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Lässt sich die Empathiewelle der ersten Monate über Jahre stabilisieren

29/01/2016 08:56 CET | Aktualisiert 29/01/2017 11:12 CET
Pacific Press via Getty Images

oder muss sie notwendig ermüden?

Gewiss, wir schenken unsere Empathie begeistert aus, wenn es sich um eine kurze Geste der Zuneigung und des Mitgefühls handelt. Dagegen knausern wir sehr, wenn es sich um Langzeitsituationen handelt. Wir reagieren auf die spontane Not, wollen dann aber den schnellen Erfolg sehen.

Der Erfolg erlaubt uns, die Empathie wieder abzuziehen. Erlauben Sie mir aber auch, etwas Ketzerisches zu sagen. Ich bin mir gar nicht so sicher, wie viel Empathie es bisher mit den Flüchtlingen gegeben hat. Natürlich will ich nicht die großartigen Leistungen und die Hilfsbereitschaft vieler Menschen herabsetzen. Ich bewundere die vielen Freiwilligen.

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Uns stehen viele Bilder von Samaritern vor Augen

Ich vermute aber, dass mehr Menschen sich mit Helfern und Vorbildern identifiziert haben, als dass sie sich in die Flüchtlinge hineinversetzt haben. Uns stehen viele Bilder von Samaritern vor Augen, angefangen natürlich mit Angela Merkel, die Empathie für uns ausstellen. Identifikation mit solchen moralischen Helden ist verlockender als Empathie.

Was am schnellsten erlahmt, ist diese Heldenidentifikation. Bei der Empathie sind viele von uns vielleicht noch gar nicht angekommen. Wir haben hier aber eine unglaubliche Chance. Bei den letzten Zuwanderungswellen wurde es versäumt, Empathie aufzubauen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten sicher zu erschöpft und mitgenommen, um sich über das Schicksal etwa der vertriebenen oder geflohenen Ostpreußen Gedanken zu machen. Als später die sogenannten Gastarbeiter nach Westdeutschland kamen oder geholt wurden, rechnete man sich bereits die bloße Arbeitserlaubnis als großes Geschenk an.

Da konnte man es sich ersparen mitzuempfinden, wie diese „Gastarbeiter" sich in der Bundesrepublik fühlten. Nun liegt es anders. Wir könnten es mit Empathie versuchen, nicht nur mit Identifikation.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der aktuellen Ausgabe vom deutschsprachigen Philosophie Magazin veröffentlicht: "Was tun? 27 Philosophen beantworten die drängendsten Fragen zur Flüchtlingskrise"

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