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Mit Kindern an der Armutsgrenze - wie Familien aus den Städten verbannt werden

21/06/2017 16:33 CEST | Aktualisiert 21/06/2017 16:42 CEST
Carsten Koall via Getty Images

Wisst ihr, was mich richtig aufregen kann? Mietpreise zum Beispiel. Wohnraum ist schließlich existentiell zum Leben. Als Studentin war es mir noch relativ egal, ob ich mich nur in eine Miniaturwohnung quetschen kann. Frisch auf dem Arbeitsmarkt war mein größter Luxus eine Wohnung mit Balkon, für die Katzen und mich.

Aber mit Familie ist es echt ein Alptraum, eine passende Wohnung zu finden... Aber das grundlegende Problem ist eher (familien)politischer Natur. Man ist als Normalverdiener entweder gezwungen, Vollzeit zu arbeiten und die Kinder outzusourcen, oder man lebt an der Armutsgrenze.

Stadt oder Land? Wenn man keine wirkliche Wahlmöglichkeit hat

Klar, eigentlich muss man da hinziehen, wo der Job ist. Aber meist hat man ja in der Region noch die Option, entweder in der Stadt zu wohnen, oder eben ein paar Kilometer weiter auf dem Land. Stadt heißt, zumindest hier in der Rhein - Main - Region, dass wir uns die Stadt Darmstadt oder Frankfurt gar nicht leisten können.

Wenn man sich rein theoretisch gegen die Trillionen Mitbewerber durchsetzen könnte (und ganz ehrlich, man hat einfach keine Chance gegen das gutverdienende Paar ohne Kinder), dann kann man sich mit dem mageren Gehalt, das man hat, eh nur eine Zweizimmerwohnung leisten. Mit Kindern. KinderN. Plural.

Kinder sind laut, Kinder machen Dreck, Kinder passen sich nicht an. Ach ja, oft auch sind Familien mit Kindern sowieso asozial. Denn wären sie nicht asozial, könnten sie sich ja ein eigenes Haus leisten. Klar, oder? (Ohne Witz, die Sprüche habe ich schon gehört.)

Hat man also keine Lust (oder Chance) auf die Miniaturwohnung in der Stadt, bleibt ja nur "das Land".

Also in unserer Region sind die Dörfer rund um die großen Städte auch schon brutal teuer, sodass man sich manchmal fragt, ob man denn schon das Niveau der Münchner Vororte erreicht hat. Und die Dörfer sind nicht mal besonders schön, noch haben sie großartig etwas zu bieten.

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Landschaftlich gesehen. Oder so etwas wie einen Ortskern mit einer Straße Fußgängerzone. Wuup wuup! Mit etwas Glück findet man da auch eine Eisdiele. (Ohne veganes Eis versteht sich.)

Also die normalen Dörfer sind schon ziemlich überteuert, da hat man Glück, wenn man einigermaßen bezahlbaren Wohnraum findet. Wirklich günstig ist dann eher das "platte Land", also Dörfer, die mindestens eine dreiviertel Stunde von der Stadt entfernt sind.

Aber guess what - selbst da stehen bei über 100 Quadratmeter und 4 Zimmer sowas dabei wie "Haustiere nicht erwünscht. Für Single oder Paar. Extra Zimmer optimal geeignet für Gästezimmer oder als begehbarer Kleiderschrank." Dafuq?

Wo soll ich denn mit meinen Kindern wohnen, liebe Gesellschaft?

Es ist kein Geheimnis - junge Familien haben das wenigste Geld. Alleinerziehende natürlich noch weniger. Aber da, wo Kinder sind, ist es oft knapp. Meist arbeitet mindestens einer, und die Kinder verursachen Extrakosten. Kleidung (Schuhe!!), Nahrung, KiTa, extra Möbel, extra Wohnraum vor allem.

Man hat deutlich weniger Einkommen und deutlich mehr Ausgaben, die kaum durch das Kindergeld gedeckt werden. Kinder muss man sich also leisten können...

Aber wenn jetzt nur die Akademiker Eltern Kinder bekommen und dann im Bestfall direkt beide weiter in Vollzeit arbeiten, um das Haus abzubezahlen - ist das nicht ein bisschen menschenfeindlich? Also, dass es nur noch ein mögliches Lebensmodell geben darf?

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Scheinbar deckt sich das ja mit der Meinung der meisten Menschen. Ein ehemaliger Vermieter war zum Beispiel richtig sauer auf mich, als ich zum zweiten Mal schwanger war.

Die knapp 90 Quadratmeter Wohnung hatte er an eine junge Familie mit einem Kind vermietet, nicht an eine Großfamilie.

Wer mehr als ein Kind wolle, der müsse sich auch ein Haus leisten können. Ich dachte, der Typ habe einen an der Waffel - aber wenn ich mir die meisten Wohnungsanzeigen anschaue, dann deckt sich das doch mit dieser Aussage.

Klar könnten wir jetzt in eine Region ziehen, in der der Wohnraum günstig ist, aber den Job garantiert uns ja auch keiner da. (Abgesehen davon dass man ja auch nicht überall wohnen möchte.) Die günstigeren Regionen sind oft die, in der höhere Arbeitslosigkeit herrschen. Also auch keine wirkliche Lösung.

Der Staat will, dass Kinder betreut werden und alle in Vollzeit arbeiten

Ich arbeite momentan zuhause, bin selbstständig. Die Einnahmen schwanken, ich muss meine Krankenkasse selbst zahlen. Das geht nur mit günstigem Wohnraum.

Die einzige Lösung wäre, beide Kinder Vollzeit in die KiTa zu geben, dann könnte ich mein Gehalt quasi 50 - 50 in die Bezahlung der KiTa und in den Vermieterrachen werfen. Aber ist das dann noch erhöhte Lebensqualität? Für mich klingt das ernsthaft nach Industrialisierung.

Damals war es kaum anders. Die Mütter sind in die Fabrik gegangen, um sich ihr verranztes Zimmer leisten zu können. Ok, ganz so schlimm ist es nicht mehr. Aber mit einem Gehalt geht wirklich kaum noch was.

Ich denke, es ist auch so gewollt - von der Gesellschaft, der Politik, oder was weiß ich - dass wir unsere Kinder in die Obhut des Staates geben und uns als (schlecht bezahlte) Arbeitskräfte abrackern, ohne jemals wirklich auf einen grünen Zweig zu kommen.

Ich habe übrigens Sozialpädagogik studiert und nie mehr als Erziehergehalt bekommen. Dieser Studiengang ist echt armselig und lohnt sich nicht, finanziell gesehen.

Mir geht es nicht (!) darum, irgendein Lebensmodell abzuwerten. Wer gern 100 Prozent arbeitet und die Kinder glücklich in der KiTa sind und die Familie zufrieden ist, freut mich das. Aber alle anderen haben kaum eine andere Wahl, wenn sie eben nicht so leben wollen.

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Alleinerziehende haben die Oberarschkarte gezogen. Und Familien, in denen eine/r zuhause bleibt (meist die Mutter), können sich auch nur kleine Sprünge leisten. Die guten alten Zeiten, wo ein Gehalt ein gutes Leben finanzieren konnte, sind lange vorbei.

Und da sind wir wieder beim Wohnraum angelangt. Wenn eben nicht beide Elternteile 100 Prozent arbeiten, muss irgendwo gespart werden. Meist am Wohnraum, zusätzlich oft auch an Urlaub, Kleidung, Nahrung, Luxusartikel. Und die Wohnungen will kaum einer an Familien vermieten. Dumm gelaufen, oder?

Der Beitrag erschien zuerst auf 2kindchaos.de

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