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Versucht nicht, die junge Generation auszubeuten! Sie könnte sich wehren

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Jetzt hat Bundessozialministerin Nahles die Katze aus dem Sack gelassen: Die Balance zwischen Rentnern und Beitragszahlern wird eindeutig zugunsten der Rentner verschoben. Bisher hat der Gesetzgeber eine Untergrenze für das Rentenniveau von 43 Prozent und eine Obergrenze für den Beitragssatz von 22 Prozent für das Jahr 2030 festgeschrieben.

Nun hat Frau Nahles den Planungshorizont bis 2045 verlängert - was für sich genommen gut ist, weil das Rentensystem langfristige Verlässlichkeit benötigt - und dabei beide Grenzen um 3 Prozentpunkte nach oben verschoben. Damit wird de facto die Rentenreform 2004 mit dem Nachhaltigkeitsfaktor ausgehebelt, denn der hätte den Anstieg des Beitragssatzes bis 2045 auf 23,5 Prozent begrenzt. Begründet wird die Stabilisierung des Rentenniveaus, das heute bei 48 Prozent liegt, mit der Behauptung, andernfalls drohe ein gravierender Anstieg der Altersarmut.

Aber stimmt es überhaupt, dass in 30 Jahren Altersarmut droht, wenn man jetzt nichts tut und das Rentenniveau bis 2045 auf 41,6% absinkt? Nein, das ist ein Riesenirrtum, und der hat mit dem missverständlichen Begriff "Rentenniveau" zu tun. Darunter ist nämlich nicht die durchschnittliche Höhe der Renten zu verstehen und erst recht nicht deren Kaufkraft, sondern lediglich die Relation zwischen der Rentenhöhe eines "Standardrentners" und dem monatlichen Durchschnittslohn eines Arbeitnehmers.

Reallöhne steigen

Die Reallöhne (nach Abzug der Inflationsrate) steigen aber mit der Zeit - im langfristigen Durchschnitt jedes Jahr um 1,5 Prozent. Von 2016 bis 2045 ergibt das ein kräftiges Wachstum um insgesamt 54 Prozent. Aufgrund des "Nachhaltigkeitsfaktors" in der Rentenformel, der das zunehmende Zahlenverhältnis zwischen Rentnern und Arbeitnehmern berücksichtigt, steigen die Renten etwas langsamer, aber immer noch um 34 Prozent.

Aber selbst diese Rechnung ist noch zu pessimistisch, denn sie unterstellt, dass der "Standardrentner" 45 Jahre lang zum Durchschnittsverdienst gearbeitet hat, nämlich vom 20. bis zum 65. Lebensjahr. Dabei vergisst Frau Nahles, dass das Renteneintrittsalter schon seit 2012 nicht mehr bei 65 Jahren liegt, sondern bis 2031 stufenweise auf 67 Jahre erhöht wird.

Mehr zum Thema: Nach dem Rentengipfel hagelt es Kritik aus allen politischen Richtungen

Der Standardrentner des Jahres 2045 verfügt also über 47 Beitragsjahre und einen entsprechend höheren Rentenanspruch. Damit hat er sogar 40 Prozent mehr Kaufkraft als ein heutiger Rentner.

Das allein beantwortet die Frage nach dem Entstehen von Altersarmut allerdings nicht, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen steigt auch die "Armutsgrenze" mit der Zeit an, denn ironischerweise messen wir Altersarmut durch den Bezug von Grundsicherung nach dem Motto "Arm ist, wem aus der Not geholfen wird", und das Niveau dieser Sozialleistung wird auch jedes Jahr nach einer Formel angehoben, in die neben der Preisentwicklung auch die Lohnentwicklung einfließt.

Altersarmut: Problemgruppen sind Erwerbsgeminderte, Langzeitarbeitslose und Solo-selbstständige

Langfristig kann man damit rechnen, dass die Grundsicherung (ebenfalls zusätzlich zum Inflationsausgleich) jährlich um 0,5 Prozent steigt, was sich bis zum Jahr 2045 auf 16 Prozent summiert. Das bedeutet, dass sich die Durchschnittsrente trotz Abgleiten des "Rentenniveaus" nicht zur Armutsgrenze hin, sondern von ihr wegbewegt.

Zum anderen könnte die Altersarmut dennoch zunehmen (und zwar von heute 3 Prozent aller Menschen im Rentenalter auf 5-6 Prozent), weil die Problemgruppen größer werden, die deutlich weniger Jahre in die Rentenkasse eingezahlt haben als der durchschnittliche Arbeitnehmer. Dies sind vor allem Erwerbsgeminderte, Langzeitarbeitslose und Solo-selbstständige (z.B. Imbissbudenbesitzer).

Denen ist aber mit einer allgemeinen Anhebung des Rentenniveaus um wenige Prozentpunkte nicht geholfen, weil ihre Rentenansprüche entweder bei null liegen (Soloselbstständige) oder doch weit unterhalb der Armutsgrenze.

Eine Stabilisierung des Rentenniveaus auf 46 Prozent, wie von Frau Nahles und der SPD geplant, löst also das Problem der Altersarmut nicht. Noch dazu ist sie extrem teuer, denn sie erhöht den Beitragssatz bis 2045 auf 25 Prozent. Das sind mehr als 6 Prozentpunkte mehr als heute!

Aber damit nicht genug: auch Kranken- und Pflegeversicherung werden in einer alternden Gesellschaft immer teurer, erstere verteuert sich auch durch den medizinischen Fortschritt, der uns ständig neue Medikamente für schwere Krankheiten wie Krebs beschert, von denen sich viele Patienten eine Verlängerung ihres Lebens erhoffen und auf die man daher nicht so einfach verzichten wird.

50 Prozent vom Arbeitslohn

Nach seriösen Schätzungen wird die Krankenversicherung nach 2040 24 und die Pflegeversicherung 4 Prozent kosten. In der Summe sind das weit über 50 Prozent vom Arbeitslohn, Steuern noch gar nicht eingerechnet!

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Ist das eine Ausbeutung der jungen und der künftigen Generationen? Das hängt davon ab, ob sich diese Generationen wirklich ausbeuten lassen. Der typische "Babyboomer", der heute um die 50 ist, sollte aber nicht darauf vertrauen, dass die arbeitende Bevölkerung des Jahres 2045 bereit ist, so viel von ihrem Einkommen abzugeben. Irgendwann kommt ein Schröder II und verkündet mit einer "Agenda 2040", dass der Standort Deutschland in Gefahr ist, wenn die Renten nicht erheblich gesenkt werden.

Frau Nahles ist daher zu raten, die Untergrenze des Rentenniveaus bei 43 Prozent zu belassen und durch die Aktualisierung des Standardrentners auf 47 Beitragsjahre dafür zu sorgen, dass diese auch nach 2040 eingehalten wird, statt Wahlgeschenke auszuteilen, die in der Zukunft gar nicht eingelöst werden können.

Der Verfasser lehrt Wirtschaftspolitik an der Universität Konstanz und ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium.

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