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Minimalismus ist viel mehr als Verzicht, er bedeutet Freiheit

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MAN HAMMOCK
Ghislain & Marie David de Lossy via Getty Images
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Minimalismus wird derzeit recht schnell damit in Verbindung gebracht, dass zumeist jüngere Menschen - mit idealerweise 100 Teilen - in einer möglichst leeren Wohnung auf dem Fußboden sitzen oder mit einem Rucksack rund um die Welt reisen.

Gelegentlich wird dann vermutet, dass diese jüngeren Leute doch sicherlich irgendwo bei Mama und Papa noch Kisten auf dem Dachboden, dem Keller oder im voll eingerichteten Kinderzimmer haben. Gerne wird dann auch noch erwähnt, dass Minimalismus wohl ein Trend, eine Modeerscheinung, irgend so eine Welle ist, die sich schon wieder legen wird.

"Trends interessieren mich nicht"

Nun bin ich aber 55 Jahre alt, habe weder ein Kinderzimmer, noch geheime Kisten. Trends und Modewellen interessieren mich überhaupt nicht. Gezählt habe ich meine Dinge auch noch nie. Wozu auch? Mein Zugang zum Minimalismus war ein ganz anderer und begann in einer Zeit, in der es das Wort "Minimalismus" noch gar nicht gab:

Es war 1974, ich war 13 Jahre alt und nahm erstmals an einer Wanderung des Jugendherbergswerkes teil. Alle Dinge wurden im Rucksack transportiert. Es gab kein GPS, erst Recht keine leichte Funktionskleidung und sonstiges Trekking-Zubehör. Daher habe ich vorher wirklich jedes einzelne Teil auf der Küchenwaage abgewogen.

Bloß kein Gramm zuviel, halbierte Seife, angefangene Zahnpastatube, nur die leichtesten T-Shirts und die Wandersocken waren ja ohnehin nur richtig gut, wenn sie lange getragen wurden.... Die Ausstattung der Jugendherbergen waren Lichtjahre von den heutiger Standards entfernt.

Es gab noch große Schlafsäle, Gemeinschaftsduschen im Keller, Muckefuck und Hagebuttentee. Mein wichtigstes Erlebnis war: Es ging mir gut, sehr gut sogar! Ich brauchte nicht viel Zeug, um mich wohl zu fühlen - im Gegenteil.

Weniger Dinge bedeutete weniger Gewicht und mehr Lebensfreude. Irgendwo im Nirgendwo der deutschen Mittelgebirge war ich mit anderen Gleichgesinnten unterwegs und ich habe mich frei und befreit gefühlt. Eine wesentliche und für mich prägende Erfahrung.

Achtsamkeit und Minimalismus

Wieder entdeckt habe ich den Minimalismus dann irgendwann 2010 oder 2011 - so ganz genau weiß ich es nicht mehr. Ich fühlte mich nach den vielen Jahren sozialer Arbeit gleichermaßen überlastet, wie überdreht.

Ich lernte MBSR (Achtsamkeitbasierte Stressreduktion) kennen und begann Achtsamkeit in meinen Alltag zu integrieren. Und diese Achtsamkeit war für mich ebenfalls eine ganz wesentliche Minimalismus-Erfahrung:

Gibt es etwas minimalistischeres, als sich sitzend wirklich nur auf die Wahrnehmung des Atems zu konzentrieren oder beim Zähneputzen wirklich nur den jeweils zu putzenden Zahn wahrzunehmen, anstatt schon wieder gedanklich beim nächsten und übernächsten Punkt zu sein? Für mich nicht.

Nun gehörte ich noch nie zu den Intensiv-Shoppern, habe immer schon gerne und regelmäßig entrümpelt und daher nie ganz viele Dinge besessen. Durch die intensivere Beschäftigung mit Minimalismus entdecke ich aber nun noch viel mehr:

So fiel mir irgendwann auf, wieviele Coffee-to-go ich wöchentlich konsumierte, wieviele Essen und Süßwaren zwischendurch - mal aus Langeweile, mal als vermeintlicher Stressausgleich. Und warum um alles in der Welt trieb es mich eine zeitlang immer wieder in die Technikabteilungen von irgendwelchen Kaufhäusern? Weder verschwand dort meine Müdigkeit, noch das Gefühl, völlig überdreht zu sein.

Irgendwann entdeckte ich auch, wie oft ich immer wieder auf das Handy starrte, irgendwelche Informationen abrief, die mich genau genommen überhaupt nicht interessierten und eher für zusätzlichen Stress, als für Erholung sorgten.

Sich einfach mal Zeit nehmen

Ich begann u.a. damit, meine damals noch recht langen Bahnfahrten zur Arbeit minimalistischer zu gestalten: Statt den tausenderlei Ablenkungen, einfach mal den Sonnenaufgang oder -untergang beobachten oder einige bewusste Schritte am Bahnsteig auf und ab gehen.

Ich nahm mir jetzt Zeit: Die Zeit, in mich hinein zu fühlen, was ich wirklich brauche und die Zeit, das Treiben um mich herum einfach nur wahrzunehmen, anstatt mich darin zu verlieren. Manchmal war ich dann zwar in einem ziemlichen Lärm und Getümmel unterwegs - aber ich war jetzt nicht mehr ein Teil dieses Getümmels! Auch das ist für mich Minimalismus - achtsamer Minimalismus.

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Minimalismus ist für mich viel mehr, als die Entscheidung, wie viel oder wie wenig Dinge ich ganz genau besitze. Minimalismus ist die Freiheit, mich nicht mit unsinnigem Konsum abzulenken. Minimalismus ist die Konzentration auf das für mich Wesentliche und die Frage danach, was ich wirklich brauche: an Dingen, aber auch an Stressausgleich, Ruhe, Zeit, Begegnungen.

Minimalismus ist Luxus

Minimalismus ist für mich insbesondere auch eins: Luxus! Minimalismus ist kein Verzicht, es bedeutet, das Überflüssige weglassen zu können. Es ist zudem ein unglaublicher Luxus, immer noch so viel zu besitzen, dass ich reduzieren und loslassen kann.

Nicht jede/r hat diesen Luxus, selbst oft nicht einmal Diejenigen, die eigentlich mehr als genug Dinge besitzen. Luxus ist auch, sich in unserer Hochgeschwindigkeits-Gesellschaft, Zeiten der Ruhe und Muße zu gönnen. Minimalismus hat mir insbesondere dabei geholfen, mich unbelasteter und freier durch die Welt bewegen zu gönnen - und ich genieße es sehr.

Für diejenigen Menschen, die der Ansicht sind, Minimalisten seien „Spinner" möchte ich abschließend Harald Welzer zitieren:

Soziale Transformationen sind ungleichzeitig; zunächst werden die sogenannten „first movers" als Spinner betrachtet, dann als Avantgarde, dann als Vorbilder. Man braucht daher keine Mehrheiten um Gesellschaften zu verändern.... Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung reichen ... um einen tiefgreifenden und nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel in Gang zu setzen."
(Harald Welzer, Selbst Denken, Fischer-Verlag, Seite 185)

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