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Ich bin Mutter eines autistischen Kindes - das habe ich euch allen zu sagen

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AUTISM
MariaDubova via Getty Images
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Wenn ihr erfahrt, dass bei einem Kind in eurer näheren Umgebung eine Autismus-Spektrum-Störung von Seiten einer Fachstelle diagnostiziert wurde, so zweifelt diese Diagnose bitte nicht an! Bestimmt sind die Eltern einen langen und schweren Weg bis zu dieser Diagnose gegangen. Und bestimmt endete ihr Weg danach nicht. So war und ist das zumindest bei uns.

Wir haben schon früh gemerkt, dass sich unser Kind in vielen Bereichen anders benimmt als seine Altersgenossen und dass es mit deutlich größeren Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Der Leidensdruck unseres Kindes war und ist oft sehr groß.

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Es verzweifelt immer wieder an sich selbst und zeigt Zwänge, auto-aggressives Verhalten und extreme Wutausbrüche. Wir haben zunächst keine Erklärung dafür gehabt und es war und bleibt schmerzvoll für uns, unserem geliebten Kind bei seinem Kampf in eurer Welt zuzuschauen.

Autismus-Diagnose: Ein schmerzhafter und langer Prozess

Und noch heute bringt uns die Erziehung unseres autistischen Kindes immer wieder an unsere psychischen und physischen Belastungsgrenzen. Die Diagnose war für uns daher eine Erleichterung. Aber es war auch ein sehr schmerzhafter und langer Prozess, sie zu akzeptieren.

Fast genauso schmerzhaft war es für uns, dass wir während dieses Prozesses selbst in unserem näheren Umfeld nicht durchweg auf Akzeptanz gestoßen sind. Im Gegenteil. In einer Zeit, die bisher sicherlich die schwerste in unserem Leben war, und in der wir uns mehr denn je nach Hilfe und Unterstützung sehnten, sind wir oft auf Ablehnung oder Unverständnis gestoßen.

Immer wieder passierte es direkt oder indirekt, dass der Autismus unseres Kindes angezweifelt wurde oder gar unsere Erziehung und unsere Lebensweise als Ursache dafür gesehen wurden. Dabei verstehen wir sogar, dass ihr zweifelt. Denn durch unser besonderes Kind haben wir gelernt, uns besser in unsere Mitmenschen hineinzuversetzen und ihnen mit mehr Respekt und Toleranz zu begegnen.

Asperger-Syndrom: Viele versuchen, ihre Andersartigkeit zu verstecken

Wir haben ein größeres Verständnis entwickelt für die Andersartigkeit und Vielseitigkeit der Menschen und für ihre unsichtbaren Erkrankungen und Störungen. Hochfunktionellen autistischen Kindern bzw. Kindern mit dem sogenannten Asperger-Syndrom merkt man ihre Störung zunächst nicht an. Viele von ihnen versuchen mit enormem Kraftaufwand, ihre Andersartigkeit zu verstecken und kompensieren so ihr autistisches, größtenteils unerwünschtes Verhalten für eine gewisse Zeit.

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Und natürlich sind auch diese Kinder einfach nur Kinder, die sich in vielen Bereichen nicht von ihren neurotypischen Altersgenossen unterscheiden. Daher wirken sie für Außenstehende meist ganz "normal". Vor allem, wenn ihr sie seht. Denn die meisten von euch sehen unsere Kinder nur für wenige Stunden.

Oft nur im Abstand von Tagen, Wochen oder gar Monaten und oft nur im Rahmen von kurzen Besuchen oder Zusammentreffen. Und meistens auch nicht in den alltäglichen Situationen, in denen diese Kinder immer wieder auf Schwierigkeiten stoßen. Daher müsst ihr uns Glauben schenken, wenn wir von unserem Kind erzählen.

Autismus - informiert euch und sprecht darüber

Falls ihr zweifelt, dann vielleicht auch deswegen, weil es euch selber schmerzt, die Diagnose zu akzeptieren. Weil ihr noch trauert oder wütend seid. Oder weil ihr Angst habt und um die Zukunft unseres Kindes bangt. Seine Selbstständigkeit und Zufriedenheit im späteren Leben anzweifelt. Dann gebt euch Zeit, diese Gefühle zu verarbeiten.

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Informiert euch über Autismus und sprecht über eure Sorgen. Zum Bespiel mit uns Eltern, denn wir kennen die ganze Bandbreite dieser Empfindungen. Wir haben sie alle durchlebt und durchleben sie immer wieder aufs Neue.

Wir sind aber auch schon einen Schritt weiter. Wir haben uns informiert. Und wir sind zu Spezialisten geworden für den individuellen Autismus unseres Kindes. Und zu Kämpfern. Wir kämpfen für unser Kind. Wir geben täglich unser Bestes.

Und wir haben uns und ihm Hilfe gesucht. Solange es uns braucht, wollen wir versuchen, ihm zu helfen und es zu unterstützen. Und vielleicht begleitet ihr uns eines Tages ein Stück auf unserem Weg.

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