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Politische Gedankenexperimente. Rezension

17/11/2015 11:49 CET | Aktualisiert 17/11/2016 11:12 CET
F.S.

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Was heißt eigentlich Mitbestimmung? Heute glauben viele Menschen, dass die parlamentarische Demokratie so ziemlich die beste Weise sei, wie man eine Gesellschaft organisieren kann. Wenn Menschen mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind, wird darauf verwiesen, dass es doch zahlreiche Möglichkeiten für Einmischung und Veränderung gebe.

Wenn du zum Beispiel die Art der Nahrungsmittelproduktion kritisiert, wird dir gesagt, du könntest ja mit deinem Konsumverhalten Einfluss nehmen. Wenn du gegen einen neuen Flughafen protestierst, dann sagt dir der Polizist, der den Flughafen vor deinem Protest beschützt: „Wir leben in einer Demokratie. Wenn Sie etwas verändern wollen, dann müssen Sie Mehrheiten finden und andere Gesetze machen."

Nur wer tatsächlich versucht, sich in die großen Entscheidungen einzumischen, merkt schnell, dass es mit der Mitbestimmung doch nicht so weit her ist. Mit deinem Einkaufsverhalten kannst du vielleicht kleine Ökofirmen fördern, aber du änderst nichts daran, wie der Großteil der Nahrungsmittelproduktion abläuft - weil du an den wirtschaftliche Grundbedingungen, die zum Beispiel die Intensivierung der Landwirtschaft befördern, gar nichts ändern kannst.

Und wenn du dich mit der Planung von Großprojekten beschäftigst, erkennst du, wie wenig diese tatsächlich mit den Wünschen der Bevölkerung abgestimmt werden und welche Rolle die Industrielobbies bei den Entscheidungen spielen.

Wie kann Mitbestimmung sonst aussehen?

Aber wie könnte Mitbestimmung denn stattdessen aussehen? Ist es denkbar, dass bei wichtigen Entscheidungen tatsächlich alle mitreden können?

Wie könnte eine Gesellschaft funktionieren, in der es für den Einzelnen nicht nur die Möglichkeit gibt, alle paar Jahre zwischen sehr ähnlichen Parteiprogrammen zu wählen, sondern in der alle sich aktiv beteiligen können? Und in der versucht wird, in zentralen Belangen Lösungen zu finden, die für alle gut sind?

Für uns, die wir nur die bestehende Demokratie gewohnt sind, ist das schwer vorzustellen. Das kann doch nicht funktionieren, denken wir leicht, dazu sind doch die Menschen nicht gemacht! Wir nehmen an, dass das jetzige System irgendwie zu dem passt, wie die Menschen sind.

Dabei funktioniert es doch auch nur unter der Bedingung, dass die Menschen an die gegebenen demokratischen Institutionen glauben.

Aber was wäre, wenn die Menschen an etwas anderes glaubten? Wenn wir andere Institutionen und andere Entscheidungsprozesse entwickelten? Wie könnte das aussehen - und was für Probleme würde es mit sich bringen?

Diese Frage steht im Hintergrund von Max Hertzbergs Krimi „Stealing the Future". Es ist ein utopischer Roman in englischer Sprache: Er imaginiert eine andere, bessere Gesellschaft. Aber anders als die meisten utopischen Romane spielt er nicht auf einem fernen Planeten, in einem fremden Land oder zu einer ganz anderen Zeit.

Die bessere Gesellschaft ist nicht irgendwo schon da und wird beschrieben. Sie ist stattdessen im Roman erst im Entstehen. Hertzberg beschreibt einen Transformationsprozess, ein politisches Experiment. Das macht sein Buch so faszinierend.

Zugegeben, der Ausgangspunkt ist nicht unsere heutige Gesellschaft. Aber vergleichsweise nah dran: Das Buch spielt 1993 in Berlin, und zwar in der kontrafaktischen Situation, dass vier Jahre vorher in der DDR zwar das SED-Regime zu Ende ging, es aber nicht zu einer Wiedervereinigung mit Westdeutschland kam.

Transformationsprozess in vollem Gange

Stattdessen fand in der DDR des Romans eine umfassende soziale Revolution statt, ausgehend von den sozialistisch-anarchistischen Kräften der bisherigen Opposition. Vier Jahre später ist der Transformationsprozess noch immer in vollem Gange.

Aber während das Land damit beschäftigt ist, sich im Sinne echter Mitbestimmung auf allen Ebenen zu reformieren, muss es sich gleichzeitig gegen Bedrohungen der neuen Freiheit von innen und außen verteidigen.

„Stealing the Future" ist außerdem ein Krimi: Ein Mord muss aufgeklärt werden. Und vieles spricht dafür, dass der Mord einen politischen Hintergrund hat. Der Protagonist, Martin Grobe, arbeitet beim „Republikschutz" und ist dabei herauszufinden, wer an dem Komplott beteiligt ist - versuchen die Westdeutschen, die Russen oder gar alte Stasikräfte die neue Republik unter ihre Kontrolle zu bekommen?

Nachdem die Ermittlungen zu Beginn eher schleppend voran gehen, spitzt sich die Situation bald zu und Martin Grobe muss immer schneller reagieren. Als er den Verdacht schöpft, dass er bespitzelt wird, fühlt er sich unangenehm in die Vergangenheit versetzt - und umso motivierter, die junge Republik zu verteidigen.

Grobe steht voll hinter den Ideen der Revolution und identifiziert sich mit den neuen Entscheidungsprozessen, auch wenn sie manchmal langwierig und anstrengend sind. Wichtige Themen werden in lokalen Gremien wie den neu eingerichteten Runden Tischen besprochen.

Es gibt zwar noch immer ein nationales Parlament und Länderparlamente, die repräsentativ funktionieren. Allerdings sind die gewählten Repräsentant_innen in ständigem direkten Kontakt mit den Leuten der jeweils niedrigeren Ebene, und diese können die Repräsentant_innen jederzeit abberufen, wenn sie sich nicht an Vereinbarungen halten.

Gleichzeitig wurde der Bereich der Entscheidungen, für die die Parlamente zuständig sind, massiv reduziert und die politische Macht umfassend dezentralisiert, so dass alles auf dem niedrigst möglichen Level entschieden wird.

Alltägliche Dinge auf regionaler Ebene entscheiden

Die Volkskammer ist fast nur noch für die Umstruktierung des Rechtssystem und außenpolitische Angelegenheiten zuständig. Alltägliche Dinge wie Lebensmittelverteilung oder öffentlicher Verkehr werden auf regionaler Ebene, im Bezirk oder auch schon im Kiezplenum geklärt.

Auch in den Arbeitskooperativen und anderen Institutionen gelten ähnliche Prinzipien wie Hierarchieabbau, horizontaler Austausch und Konsensentscheidung. Auf diese Weise wurden vielfältige Möglichkeiten der Mitbestimmung geschaffen.

Von zentraler Bedeutung ist nicht nur die Mitbestimmung, sondern auch die Mitwirkung: So organisieren zum Beispiel Friedrichshainer Hausbesetzer_innen Schulungen über Häuserisolierung, um den generellen Energieverbrauch zu verringern.

Das wiederum steht im Zusammenhang nicht nur mit Umweltschutzthemen, sondern mit der Souveränität des kleinen Landes, die auch durch Abhängigkeit von bestimmten Energieressourcen bedroht wird.

Anarchistische Ideale noch lange nicht verwirklicht

Allerdings sind vier Jahre nach dem Systemwechsel noch längst nicht alle anarchistischen Ideale verwirklicht. Hertzberg bleibt realistisch bezüglich der Frage, wie weit eine Gesellschaft innerhalb weniger Jahre auf dem Weg von einem autoritären Regime zu einer Graswurzeldemokratie tatsächlich kommen kann.

So existieren beispielsweise sowohl die Polizei als auch die Gefängnisse noch immer. Es arbeiten sogar noch dieselben Leute dort, die zuvor das SED-Regime stützten.

Grobe, der in der DDR selbst als Oppositioneller im Gefängnis gesessen hatte, findet sich nun im Rahmen seiner Mordermittlung auf der anderen Seite wieder, muss mit Wachen und Polizei zusammenarbeiten und sich über seine eigene Rolle im neuen System klar werden.

„Stealing the Future" ist ein spannender Krimi und gleichzeitig ein utopisches Buch - es dient der Erweiterung der Vorstellungskraft. Es beruht dabei aber nicht auf bloßer Phantasie:

Bei der Darstellung der ostdeutschen Gesellschaft lässt Hertzberg seine genauen Kenntnisse der DDR-Geschichte einfließen; in die Beschreibung der neuen Entscheidungsstrukturen gehen seine langjährigen Erfahrungen mit Konsensprozessen u.a. in der britischen Umweltbewegung ein. Daher bleibt der Roman bei aller Utopie immer im Rahmen des historisch - und menschlich - Möglichen.

Hertzberg schafft es, theoretische Überlegungen mit sehr poetischen und zarten Passagen zu verschränken, so dass das Buch sowohl literarisch anspruchsvoll als auch politisch anregend ist. Es sollte uns dazu bringen nachzudenken, welche Veränderungen für uns hier und heute möglich sind - und wie sie zu erreichen wären.

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Max Hertzberg: Stealing the Future, Wolf Press 2015. Bezugsquelle in Deutschland hier.

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