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Wie gef├Ąhrlich sind Fake News?

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Falschmeldungen, Propaganda, die klassische Zeitungsente - gibt es seit es Medien gibt. Warum der relativ neue Begriff ÔÇ×Fake News" pl├Âtzlich in aller Munde ist und was das auch mit dem US-amerikanischen Pr├Ąsidenten Donald Trump zu tun hat, erkl├Ąrt Philipp M├╝ller im Interview. Der promovierte Kommunikationswissenschaftler hat in einer aktuellen Studie f├╝r die Friedrich-Naumann-Stiftung untersucht, wie sich gefakte Nachrichten im Internet auf die Meinungsbildung auswirken. Mit freiheit.org spricht der Experte auch ├╝ber Sinn oder Unsinn des L├Âschens von ÔÇ×Fake News", das geplante Netzwerkdurchsuchungsgesetz, ├╝berzeugendere Ma├čnahmen und offene Forschungsfragen.

Herr M├╝ller, Sie forschen an der Universit├Ąt Mainz ├╝ber die Wahrnehmung von Medien, auch im Hinblick auf ihre populistischen Wirkungsweisen. F├╝r die Friedrich-Naumann-Stiftung haben Sie jetzt die Auswirkungen von "Fake News" im Internet analysiert. Haben Sie selbst schon einmal eine Falschmeldung f├╝r bare M├╝nze gehalten? Wenn ja, welche war das?

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Klar. Zu behaupten, irgendjemand w├Ąre davor gefeit, Falschmeldungen f├Ąlschlicherweise zun├Ąchst zu glauben, w├Ąre anma├čend. Das kann uns allen passieren, auch Medienforschern und Journalisten.

Als es zum Beispiel im Nachklapp zur letzten Silvesternacht hie├č, in Frankfurt-Sachsenhausen habe es sexuelle ├ťbergriffe gegeben, ├Ąhnlich denen im Vorjahr in K├Âln, da habe ich das zun├Ąchst geglaubt. Es wurde ja auch von professionell arbeitenden Medien aufgegriffen und verbreitet. Sp├Ąter hat sich dann herausgestellt, dass das gelogen war.

Eine Jury aus Sprachwissenschaftlern hat ÔÇ×Fake News" zum Anglizismus des Jahres gek├╝rt. Falschmeldungen, Propaganda, die klassische Zeitungsente - gibt es seit es Medien gibt. Warum sind ÔÇ×Fake News" pl├Âtzlich in aller Munde? Und wieviel hat das auch mit dem US-amerikanischen Pr├Ąsidenten Donald Trump zu tun?

Der Unterschied zur klassischen Zeitungsente besteht darin, dass Fake News wissentlich und willentlich als Falschmeldungen verbreitet werden. Bei der Zeitungsente liegt in den meisten F├Ąllen ein Irrtum oder Versehen vor.

Journalisten, zumindest in freien, demokratischen Staaten haben wenig Interesse daran, Falschmeldungen zu verbreiten. Im Internet kann aber jeder zum Journalist werden, ohne daf├╝r von einer gro├čen professionell arbeitenden Nachrichtenorganisation eingestellt zu werden. Und da kann es dann aus verschiedenen Gr├╝nden reizvoll sein, bewusst Falschmeldungen zu verbreiten.

Weil sich damit ├╝ber Werbebanner Geld verdienen l├Ąsst, wenn andere diese Meldungen lesen - oder weil man sie f├╝r politische Zwecke instrumentalisieren kann. Im Zuge des letzten amerikanischen Pr├Ąsidentschaftswahlkampfs hat vor allem das Lager von Donald Trump und sogenannte ÔÇ×alternative" Medienanbieter wie Breitbart, die den Kandidaten unterst├╝tzt haben, auf diese Karte gesetzt.

├ťbrigens schon in den Vorwahlen innerhalb der republikanischen Partei. Gleichzeitig bezichtigt Trump jetzt gerne alle anderen politischen Lager und Medienanbieter, Falschmeldungen zu verbreiten.

Er hat als politisches Ph├Ąnomen also viel damit zu tun, dass wir heute ├╝ber Fake News sprechen. Dass er gleichzeitig f├╝r einen US-Pr├Ąsidenten erstaunlich niedrige Zustimmungswerte hat, zeigt allerdings andererseits, dass ihm eine Mehrheit der B├╝rger das nicht so einfach durchgehen l├Ąsst.

Sind Nutzer denn generell nicht eher kritisch gegen├╝ber dem Wahrheitsgehalt von Social-Media-Inhalten eingestellt? Oder ist gerade das Gegenteil der Fall? Inwiefern haben gefakte Nachrichten im Kontext von Online-Kan├Ąlen ├╝berhaupt das Potenzial, Meinungen zu ver├Ąndern?

Nachrichteninhalte werden vor allem dann kritisch hinterfragt, wenn wir uns bewusst daf├╝r entscheiden, sie zu rezipieren, wenn wir zum Beispiel an einem bestimmten Thema stark interessiert sind oder ganz generell motiviert sind, uns mal ├╝ber das aktuelle Geschehen zu informieren.

Dann wenden wir uns Nachrichten bewusst zu und denken auch ├╝ber sie nach. Dann k├Ânnen Nachrichten Meinungen auch ver├Ąndern. Wenn wir Nachrichten auf Social-Media-Kan├Ąlen wie Facebook anschauen, ist das aber oft nicht der Fall. Die wenigsten Nutzer rufen Facebook auf, um sich gezielt ├╝ber Nachrichten zu informieren.

Die meisten wollen sich dort einfach die Zeit vertreiben. Das zeigen Studien.Trotzdem erreichen uns dort auch immer mehr Nachrichten. Diese werden auf Facebook aber eher wenig bewusst und damit auch eher unkritisch verarbeitet. Ich ├╝berfliege sie.

Nur wenn mich ein Thema interessiert, bleibe ich h├Ąngen, und lese vielleicht den kompletten Artikel der dort verlinkt ist. Bleibt es beim ├ťberfliegen, ziehe ich in erster Linie Schl├╝sse, die meine bestehende Meinung best├Ątigen.

Wenn eine ├ťberschrift bei Facebook beispielsweise eine eindeutig negative Bewertung ├╝ber eine Politikerin enth├Ąlt, ich diese Politikerin aber sehr gut finde, dann werde ich der Meldung kritisch gegen├╝berstehen, und meine Meinung nicht ├Ąndern, weil ich mich nicht mit den Argumenten besch├Ąftige. Meinungen werden von Meldungen, und damit auch Falschmeldungen, auf Social-Media-Kan├Ąlen also tendenziell weniger stark beeinflusst, weil sie meist nebenbei verarbeitet werden.

Im von der Bundesregierung eingebrachten Netzwerkdurchsuchungsgesetz ist aber das z├╝gige L├Âschen von offensichtlich recthswidrigen ÔÇ×Fake News" durch die Betreiber von Social-Media-Plattformen als L├Âsungsweg vorgesehen. Wie stehen Sie zu dem geplanten NetzDG? Was hei├čt das f├╝r die Meinungsfreiheit?

Das NetzDG ist aus meiner Sicht in verschiedener Hinsicht problematisch. In unserem Gutachten legen wir dar, dass die zu bef├╝rchtenden negativen Folgen von Fake News aus medienpsychologischer Sicht nicht so schwerwiegend sind, wie man anhand der aktuell hitzig gef├╝hrten Debatte denken k├Ânnte.

Das L├Âschen k├Ânnte sogar nach hinten losgehen, wenn es diejenigen, die gezielt nach entsprechenden Inhalten suchen, ver├Ąrgert, von der gesellschaftlichen Debatte weiter entfremdet und in abseitigere Winkel des Internets treibt, wo dann eine richtige Gegen├Âffentlichkeit der Verschw├Ârungstheorien entstehen k├Ânnte.

Allerdings ist hier noch weitere Forschung n├Âtig, um das mit noch gr├Â├čerer Sicherheit sagen zu k├Ânnen. Zudem ist fraglich, ob es ├╝berhaupt ein neues Gesetz braucht. Zur Verfolgung von Straftatbest├Ąnden wie Verleumdung oder Volksverhetzung gibt es bereits Gesetze.

Das NetzDG verlagert hier eine hoheitliche Aufgabe von der Justiz in den privatwirtschaftlichen Bereich.

Plattformbetreiber werden daf├╝r verantwortlich gemacht, zu entscheiden, ob eine Meldung rechtswidrig ist. Aus gutem Grund wird das in Demokratien aber nicht von Unternehmen, sondern von Gerichten entschieden.

Denn nur so kann Meinungsfreiheit gew├Ąhrleistet werden. Was wahr und was unwahr ist, ist in manchen F├Ąllen gar nicht so einfach zu beantworten. Gerichte w├╝rden in einem solchen Zweifelsfall Inhalte eher stehen lassen. Plattform-Betreiber stehen durch das Gesetz unter Druck, Inhalte im Zweifelsfall zu l├Âschen, weil ihnen sonst Strafen drohen.

F├╝r die Meinungsfreiheit w├Ąre das, zur├╝ckhaltend gesagt, nicht so toll. Denn so d├╝rften auch Inhalte gel├Âscht werden, gegen die gar nichts einzuwenden ist.

Welche Ma├čnahmen erscheinen Ihnen - ob staatlich vorgegeben oder von den sozialen Netzwerken selbst entwickelt - im Kontext von ÔÇ×Fake News" sinnvoll? Und welche Forschungen und Fragen m├Âchten Sie gerne vorantreiben und beantwortet wissen?

Wichtig ist, vor allem eine neue Medienkompetenz zu vermitteln. Klassischerweise wird in Schulen schon heute vor allem Quellenkunde vermittelt: Wie werden Medieninhalte erstellt und welche Quellen sind seri├Âs? Im Internet-Zeitalter ist es aber auch wichtig, dass die B├╝rger mehr ├╝ber ihr eigenes Nutzungsverhalten wissen.

Sie ├╝bernehmen jetzt einen Teil der Aufgabe, die fr├╝her der Journalismus erledigt hat, n├Ąmlich aus dem Angebot an Nachrichten und Informationen auszuw├Ąhlen. Im Internet begegnen wir t├Ąglich einer riesigen Menge an Informationen, nur wenige unterliegen einer Qualit├Ątskontrolle. Das muss der B├╝rger nun selbst ├╝bernehmen.

Daf├╝r ist es nicht nur wichtig, richtig einsch├Ątzen zu k├Ânnen, woher Informationen stammen und welche Absicht der Ersteller wohl hatte, ich muss auch dar├╝ber Bescheid wissen, welche Mechanismen bei mir selbst wirken, wenn ich Nachrichten ausw├Ąhle und verarbeite. Medienkompetenz im Informationszeitalter muss also auch Mediennutzungs- und Medienwirkungskunde umfassen. Das gibt dann bald genug Stoff f├╝r ein eigenes Schulfach.

Wir alle sollten uns au├čerdem vornehmen, uns von Populisten und Falschmeldungen nicht auseinander treiben zu lassen, sondern das Gespr├Ąch mit allen Mitgliedern der Gesellschaft zu suchen und alle Positionen erst mal ernst zu nehmen, auch wenn es manchmal schwer f├Ąllt.

Nur so kann es gelingen, sich abzeichnende gesellschaftliche Spaltungen zu ├╝berwinden.

In der Forschung ist noch viel zu tun. Wir wissen nichts dar├╝ber, wie viele Fake News in Deutschland eigentlich in Wahlkampf- und Nicht-Wahlkampf-Zeiten im Umlauf sind, wie viele Nutzer sie zu sehen bekommen, und was darin inhaltlich verbreitet wird. Mich interessiert vor allem die Wirkung von Falschmeldungen, auch hierzu gibt es bisher wenige Studien.

Vieles, was wir ├╝ber die Wirkung von Fake News annehmen, k├Ânnen wir bisher nur aus Studien ableiten, die sich nicht dezidiert mit Fake News befasst haben. Insbesondere die Frage, wie verschiedene Formen der Richtigstellung wirken, ist bisher ungekl├Ąrt.

Philipp M├╝ller forscht an der Universit├Ąt Mainz ├╝ber die Wahrnehmung von Medien. Der promovierte Kommunikationswissenschaftler erhielt 2017 den ÔÇ×Best Paper Award" f├╝r den Beitrag ÔÇ×Die populistische Weltanschauung. Wie Anh├Ąnger populistischer Ideen die Medien und das ├Âffentliche Meinungsklima wahrnehmen". Die Fragen stellte Julia Kranz, freiheit.org.

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