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Mein Geschlecht sollte bei der Notengebung keine Rolle spielen

21/05/2017 11:30 CEST | Aktualisiert 21/05/2017 11:30 CEST
FangXiaNuo via Getty Images

Meine Schule ist anders, als die meisten in Deutschland. In meiner Klasse gibt es nur Jungs, die Mädchen sind in anderen Klassen. Wir treffen sie meistens nur auf dem Schulhof.

Bei uns auf dem St. Michaels Gymnasium gibt es geschlechtergetrennte Klassen. Das nennt sich parallele Monoedukation und wird in Deutschland nur selten angeboten. Bis zur achten Klasse lernen Mädchen und Jungs getrennt.

"Oh wie süß, ein Junge!"

Ich bin eigentlich sehr glücklich damit, obwohl einige Lehrer es uns Jungs schwer machen.

Das St. Michaels Gymnasium war früher eine reine Mädchenschule - seit mehr als 300 Jahren, um genau zu sein. Als ich von der Gesamtschule übertrat, wurde aus mir und einigen anderen Jungs die erste männliche Klasse gebildet.

Wir waren die absoluten Exoten - die ersten Jungs auf einer katholischen Mädchenschule.

Ein Ereignis aus meinen ersten Tagen ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben. Ich ging mit meinen Eltern zum Einschreiben und wir liefen über den Schulhof, da hörte ich ein Mädchen aus der Ferne rufen: "Oh wie süß, ein Junge!"

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Ich fand das schon etwas schräg.

Wir waren die Prinzen im Märchenschloss, die Hähne im Korb. Gefühlt 95 Prozent der Schülerinnen kennen meinen Namen, während ich vielleicht 10 Prozent der Schülerinnen kenne. Manchmal werde ich von Mädchen angesprochen, die ich noch nie gesehen hab.

Den Jungs geht es in der parallelen Monoedukation nicht schlechter, als an anderen Schulen

In der achten Klasse, haben wir das erste Fach zusammen mit Mädchen. Vorher gibt es zusammen eigentlich nur AGs, Pausen und Klassenfahrten. Bis zur Oberstufe haben wir dann erstmals ein gewähltes Modul zusammen.

Auch hier ist unsere Schule anders, als die restlichen in Deutschland. Es gibt zum Beispiel das Wahlmodul "Zeitenwende", in dem es um Kunst, Philosophie und Geschichte geht.

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Als Alternative können wir "Esspedition" wählen. In dieser Fächerkombination lernen wir etwas über Chemie, was dann zum Beispiel beim Backen praktisch angewendet wird.

Oft wird unserem Schulmodell vorgeworfen, dass die Jungs dabei schlechter wegkommen, als an anderen Schulen. Dass die Trennung nur bei den Mädchen zu konzentriertem Lernen führe. Ich empfinde das nicht so. Mir macht der getrennte Unterricht nichts aus.

Vor allem merke ich jetzt, wo ich in der achten Klasse das erste Fach mit den Mädchen zusammen habe: Einen großen Unterschied macht das nicht.

Den Jungs geht es generell nicht schlechter als den Mädchen. Im Gegenteil, wahrscheinlich profitieren beim Lernen alle davon.

In den getrennten Klassen können spezielle "Jungs- und Mädchenthemen" viel tiefer behandelt werden - ohne dass sich das jeweils andere Geschlecht langweilt. Auf die verschiedenen Interessen kann viel besser eingegangen werden.

Auch für die Berufsfindung wird an unserer Schule viel getan. Ab der achten Klasse haben wir Berufsfelderkundungstage und in der neunten ist sogar ein zweiwöchiges Praktikum vorgeschrieben.

Bei einigen Lehrern finde ich die Notengebung komplett unverständlich

Ich bin glücklich an der Schule und finde das Konzept gut.

Einige Lehrer sehen das jedoch anders - und das bekommen wir manchmal zu spüren. Die getrennten Klassen waren ein Kompromiss, einige der Entscheidungsträger hätten lieber gar keine Jungs an der Schule gesehen - wahrscheinlich, weil es in der Schule so tief verwurzelt war und sich einige extra wegen der Mädchenförderung angemeldet hatten.

Unsere Jungs-Klasse hat den Ruf, oft sehr laut zu sein und viel Mist zu bauen. Was wir dann manchmal zu hören bekamen war das typische: "Die Mädchen sind viel reifer als ihr!"

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Bei manchen Lehrern finde ich die Notengebung komplett unverständlich und ich glaube, dass das Geschlecht eine große Rolle spielt.

Das empfinde ich in den Kursen, die wir mit den Mädchen gemeinsam haben, sehr stark. Ich wurde sogar schon von Mädchen darauf angesprochen. Da bin ich froh, dass wir nicht in allen Fächern zusammen Unterricht haben.

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