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Trauer: Hilfestellungen für das Umfeld

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AMOKLAUF MUENCHEN TRAUER
dpa
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Genau vor einer Woche fand der schreckliche Amoklauf in München statt. Viele Menschen haben ihre geliebten Kinder, ihre Freunde oder Eltern verloren. Sie sind in tiefer Trauer. Doch wie geht man mit Trauernden am besten um? Ein Buchauszug aus ohne dich von Freya v. Stülpnagel, Trauerbegleiterin in München.

Mit einem Todesfall im Freundes- oder Familienkreis werden wir alle irgendwann einmal konfrontiert werden. Was machen wir dann? Wie gehen wir damit um? Was hilft, was hilft nicht? Sollen wir gleich reagieren oder erst einmal die Hinterbliebenen in Ruhe lassen?

Von den Trauernden habe ich immer wieder erfahren, wie enttäuscht sie von ihrer Familie, ihren Freunden, von den Nachbarn, vom sozialen Umfeld sind. Sie bekommen nicht die Zuwendung und Unterstützung, die sie sich so wünschen würden. Sie fühlen sich alleingelassen und zu dem Trauerschmerz kommt dann noch das Unverständnis der Umgebung. Bei der Beerdigung sind sie alle da, aber ein Jahr danach, wer denkt da noch an den Trauernden?

Auch die Seelsorger haben leider oft nicht gelernt, auf Trauernde in einer angemessenen, hinhörenden Weise zuzugehen. Dabei wäre die Trauer eine so gute Möglichkeit, Menschen für die Kirche und den Glauben zu öffnen. Sie wären dankbar dafür. Hat doch der Glaube so viele wunderbare Tröstungen. Ich denke da besonders an die Psalmen und Rituale, die die Menschen in der Trauer unterstützen könnten.

Eine individuell gestaltete Trauerfeier, bei deren Vorbereitung der Seelsorger zum Hörenden wird, könnte für die Trauernden zu einem unvergessenen Geschenk werden. Stattdessen konfrontiert man die Trauernden oft mit vorgefertigten liturgischen Abläufen, in denen von Mitgefühl und achtsamem Umgang wenig erkennbar ist. Oder eine Beerdigung wird sogar abgelehnt.

Eine verwaiste Mutter, die ins Pfarramt ging, um einen Gottesdienst bzw. die Beerdigung für ihren Sohn, der am Suizid gestorben war, zu erbitten, wurde abgewiesen mit dem Satz: "Unser Pfarrer mag so etwas nicht." Wenn sich jemand danach von der Kirche abwendet, von der er derart enttäuscht wurde, dann darf das niemanden wundern.

Ein Theologe, der in der Trauerbegleitung tätig ist, meinte zu mir, dass die Kirche von den weltlichen Trauerbegleitern unendlich viel lernen könnte. Werden die Seelsorger, egal welcher Konfession, eines Tages so offen sein?

Wir wurden durch einen Seelsorger sehr gut begleitet

Wir selbst hatten einen wunderbaren Seelsorger, der uns treu und ausdauernd zur Seite stand, der das richtige Gespür hatte, für das, was nottat, der mir das Gefühl gab, mich jederzeit (und sei es nachts) an ihn wenden zu können, falls es mir so schlecht ginge, dass ich nicht mehr weiterwüsste.

Er erschien aber auch ungefragt, immer wieder, und schenkte uns seine Zeit und Zuwendung. Wir haben durch ihn einen anderen, neuen, weiteren Zugang zum Glauben gefunden. Ich weiß nicht, wo ich heute stehen würde, hätte ich diese intensive Betreuung nicht erfahren.

Eine große Hilf- und Ratlosigkeit macht sich in einem Trauerfall bei vielen Menschen breit. Sie wollen gern helfen, etwas Gutes tun, aber sie wissen nicht was und wie.

Eine wunderbare Erfahrung habe ich nach der Tsunamikatastrophe machen dürfen: Unmittelbar nach einem Interview, das ich für verwaiste Eltern in diesem Zusammenhang gegeben hatte, wandte sich ein junger Mann per Mail an mich und fragte, was er tun könne. Sie seien ein großer Freundeskreis, und ein Paar mit zwei kleinen Kindern sei zu der Zeit in diesem Gebiet gewesen. Die Kinder waren von der Welle fortgerissen worden, die Frau sei schwer verletzt. Wie und was sie jetzt tun könnten.

Zwei Tage später trafen wir uns in unserem Büro. Sechs Rat suchende Paare fanden sich ein. Es war ein intensives Gespräch, es wurden sehr offen Fragen gestellt, Bedenken geäußert, gemeinsam nach Lösungen und Antworten gesucht, und wir durften von unseren Erfahrungen erzählen.

Immer wieder einmal habe ich danach mit einer jungen Mutter aus diesem Kreis Kontakt gehabt, und sie erzählte mir, wie dankbar sie alle damals für das Gespräch waren und wie wichtig es für sie war, um die natürliche Scheu zu verlieren, auf die Hinterbliebenen zuzugehen. Vieles haben sie umsetzen können von dem, was wir besprochen hatten. Was für ein wertvoller Freundeskreis, habe ich mir damals gedacht. So einen würde ich allen Trauernden wünschen.

Manche denken, dass nach einem Trauerjahr wieder alles normal ist

Dasein, Hören und Mitgehen, das sind die entscheidenden Haltungen, die dem Trauernden guttun. Und dies über eine lange Zeit. Viele sprechen vom ersten Trauerjahr. Die Menschen meinen, nach diesem Trauerjahr müsste der Trauernde langsam wieder "normal" werden.

Tatsache ist, dass nach dieser Zeit, in der alles zum ersten Mal ohne den Verstorbenen erlebt wurde, besser "überlebt" wurde - Geburtstag, Weihnachten, Ostern, Allerheiligen, Todestag -, der Verlust in seiner ganzen Tragweite erst richtig realisiert werden kann. Oft ist das zweite Trauerjahr noch viel schwieriger, tut noch mehr weh, weil die Endgültigkeit, das "Nie-wieder" unseren Verstand und unser Herz erreicht haben.

Sich selbst zurückzunehmen, sich auf den Trauernden einzulassen, ihn bei seinen schweren, mühseligen, anstrengenden Schritten zu begleiten, ihm die Sicherheit und das Vertrauen zu geben, dass sie für ihn da sind, das ist das größte Geschenk, das die Menschen dem Trauernden machen können. Es ist ein Balanceakt zwischen liebevoller Zuwendung und respektvoller Distanz.

Was Trauernden guttut

Im Folgenden habe ich ein paar Gedanken zusammengetragen, damit Sie, die Sie nicht betroffen sind, als Mitgehende vielleicht ein "Geländer" bekommen, das Ihnen Mut macht, nicht aufzugeben, um weiter mitgehen zu können.

• Reagieren Sie schnell - so schnell wie möglich. Hierzu eine Erfahrung: Die Religionslehrerin eines meiner Kinder sagte nach dem Tod unseres Sohnes zu den anderen: "Jetzt lasst sie doch erst einmal in Ruhe und zu sich kommen." Irgendwann war es zu spät. Ich traf sie auf einem Geburtstag, nun wollte sie mich besuchen und wir machten auch einen Termin aus. Sie vergaß ihn. Wir haben uns nie mehr im Zusammenhang mit dem Tod unseres Sohnes getroffen. Es war zu spät.

Ein anderes Beispiel: Eine befreundete Mutter, die Kinder im gleichen Alter wie meine hat, meinte nach einem Jahr, als ich sie auf einem Geburtstag traf, ob wir uns nicht auf einen Spaziergang treffen könnten. "Weißt du", antwortete ich ihr, "in diesem Jahr ist so viel in mir und um mich herum passiert, dass ich gar keine Lust habe, mich jetzt mit dir auf einem Spaziergang zu unterhalten. Und wenn ich dir einen Rat geben darf, wenn du wieder einmal mit dem Tod im Freundes- oder Bekanntenkreis konfrontiert wirst, reagiere gleich, denn irgendwann ist es sonst zu spät." Sie war nicht beleidigt, sondern sagte: "Vielen Dank, dass du mir das so sagst." Sie war sich offensichtlich nicht bewusst, wie ihr Verhalten auf mich gewirkt hatte.

Überlegen Sie sich nicht lange, wie Sie Ihr Mitgefühl elegant und stilgerecht formulieren. Drücken Sie das, was Sie fühlen, authentisch und ehrlich aus. Lassen Sie Ihr Herz und Ihren Bauch sprechen. Trauernde haben ein ganz sicheres Gefühl für das, was ehrlich ist, was aus dem Herzen kommt.

• Wenn Sie nicht schreiben mögen und den ersten persönlichen Kontakt scheuen, legen Sie einen Blumenstrauß vor die Tür, mit dem Satz: "Wir denken an euch."

• Schauen Sie, wo Sie praktische Hilfe leisten können: Beispielsweise einkaufen, einen frischen Salat machen, einen Kuchen backen. Freunde stellten uns damals das fertige warme Essen vor die Tür. Es war genau das Richtige, denn ich konnte nichts essen, geschweige denn an das Kochen denken. Sich um die Hausaufgaben der anderen Kinder zu kümmern oder einen Abholdienst für Kindergartenkinder zu organisieren. Botengänge erledigen oder den Trauernden einladen, ihn auf den Friedhof begleiten, so er mag, oder mit ihm spazieren gehen, sind Angebote, die stützen, ohne aufdringlich zu sein.

• Schenken Sie dem Trauernden ein schönes Gedicht, eine schöne Geschichte, ein trostvolles Buch. Trauernde saugen alles auf, was der Seele guttut. Auch eine tröstende Musik, die Ihnen selbst in schwieriger Zeit gutgetan hat, wird Anklang finden.

• Sagen Sie nie: Melde dich, wenn du etwas brauchst. Der Trauernde wird sich nicht melden, denn er hat nicht die Kraft, sich zu melden. Sie müssen den Kontakt suchen, da sein. Und seien Sie nicht enttäuscht, wenn ein Trauernder immer wieder ablehnt, weil er einfach noch nicht die Kraft hat, sich auch nur ansatzweise zu öffnen. Sie werden selbst spüren, wenn der Trauernde, aus welchen Gründen auch immer, tatsächlich überhaupt keinen Kontakt mehr möchte.

• Schauen Sie immer wieder bei dem Trauernden vorbei und erspüren Sie, was er braucht.

• Lassen Sie den Trauernden immer wieder über den Verstorbenen reden, über den Todeshergang, wenn er mag. Versuchen Sie, einfach zuzuhören. Kommentieren Sie nicht das, was der Hinterbliebene Ihnen mitteilt, hören Sie zu, wie es Benedikt von Nursia beschreibt: Mit "hörendem Herzen".

• Erzählen Sie von Ihren Erlebnissen mit dem Verstorbenen, was Ihnen besondere Freude mit ihm gemacht hat.

• Nennen Sie den Verstorbenen beim Namen, immer wieder auch nach Jahren. Dieses Leben soll nicht vergessen werden, das, was diesen Menschen ausmachte. Hierbei ist es außerordentlich tröstlich, wenn der Name des Verstorbenen genannt wird. Den Trauernden tut es gut, den Namen auszusprechen und auch, ihn immer wieder zu hören.

• Suchen Sie nach alten Fotos, auf denen der Verstorbene abgebildet oder mit abgebildet ist.

• Denken Sie an den Todestag, den Geburtstag des Verstorbenen. Diese Tage sind in die Herzen der Angehörigen eingebrannt und werden auch nach Jahren noch als besonders schmerzvoll empfunden. Damit Sie diese Gedenktage nicht vergessen, schreiben Sie sie am besten in Ihren Kalender.

• Fragen Sie nie, so "en passant", "Wie geht es dir", wenn Sie nicht wirklich eine offene, ehrliche Antwort haben wollen. Diese Frage ist tatsächlich gerade im ersten Jahr unpassend. Ich habe damals darauf immer geantwortet: "Wie soll es mir wohl gehen?" Eine andere Antwort könnte lauten: "Möchtest du eine kurze oder eine lange Antwort?" Besser ist es vielleicht, zu fragen: "Wie kommst du zurecht, wie hältst du diese schwere Zeit durch?" Oder: "Wie sieht es heute aus?"

• Weichen Sie dem Trauernden nicht aus, gehen Sie offen auf ihn zu, sagen Sie ehrlich zum Beispiel: "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin so betroffen."

• Sagen Sie nicht, wenn Sie den trauernden Angehörigen nach langer Zeit treffen: "Ich wollte Ihnen ja schon längst schreiben, aber ich war so schockiert und konnte nicht." Er wird sich abwenden.

• Laden Sie den Trauernden ein und lassen Sie ihm die Möglichkeit, jederzeit wieder absagen zu können. Kleinere Einladungen wird er eher annehmen, weil er sich vielleicht etwas geborgener fühlt als bei großen Veranstaltungen. Sorgen Sie dafür, dass er einen guten Platz hat, und zwar nicht gerade dort, wo über Banales, wie beispielsweise die schlechte Qualität der Putzfrau, geredet wird. Das ist für Trauernde unerträglich.

• Hüten Sie sich vor Floskeln, auch vor religiösen, die sich so anhören können: "Jetzt hast du einen Engel/Fürsprecher im Himmel." Oder: "Gott bürdet dir nur so viel auf, wie du tragen kannst." Oder: "Er/sie ist jetzt an einem besseren Ort." Oder: "Es war Gottes Wille." So etwas ist vielleicht gut gemeint, aber nicht gut. Es wirkt oft verletzend und überheblich.

• Andere Floskeln könnten sich so anhören: "Er oder sie hätte nicht gewollt, dass du so traurig bist." "Wenigstens hat er/sie nicht gelitten." "Sei froh, dass du ihn so lange hattest."

• Versuchen Sie lieber, sich in den Trennungsschmerz einzufühlen, bzw. sagen Sie, dass Sie es sich nicht vorstellen können, wie schwer ein solcher Verlust ist, dass Ihnen die Worte fehlen, aber dass Sie bereit sind zuzuhören, dass Sie Zeit haben.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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