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Mein Kind will nicht in den Kindergarten, stattdessen: Kindergartenfrei

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KIND KINDERGARTENFREI
Frida Mercury
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Ich hatte euch schon einige Male berichtet, dass es im Kindergarten einfach schwierig ist. Anfangs gab es eine Phase, in der alles problemlos war, dann gab es einen Knick. Und jetzt bin ich so weit, dass ich meine Tochter komplett abmelden werde.

Eingewöhnung im Kindergarten

Im Kindergarten gibt es ja immer ein Konzept, wie die Eingewöhnung laufen soll. Wenn das nicht so reibungslos läuft, was es eigentlich nie tut, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Die eingewöhnende Person entscheidet sich entweder dafür, das Kind "weinen zu lassen" oder eben noch länger dabei zu bleiben.

Je nach Kindergarten bzw. den dort arbeitenden Individuen wird einem das leichter oder schwerer gemacht. Ich habe sogar von Einrichtungen gehört, wo die Eingewöhnung nur zwei Wochen dauert und danach hat man als Mama oder Papa nichts mehr im Kindergarten "verloren".

Ich möchte an der Stelle dazu sagen, dass "weinen lassen" nicht gleich "weinen lassen" ist. Nicht dass sich jemand angegriffen fühlt - viele Kinder weinen beim Abschied, beruhigen sich aber schnell wieder bei der Bezugserzieherin und spielen dann den Rest des Aufenthalts ganz normal weiter. Dazu benötigt es aber eine gute Bindung zur Erzieherin.

Mehr zum Thema: Warum mein Kind seine Hausaufgaben nicht macht

Ist die aber nicht gegeben, oder gibt es andere Aspekte, weshalb man sein Kind nicht gegen seinen Willen abgeben möchte, wird es problematisch für das Kind (oder auch für die Erzieher, denn die haben jetzt ein hysterisch weinendes Kind, das sie ablenken müssen).

Wenn Kinder also keine Bindung haben, sind sie gefühlt natürlich "alleine" und stehen existenzielle Ängste aus. Natürlich tritt auch da meist der Gewöhnungseffekt ein, ähnlich wie beim Ferbern*, und die Kinder geben das Schreien auf, weil sie merken, dass es nichts bringt. Es gibt aber auch Kinder, die sich monate- oder jahrelang unwohl fühlen.

* Umstrittene Methode, bei der Babys durch systematisches Schreien - Lassen und Nicht - Trösten dazu gebracht werden, durchzuschlafen.

Die Mutter, die am längsten im Kindergarten dabei geblieben ist

Und da stand ich nun - mein Kind wollte und wollte einfach nicht alleine bleiben. Alleine, das sage ich, weil sie das immer so formuliert hat. "Ich will nicht alleine sein, Mama." Das war es nämlich: Sie fühlte sich alleine.

Sie hatte keine Bindung aufgebaut zu den Erziehern und ließ sich aufgrund der gemachten Erfahrungen auch nicht mehr darauf ein, dort bleiben zu wollen. "Nur mit Mama oder Papa." Zuhause zeigte sie panische Ängste und machte massiv klar, dass es ihr dreckig ging.

Klammern, den ganzen Tag Brüllen, Alpträume, Schlafstörungen. Also schaltete ich einen Gang zurück. Machte öfters Pausen vom Kindergarten. Wenn ich dort war, verhielt sie sich meist unauffällig, und so erweckte es den Eindruck, als sei meine Anwesenheit nicht notwendig.

Das lag vor allem daran, dass mein Kind wusste, dass ich im Gebäude war. Oft hielt sie sich an mir fest und ich musste sie regelrecht mit Gewalt von mir ablösen. Immer wieder suchte sie meine Nähe, und ich reagierte zunehmend mit Frust und Ärger.

Druck gab es natürlich auch seitens der Einrichtung - wobei ich natürlich noch Glück hatte, denn ich wurde ignoriert anstatt offen kritisiert. Geholfen hat das zur Eingewöhnung leider nichts, denn es fühlte sich für mich so an, als müsste ich meine Tochter an einen Raum gewöhnen, der - ihrer Sensibilität sei Dank - ein einziges beängstigendes Chaos für sie darstellte, ohne Anker.

Der hätte eine Bindungsperson für sie sein können. Ich denke nicht, dass sie generell nicht dazu in der Lage ist, aber dass es schon sehr viel Einfühlungsvermögen und Geduld erfordert hätte - und ich war dazu einfach nicht mehr in der Lage. Die Erzieher haben die gesamte Situation ganz anders eingeschätzt als ich und empfanden mich vermutlich als die klettigste Helikoptermum des Universums.

Kindergartenfrei - warum nicht gleich so?

Dazu sei erst mal angemerkt - ich habe weder etwas gegen Eltern, die ihre Kinder in die KiTa geben, noch gegen die, die das kategorisch ausschließen. Für jeden gibt es einen individuell richtigen Weg. Ich bin keine Freundin von dogmatischen Haltungen.

Aber in unserem Fall scheint es gerade der einzig gangbare Weg zu sein, und ich frage mich momentan ernsthaft, wieso ich mich das nicht schon früher getraut habe. Schließlich bin ich ja noch eine Weile wegen der Kleinen zuhause, und ich habe das Glück, dass eine Oma in der Nähe wohnt, die auch einspringen kann.

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Vermutlich lag es daran, dass ich Angst hatte, dass mein Kind nicht "normal" sein könnte - sie war schließlich schon immer (hoch)sensibel und hat immer mal wieder ängstliche Phasen. Mein Kopf sagte also, dass ich mir Mühe geben müsse, irgendwie wird es doch zu schaffen sein. Mehr Geduld, mehr Mühe, mehr Anstrengung. Mein Herz sagte, ihr geht es da nicht gut, und ich sträubte mich wie eine Katze vor dem Wasser, sie dort brüllen zu lassen.

Ja, vielleicht grinsen jetzt einige amüsiert, da muss sie doch durch. Aber das sehe ich nicht so. Das Leben ist eine einzige "Da muss man durch" - Sache, und ich finde, wenn man es sich leisten kann (materiell, persönlich, wie auch immer), dann darf man dem Kind auch ein wenig Aufschub gewähren, sich um jeden Preis anpassen zu müssen.

Der Preis wäre mir in unserem Fall zu hoch gewesen, er hätte meine Tochter das Urvertrauen und uns Eltern hätte es die gute Beziehung zu ihr gekostet. Ich fragte mich immer wieder - und glaubt mir, ich bin ein extrem selbstreflektierender Mensch - mache ich das Richtige?

Im Prinzip habe ich es endlich geschafft, auf meine Tochter zu hören und das zu tun, was für sie am Besten ist. Klar ist es jetzt an mir, das zu kompensieren, was ein Kindergarten alles leistet. Vor allem die soziale Komponente muss ersetzt werden. Aber es gibt hier noch viele andere Möglichkeiten, und die werde ich jetzt, wo ich wieder Energie frei habe, angehen.

Ich halte euch auf dem Laufenden und freue mich über Austausch mit anderen, denen es ähnlich ergangen ist. Habt ihr Tipps oder könnt ihr über Erfahrungen berichten?

Der Beitrag erschien ursprünglich auf 2kindchaos.

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