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Friede, Freude, Spaltenboden - Das schmutzige Geschäft auf der Messe EuroTier

17/11/2014 15:25 CET | Aktualisiert 17/01/2015 11:12 CET
thinkstock

Auf der weltgrößten Fachmesse für Nutztierhaltung, der EuroTier in Hannover, konnte man vergangene Woche nicht nur erleben, wie weitgehend Tiere in der modernen Fleisch-, Milch- und Eierindustrie als bloße Waren und Maschinen angesehen und behandelt werden. Sondern auch, welchen Aufwand die Industrie betreibt, um genau dies zu verschleiern.

Warum dekorieren Stallbaufirmen ihre Stände mit Bildern von süßen Tieren auf grünen Wiesen, wenn sie doch Gitter, Kastenstände, Spaltenböden und Gülleschieber für Mastanlagen herstellen? Warum wird von „Kuhkomfort" gesprochen, wenn es um Plastikmatten für verdreckte Ställe geht, in denen Kühe ein Leben lang eingesperrt sind?

Wie kann es sein, dass ein Käfig für Muttersauen „Freilauf-Abferkelbucht" genannt wird - nur weil die Sau darin nach der Geburt der Ferkel gerade mal genug Platz hat, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen, wenn überhaupt?

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Der einfache Grund: Was Tieren in der gegenwärtigen Nutztierhaltung angetan wird, ist so schrecklich, dass noch nicht einmal die Fachleute es aushalten. Man muss sich das einmal klarmachen: Schweine sind überaus empfindsame Tier, sie sind schlauer als Hunde, ausgesprochen neugierig und haben komplexe soziale Fähigkeiten.

In Deutschland werden knapp 60 Millionen dieser Tiere jährlich geschlachtet. Einige von diesen müssen wochenlang in genau körpergroßen Käfigen, den Kastenständen, dahinvegetieren, andere werden betäubungslos kastriert, die allermeisten verbringen ihr ganzes Leben in einstreulosen Vollspaltenbuchten, in denen sie nichts tun können außer zu trinken, zu fressen, zu koten und die Ringelschwänze der anderen Schweine anzufressen - deshalb werden diese Schwänze typischerweise im Ferkelalter abgeschnitten.

Wie kann man das aushalten, und vor allem: wie kann man das vermarkten?

Nur indem man die Realität beschönigt. Die Beschönigung geschieht im Kleinen an fast jedem Stand und im Großen im Hinblick auf die ganze Messe. So wird in Pressemitteilungen vollmundig behauptet, auf der EuroTier stünden Fragen der Tiergesundheit und des Tierschutzes im Fokus und die Landwirte würden sich den Herausforderungen durch veränderte gesellschaftlich-politische Anforderungen stellen.

Allerorten liest man von Tierwohl, Verantwortung, Tierkomfort und Nachhaltigkeit. Dabei geht es doch letztlich überall allein ums Geld: Wenn man sich die Werbebroschüren der Aussteller durchliest, sieht man, was letztlich verkaufsentscheidend für die angebotenen Produkte ist:

Es geht um Effizienzsteigerungen in der Produktion durch verbessertes Stallmanagement, Vorteile durch Smartphone-Monitoring der Tiere, um Einsparungen durch bessere Futterverwertung, um verringerte Futtervergeudung durch neue Fütterungssysteme, um bessere Besamungsergebnisse, verkürzte „Zwischenkalbezeiten", schnellere Gewichtszunahme, höhere Eianzahl, besseren Fettgehalt.

Auch bei den Dingen, die vordergründig als „Tierkomfort" oder „Tierschutz" bezeichnet werden, steht letztlich die Profitabilität im Vordergrund: Bequeme Liegematten für Kühe erhöhen die Milchproduktion, Wärmelampen für Ferkel reduzieren die Todesfälle.

Und selbst die Tiergesundheit muss man offenbar den Tierhaltern erst mit Verdienstanreizen schmackhaft machen: „Eine gesunde Kuh ist eine profitable Kuh. Sie können mehr verdienen, wenn Sie die Gesundheit Ihrer Herde mit dem DeLaval Herd Navigator verbessern."

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Die Mastanlagen, Milchkuhställe und Legehennenanlagen der gegenwärtigen Tierindustrie sind grausige Orte. Selbst wenn die Tiere nicht, wie so oft, unter offensichtlichen Dingen wie Krankheiten und Verletzungen zu leiden haben - sie führen ein elendes Leben. Sie werden im Jugendalter von ihren Eltern getrennt, sie können zentrale Bedürfnisse nicht ausleben.

Schweine können zum Beispiel nicht angemessen ruhen, kein Nest bauen, nicht wühlen, kein Erkundungsverhalten ausüben. Die Körper aller „Nutztiere" sind auf bestimmte Leistungen hin optimiert, die Nachteile für die Tiere mit sich bringen (schwache Knochen, überdimensionierte Euter), sie können auch nicht annähernd ein normales Sozialverhalten zeigen.

Schließlich werden sie nach einem Bruchteil ihrer möglichen Lebensdauer im Lastwagen zum Schlachthof gefahren, wo sie in vielen Fällen bei vollem Bewusstsein getötet werden.

All diese Probleme werden in der Forschungsliteratur und den Lehrbüchern für die Agrarwissenschaft selbst thematisiert: Seien es der Trennungsschmerz von Mutterkuh und Kalb, die Verhaltensstörungen der Sauen, die Bedürfnisfrustration der Mastschweine, das Federpicken der Legehennen, die Fußkrankheiten der Masthühner, die Skelettprobleme der Mastputen oder die Fehlbetäubungen im Schlachthof - all diese sind detailliert dokumentiert und statistisch erfasst.

Sie bleiben dennoch millionenfache Realität.

In der Außendarstellung der Branche wird all dies freilich gerne unterschlagen. Auch das konnte man, zum Thema Beschönigung, auf der EuroTier erleben: Auf die kritische gesellschaftliche Diskussion zur Massentierhaltung reagiert die Branche mit einer breiten Propaganda-Strategie und denkt sich immer neue Kampagnen aus, um die Akzeptanz der Bevölkerung - und damit der Käufer - zu behalten bzw. zurückzugewinnen.

Die entsprechenden Institutionen wie information. medien. agrar e.V. (i.m.a.), ein u.a. vom Bauernverband getragener Verein, präsentierten ebenfalls auf der EuroTier ihre Produkte - darunter eine Vielzahl von Materialien für Schulen. Die kostenlosen Broschüren für Lehrer sowie Poster und Arbeitsblätter für Schüler sind geradezu skandalös verharmlosend.

Im Arbeitsblatt zu „Das Geflügel" - erstellt von i.m.a zusammen mit dem Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft e.V. - soll beispielsweise ein Lückentext mit vorgegebenen Wörtern ausgefüllt werden. „Geflügelhalter halten ihre Herden in Ställen, die auf das ___ ausgerichtet sind.

Die Tiere können sich in den Ställen frei bewegen und natürlichen Verhaltensweisen wie Scharren, Picken oder ___ nachgehen". Einzufügen sind hier „Tierwohl" und „Staubbaden". Unterschlagen wird u.a., dass die Einstreu in Hühnermastställen gewöhnlich nach der Hälfte der Mastdauer bei einer Belegung von über 20 Hühner pro Quadratmeter so vollgekotet ist, dass das Staubbaden kaum möglich ist.

Natürlich wird außerdem im benachbarten Arbeitsblatt betont, wie gesund und nährstoffreich Geflügelfleisch sei. Auf dem Poster „Das Schwein", gestaltet von i.m.a und der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V., wird behauptet, die Schweine würden nach Erreichen ihres Schlachtgewichts „tiergerecht und schonend" zum Schlachthof transportiert.

Das Plakat „Moderne Rinderhaltung" wurde von der Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft e.V. (FNL) und der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter e.V. erstellt. Darauf sind Boxenlaufställe von oben gezeichnet, anhand von Nummern in den einzelnen Bereichen kann man die Beschreibungen zuordnen.

Bei Nr. 5 heißt es: „Jungviehgruppe auf trittsicherem Spaltenboden. Der Boden fördert die Klauenfestigkeit und die Sauberkeit der Tiere." Tatsächlich ist der Vorteil der Spaltenböden, dass Kot und Urin durchfallen und die Anlagenbetreiber Arbeitszeit einsparen. Im Vergleich zu Weide oder Stroh ist der Spaltenuntergrund für Rinder von Nachteil.

Sie können sich verletzen und stehen kontinuierlich über und in ihrem eigenen Kot. Der Boxenlaufstall für Milchkühe gewähre ihnen „ausreichend Bewegungsfreiheit", heißt es auf dem Poster - ebenfalls eine massive Verharmlosung, wenn man bedenkt, dass Rinder im Freien bis zu 13 km pro Tag zurücklegen.

Die FNL hat laut Eigendarstellung das Ziel, „auf der Basis solider Fakten über die vielfältigen Leistungen der Landwirtschaft" zu informieren und die nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Es handelt sich allerdings um einen Zusammenschluss von Lobbygruppen und Unternehmen der Großagrarindustrie, darunter Bauernverband, Zentralverbände für Geflügelwirtschaft und Schweineproduktion, BASF, Bayer CropScience, Monsanto etc.

Neben einer Vielzahl von Broschüren gestaltet der Verein auch den „ErlebnisBauernhof" sowie das „Schweinemobil" und das „Kuhmobil", womit ebenfalls beschönigte Darstellungen der Tierhaltung an zahlreiche Schüler und Besucher vermittelt werden. Das Problem ist nicht nur die Unterschlagung von haltungsbedingten Leiden der Tiere.

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Das Problem ist darüber hinaus ein völlig reduziertes Bild vom Tier

Als sei schon alles in Ordnung, wenn ein Tier ausreichend Wasser und Futter und einen richtig temperierten Stall hat - was offenbar keinesfalls die Regel ist, warum sollte sonst die neue brancheneigene „Initiative Tierwohl" die freiwillige Verpflichtung von Landwirten belohnen, ihren Stall einem Klima- und Tränkewasser-Check zu unterziehen?

Aber ein Schwein braucht mehr als sauberes Wasser und Futter. Wieder hilft der Vergleich mit dem Hund: Wer würde es in Ordnung finden, Hunde ihr Leben lang in engen, stinkenden Betonbuchten einzusperren? Tiere wie Schweine, Rinder und Hühner sind fühlende Lebewesen, es sind Individuen mit jeweils eigenen Eigenschaften und Vorlieben. Auch sie wollen ein Leben, das sich lohnt, gelebt zu werden. Auch sie verdienen Respekt und Rücksicht auf ihre Bedürfnisse.

Bemerkenswert ist, dass in all den Lehr-Materialien, Broschüren und Funktionärs-Reden der Industrie bestimmte grundsätzliche Fragen gar nicht angesprochen werden. Was gibt uns überhaupt das Recht, fühlende Individuen auf ökonomische Zwecke hin zu züchten, sie einzusperren, in ihren Grundbedürfnissen einzuschränken, sie körperlich zu verstümmeln und sie schließlich umzubringen? Schließlich brauchen wir keine Tierprodukte, um gesund und gut zu leben.

Es gibt für die gigantische Gewalt gegenüber Tieren keinerlei Rechtfertigung.

Selbst wenn einzelne Aspekte der Ausbeutung über die Jahre durch neuere Technologien oder gesetzliche Reformen verändert würden - eine Aussicht, auf die die Industrie immer dann hinweist, wenn die Beschönigung allein nicht mehr überzeugen kann - ändert sich nichts daran, dass die Nutzung von Tieren zu Profitzwecken es notwendig macht, sich systematisch über ihre eigenen Bedürfnisse hinwegzusetzen.

Die Fleisch-, Milch- und Eier-Industrien degradieren Tiere zu Waren und Produktionsmitteln und verursachen damit millionenfaches Leid. Sie verschleiern diese Realität durch finanzkräftige Imagekampagnen, womit sie die öffentliche Meinung massiv beeinflussen und Akzeptanz für eine Praxis schaffen, die von Grund auf schlicht inakzeptabel ist.

Ermöglicht wird diese Praxis nicht nur durch die Konsumenten, die die so erzeugten Produkte kaufen, nicht nur durch den Staat und die Politik, die sie durch entsprechende Gesetze legitimieren und nur zu häufig Protest kriminalisieren.

Nicht nur durch all die Menschen, die an den verschiedensten Stellen wie in Genehmigungsbehörden, Stallbaufirmen, Immissionsschutzbüros, Transportunternehmen, Messen und so weiter Entscheidungen treffen, die die Industrie unterstützen.

Ermöglicht wird die gegenwärtige Gewalt auch durch jede einzelne Person, die sie schweigend hinnimmt, die sich einredet, die Dinge seien gar nicht so schlimm, durch jede Person, die nicht im Rahmen ihrer Möglichkeiten dagegen opponiert.

Gegen die Beschönigung braucht es ehrliche Aufklärung über die Realität der Nutztierhaltung und eine echte Diskussion über ihre grundsätzliche Rechtfertigung. Gegen die milliardenschwere Industrie braucht es entschlossenen Protest und Widerstand.

Mehr von Friederike finden Sie auf ihrem Blog.

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