziel und Reisezeit, abhängig vom Klima im jeweiligen Land. Genaue Strecken oder gar Tagesetappen planen wir erst kurzfristig vor Ort. Schon oft haben wir Leute getroffen, die sich strikt an akribisch ausgearbeitete Pläne gehalten haben und von einem Ort zum nächsten gehetzt sind. Das ist nicht unser Ding. Oft wissen wir morgens noch nicht, wo wir am Abend ankommen.

Wenn man genügend Zeit hat, kann man aktuelle Informationen viel besser vor Ort bekommen und so manchen Insidertipp von Einheimischen und anderen Reisenden dazu. So können wir auch flexibel auf das Wetter reagieren, das wir regelmäßig über wetteronline.de (sechs-Tages Vorschau für die meisten Regionen der Erde) abfragen. Man muss ja nicht unbedingt in einen Tropensturm reinfahren.

Wie viel Geld braucht Ihr im Monat?

Wir führen seit vielen Jahren Buch über unsere Ausgaben. Unabhängig davon, ob wir gerade in Deutschland sind oder im Ausland auf Reisen, kommen wir monatlich zu zweit mit 1200 Euro gut zurecht. Davon sind ca. 500 Euro für Einkäufe (Lebensmittel, Kleidung, Freizeit), ca. 350 Euro fürs Wohnen, ca. 150 Euro für die Krankenversicherung und ca. 200 Euro fürs Auto.

So benötigen wir zu zweit insgesamt 15.000 Euro im Jahr. Nur Sonderausgaben wie Flüge, größere Neuanschaffungen oder Reparaturen gehen extra.

Wie schafft Ihr es, dass Ihr mit so wenig Geld auskommt?

Wir gehen sehr sorgfältig mit dem Geld um, leisten uns nur eine kleine Wohnung und ein preiswertes Auto, das wir möglichst selten benutzen. Gekauft werden meist nur Dinge, die wir auch wirklich brauchen.

Auf Dinge wie Smartphones, Markenartikel, Designerwaren, Computerspiele, Zeitschriften, usw. verzichten wir ganz bewusst. Und bei Einkäufen nutzen wir konsequent Angebote (Supermarkt, Räumungsverkäufe, Ebay, ...). Zeit zum Vergleichen und bewussten Einkaufen haben wir ja jetzt.

Wir kochen fast ausschließlich selbst und schlafen auf unseren Reisen meist im Zelt oder in unserem ausgebauten Kastenwagen; und das oft an den schönsten und einsamsten Plätzen unserer Erde. Das bedeutet für uns aber keine Verringerung der Lebensqualität oder Verzicht auf schöne Dinge - ganz im Gegenteil!

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Habt Ihr schon mal gefährliche Situationen erlebt?

Nein! Als Reiseziele wählen wir sichere Länder aus und meiden Ballungszentren. (Einzige Ausnahme war bis jetzt eine Fahrradreise durch Südafrika. Da haben wir uns häufig sehr unsicher gefühlt, was nicht gerade erholsam ist, aber man lernt ja dazu).

Obwohl wir oft "wild campen", manchmal trampen oder von "fremden" Menschen eingeladen werden, haben wir noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Wenn einer von uns sagt: "Mir ist etwas nicht ganz geheuer", dann machen wir es nicht. Trotzdem haben wir natürlich auch schon "unruhige Nächte" erlebt.

Was macht Ihr, wenn Ihr im Alter krank werdet, nicht mehr radeln oder im Zelt oder Auto schlafen wollt?

Vor schweren Erkrankungen ist niemand sicher. Doch ist das nicht gerade ein Grund zu sagen "Nutze den Tag - genieße das Leben"? Auf jeden Fall ernähren wir uns gesünder, bewegen uns mehr und leben stressfreier als früher.

Ansonsten sind wir weiterhin kranken- und pflegeversichert. ... und wenn wir für Rad und Zelt nicht mehr fit sein sollten, dann wird uns schon etwas anderes einfallen. Denn man hört nicht auf Dinge zu tun, weil man alt wird - man wird alt, weil man aufhört Dinge zu tun.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf ratgeber-aussteigen.de.

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